Wenn der Soziologe Hartmut Rosa, der an der Universität Jena lehrt, ein neues Buch veröffentlicht, verspricht es in der Regel einiges an neuen Inspirationen und Sichtweisen im Hinblick auf eine aktuelle Zustandsdiagnose unserer Gesellschaft. Und ich kann schon einmal vorwegnehmen, dass sein vor kurzem erschienenes Buch "Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums" einige interessante Denkansätze bereithält. Allerdings sind für mich diesmal nicht alle Erklärungen Rosas nachvollziehbar und scheinen mir auch nicht bis zu Ende gedacht zu sein.
Die Hauptthese des Buches lautet, dass der Spielraum unseres Handelns immer mehr eingeschränkt werde und wir häufig nicht mehr in der Lage seien, einer Situation bzw. den Umständen entsprechend zu handeln, sondern wir unser Tun nur noch nach festgelegten Regeln und Algorithmen vollziehen – wodurch das zwischenmenschliche Verhalten untereinander leidet, wir uns isoliert und oftmals machtlos fühlen und dadurch im Endeffekt Depressionen und andere psychische Erkrankungen zunehmen, was auch statistisch belegt ist.
Lego vs. Bauklötze
Diese theoretische Herleitung ist für mich verständlich. Problematisch sind für mich die Beispiele, anhand derer Hartmut Rosa versucht, seine Thesen zu untermauern und auf die er im Verlauf des Buches immer wieder zurückkommt. Er sagt etwa, dass Kinder, die mit simplen Bauklötzen spielen, viel freier im Handeln sind, als wenn sie mit Legobausteinen nach vorliegender Spielanleitung eine Tankstelle, ein Schloss oder eine Schule bauen – so, wie es laut Baukasten vorgegeben ist. Mir leuchtet nicht ein, warum das weniger wertvoll sein sollte als wenn Kinder frei mit Bauklötzen oder Legosteinen drauflos bauen. Denn auch beim genauen Nachbauen von etwas muss das Kind eine Lernleistung erbringen. Das fängt beim Puzzle schon an.
Ich selbst war beispielsweise schon immer von Flugzeugen fasziniert und habe mit Modellbaukästen Flugzeugmodelle gebaut. Solche Modellbaukästen gab es auch schon vor 40 Jahren als Kinderspielzeug zu kaufen. Es ist richtig, dass Kinder zum Spielen Freiheiten benötigen, aber dieses Beispiel hinkt doch aus meiner Sicht sehr. Dann würden ja auch Gesellschaftsspiele, die alle nach festen Spielregeln funktionieren, das freie Handeln und Denken einschränken. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht, dass Kinder sich generell auch mit dreidimensionalen Dingen beschäftigen und nicht nur vor dem Bildschirm sitzen.
Konstellation und Situation
Die These des zunehmenden Vollziehens sieht Rosa natürlich auch in der sich weiterentwickelnden Künstlichen Intelligenz und generell in der "digital-binären Vollzugslogik der Maschinen" begründet (S. 13). Dadurch "verkümmere die Urteilskraft und die Kreativität menschlichen Handelns wird aus den alltäglichen Praxisvollzügen eliminiert", so Rosa weiter (S. 19). Und das führe langfristig zum "individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft" (S. 19).
Menschliches Handeln erfolgt laut Hartmut Rosa in Situationen und nicht in Konstellationen. Die für Rosas Buch titelgebende Unterscheidung dieser beiden Begrifflichkeiten übernimmt er direkt vom Neophänomenologen Hermann Schmitz. Nach Schmitz sind Situationen chaotische Mannigfaltigkeiten von Sachverhalten. Sie sind bedeutsam, binnendiffus und werden ganzheitlich wahrgenommen. Aus praktischen Gründen zerlegen wir Situationen im Alltag ständig in Konstellationen, damit sie bearbeitbar werden, wobei wir die vollständige Bedeutsamkeit der Situation aber nie ganz erfassen.
Rosas These lautet, dass wir durch diese Zerlegung der Situationen in Konstellationen unsere Handlungsspielräume einschränken und die Kreativität beschneiden. Auch als Professor unterliege er beispielsweise zunehmend strengeren, konstellativen Vorgaben. Noten müssten beispielsweise mittlerweile rechtzeitig bis zu einer bestimmten Frist in ein elektronisches System eingegeben werden und die Benotung soll nach einem festen Kriterienkatalog erfolgen.
Ein anderes Beispiel, das der Autor anführt, kommt aus der Küche zu Hause. Es geht um den so genannten Thermomix, der laut Rosa das freie Handeln einschränke und das Kochen nur noch zu einem vollziehenden Akt werden lasse. Ich besitze keinen Thermomix, kenne aber Personen, die mit so einem Gerät kochen und für die es eine Erleichterung im stressigen Familienalltag darstellt. Ich frage mich, ob sich Menschen, die ihren Arbeitstag beendet haben und sich abends um familiäre Aufgaben kümmern, kreativ eingeschränkt fühlen, wenn sie mit einem Thermomix eine Mahlzeit zubereiten.
Auch das autonom agierende Auto, das einem anzeigt, wann man bremsen sollte, einen erinnert, die Tür abzuschließen oder bei Glätte vorsichtig zu fahren, schränkt nach Rosa unseren Handlungsspielraum ein. Diese Vorgaben führen zu mehr Sicherheit, trotz noch vorhandener Fehler. Rosa macht mit diesem Beispiel darauf aufmerksam, dass das Verschwinden der Spielräume auch positive Effekte hat: "Konstellatives Vollziehen verspricht Gleichbehandlung, Fairness, Unparteilichkeit und Gerechtigkeit" (S. 86). Es kann Willkür, Fehler und Korruption verhindern. Verlässlichkeit und Berechenbarkeit werden hergestellt.
Doch Rosa schränkt gleich wieder ein:
"Erfahrung, Augenmaß und Fingerspitzengefühl sind nicht mehr nötig in einer Welt, die mir beim Kochen wie beim Autofahren, beim Spielen wie beim Korrigieren von Hausarbeiten bis ins Detail sagt, was zu tun ist" (S.70). "Im Übergang vom (überwiegend) situativen zum (dominant) konstellativen Agieren und damit vom Handeln zum Vollziehen wandelt sich die Art unserer Beziehung erstens zu den Dingen, zweitens zu den Mitmenschen, drittens zur Zeit und viertens zu uns selbst" (S. 71).
Mir leuchtet ein, was Hartmut Rosa hier meint. Die Menschen verhalten sich im Miteinander und in Alltagssituationen immer mehr wie Algorithmen oder Künstliche Intelligenz. Zunehmend wird es schwieriger, sich bei öffentlichen Einrichtungen oder Serviceanbietern per Telefon zu melden, da nur noch Kontaktformulare oder Chatbots zur Verfügung stehen. Dadurch verlernen die Menschen die dialogische Kommunikation und streben auch hier nach mehr Effektivität, indem sie Textnachrichten immer unpersönlicher formulieren oder Sprachnachrichten erstmal ins "Nichts" versenden. Dadurch vermeiden sie das mental scheinbar aufwändige dialogische Aushandeln, das bei einer herkömmlichen mündlichen Kommunikation nötig wäre.
Auch in der Politik werde politisches Handeln nur noch simuliert, so Rosa, indem häufig nur JA/NEIN-Fragen diskutiert werden, wie bei den Themen Waffenlieferungen, Schulschließungen während der Corona Pandemie, Tempolimit, Schuldenbremse, Wehrpflicht usw. Viele junge Menschen protestieren und engagieren sich, versuchen aber nicht mehr, sich in komplexe Zusammenhänge einzudenken bzw. sind nicht mehr bereit dazu, so Rosas Beobachtung.
Hartmut Rosa vermischt hier nach meiner Wahrnehmung die Auswirkungen der Digitalisierung und die generelle Zunahme von Vielfalt und Optionen und unterscheidet deshalb zwischen "Handlungsspielräumen und Kontingenzräumen" (S. 121). Auf der einen Seite lassen wir in unserer Gesellschaft mehr Vielfalt zu und tolerieren und unterstützen individuelle Bedürfnisse, Situationen und Lebensmodelle. Das führt jedoch nicht automatisch zu größeren Handlungsspielräumen, denn auch die vielfältigen Optionen und Kontingenzräume sind in konstellative Prozesse eingebettet.
Der offene Austausch und das Ausleben der eigenen Identität bzw. der eigenen Bedürfnisse und Wünsche führen zu Anpassungsschwierigkeiten im Zusammenleben mit Anderen. Deshalb vermeiden wir lieber gleich die Konfrontation mit Anderen und verlieren dadurch noch mehr unsere empathischen Fähigkeiten bei Auseinandersetzungen mit unserem Gegenüber. Und durch KI lässt sich das komplexe menschliche Leben schon gar nicht abbilden.
Verunsicherung im zwischenmenschlichen Miteinander
Hartmut Rosa betont, dass strenge Parameter bzw. Vorgaben in Unternehmen zur Verbesserung der Unternehmenskultur noch lange nicht bedeuten, dass sich die Mitarbeitenden untereinander gut verstehen. Es kann im Gegenteil zu mehr Stress, zu misstrauischem Beobachten, zu mehr Unsicherheiten, zu stärkeren Bewertungen und Kontrollen führen. Das intuitive Erspüren von Situationen geht verloren sowie das lässige und unangestrengte Umgehen mit scheinbarem Fehlverhalten. Die Menschen werden übersensibel und sind erschöpft. Das "Nicht-zusammen-Handeln" (S. 167) während der Corona-Pandemie hat toxisch gewirkt und Energie aus der Gesellschaft gezogen.
Ähnlich argumentiert auch der Philosoph Byung-Chul Han in seinem gerade erschienenen Buch "Ohne Respekt: Eine soziale Krise", wenn er konstatiert: "Die permanente Bewertung durch andere und der ständige Vergleich mit anderen erzeugen Unsicherheit und Angst". Durch diese Verunsicherung ist das eigene Selbst nicht mehr in der Lage, eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln und durch den eingeschränkten Handlungsspielraum Selbstwirksamkeit zu spüren.
Stattdessen schließen sich die Menschen in den sozialen Medien irgendwelchen Aussagen an, um ihren Protest bzw. ihre Meinung mitzuteilen und von sich ein bestimmtes Bild nach außen abzugeben und sich gleichzeitig wirksam zu fühlen. Sie vergessen jedoch dabei, eine eigene Haltung zu entwickeln, sich mit Themen differenziert auseinanderzusetzen und aus dem Schwarz-Weiß-Denken herauszukommen. Genau dieses eindimensionale JA/NEIN-Denken ist es, was zu Stress und paradoxerweise zu weniger Toleranz unter den Mitmenschen führt.
Fehlender Respekt
Dabei ist es genau die "schonende Distanz zum anderen, die konstitutiv für den Takt ist" und das respektvolle Miteinander, so Byung-Chul Han. Er meint, dass wir uns nur noch in einer horizontalen Ordnung bewegen und sehr wenig über unsere Zukunft nachdenken:
"Die Zukunft im emphatischen Sinne verdankt sich diesem sinn- und richtunggebenden Woraufhin, das uns zum Höheren antreibt und beflügelt. In der horizontalen Ordnung weicht sie der permanenten Optimierung der Gegenwart. Die Temporalität der horizontalen Ordnung ist die immer schneller um die eigene Achse rotierende Gegenwart, die das Gleiche fortsetzt. Die Zukunft wird durchs ständige Update der Gegenwart ersetzt. Sie ist nicht mehr als ein Derivat der Gegenwart. Im Leben als Überleben hangeln wir uns ziellos von einer Problemlösung zur anderen." (Ohne Respekt, S. 54)
Indem wir die Gegenwart nur noch durchleben und vollziehen – so könnte man Hans Überlegung mit dem Rückgriff auf Rosas Vokabular übersetzen – vergessen wir, uns persönliche Ziele zu setzen und Utopien zu formulieren.
Offene Fragen
Doch auch wenn ich Hartmut Rosas Beobachtungen teilweise teile, bleibt mir verschlossen, worauf er mit seinem Essay und seinen schon angesprochenen teils problematischen Beispielen hinaus möchte. Handelt es sich um eine Kritik an der Digitalisierung und der KI? Kritisiert er den starken Medienkonsum, der zum Verlust der Handlungsspielräume führt? Was sind die gesellschaftlichen Ursachen für den Verlust der Handlungsspielräume? Alle diese Fragen bleiben für mich nach der Lektüre offen.
Das Buch "Situation und Konstellation: Vom Verschwinden des Spielraums" von Harmut Rosa ist im Januar 2026 bei Suhrkamp erschienen und kostet 25,00 EUR (Print) bzw. 21,99 EUR (E-Book).
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