elementary OS 6 im Test: Freiheit für Minimalist*innen

Die Hoffnung auf „Linux auf dem Desktop“ ist nicht kleinzukriegen. Und so erschien am 10.08.2021 die Linux-Variante elementary OS in der nun schon sechsten Ausgabe. Durch bewusste Reduktion auf das Wesentliche verspricht elementary OS Einfachheit und Konsistenz. Aber wie gut funktioniert das im normalen Arbeitsalltag? Ich habe das System in einer Testversion bereits seit einigen Tagen auf meinem Schreib-Laptop im Einsatz. Hier sind meine Eindrücke von elementary OS 6 im Test.

Vorbemerkung

Wer sich aus Datenschutzgründen, intransparenter Produktkultur oder aus Prinzip nicht länger von großen Softwarefirmen abhängig machen will, hat zwar viel Auswahl, aber es trotzdem nicht leicht. Denn Windows (Microsoft) und macOS (Apple) sind im Heim- und Bürobereich Standard. Auch die großen Anwendungen im Bürobereich (Word, Excel, PowerPoint) und in der Medienbranche (Photoshop, InDesign, diverse DAWs, usw.) erscheinen nur für Windows und macOS. Freie Alternativen wie das in zig Varianten verfügbare Betriebssystem Linux sowie alternative Werkzeuge wie LibreOffice, Gimp, Scribus oder Ardour haben es schwer. Denn deren Nutzung setzt Neugier, Bereitschaft zum Verlernen alter Gewohnheiten und manchmal Bereitschaft zum Verzicht voraus.

Dieser Test richtet sich nicht an erfahrene Linux-Nutzer*innen; für diese gibt es Fachportale im Internet. Ich schreibe aus der Über/Strom-eigenen Perspektive, also für Menschen, die sich von der digitalen Gesellschaft schon das eine oder andere Mal gestresst fühlen, aber nicht grundsätzlich technikfeindlich sind. Personen, die ein modernes, auch optisch schönes und sicheres Betriebssystem möchten (ohne von großen Konzernen überwacht und gegängelt zu werden), die aber gleichzeitig nicht selbst Expert*in werden wollen.

Konkret geht es mir darum, ob elementary OS 6 mit seinen Versprechen von Einfachheit und Konsistenz für einen stressfreieren und sicheren Nutzungsalltag sorgen kann.

Ausprobiert habe ich elementary OS 6 auf einem gebrauchten ThinkPad T420 aus dem Jahr 2011, auf dem bis vor kurzem noch Windows 10 lief.


Übrigens: Am 17.08. erscheint mit Zorin OS 16 ein anderes Linux-Betriebssystem, das sich an Ein- und Umsteiger*innen richtet. Das schauen wir uns nächste Woche näher an.


Was ist elementary OS 6? Kurze Einordnung in die Linux-Welt

elementary OS ist ein Betriebssystem (Operating System, OS), ähnlich wie Windows oder macOS. Es sorgt also dafür, dass ein Computer überhaupt etwas tut.

Das System ist eine Variante der zahlreichen Linux-Betriebssysteme. Linux wird seit 1991 von Linus Torvalds entwickelt und ist konzeptuell dem noch viel älteren UNIX ähnlich (der Wikipedia-Eintrag zur Geschichte von Linux ist technikgeschichtlich sehr interessant). Linux war von vornherein als „freies“ Betriebssystem gedacht (frei wie in ‚Freiheit‘, nicht wie in ‚kostenlos‘, auch wenn viele Linuxe nichts kosten). Bekannte und traditionsreiche Linux-Distributionen sind zum Beispiel Slackware, Debian, openSUSE oder Fedora, es gab und gibt aber hunderte weitere. Eine Distribution ist der eigentliche Betriebssystemkern (Linux eben) plus eine Auswahl weiterer Programme. Manche Distributionen verlangen sehr viel technisches Wissen, andere richten sich an unerfahrenere Menschen.

Zu einigem Erfolg in dieser Kategorie hat es das auf Debian basierende Ubuntu gebracht, hinter dem seit 2004 die Firma Canonical steht. Canonical wurde vom ursprünglich aus Südafrika stammenden Unternehmer Mark Shuttleworth gegründet (übrigens jemand, der sich auch gut in einer Reihe mit Richard Branson, Jeff Bezos oder Elon Musk machen würde, denn Shuttleworth war 2002 der erst zweite Weltraumtourist und der erste Südafrikaner im Weltraum). Ubuntu hat viel dazu beigetragen, Linux aus der Nische der absoluten Hardcore-Nerds zu holen. Ein zeitweiliger Deal mit Amazon (bei der Suchfunktion wurden den Nutzer*innen Produktvorschläge angezeigt) brachte Ubuntu zwar viel Kritik und Shuttleworth 2013 den österreichischen Big Brother Award ein, aber die Funktion wurde 2016 abgeschaltet, und Ubuntu ist nach wie vor eine der wichtigsten Linux-Distributionen.

Regelmäßig werden neue Versionen von Ubuntu veröffentlicht, einige davon mit sogenanntem Langzeitsupport (Long Time Support, LTS), sodass man sicher sein kann, über mehrere Jahre hinweg mit Sicherheitsupdates versorgt zu werden. Unter anderem dies führte wiederum zu Varianten von Ubuntu (ja, der Stammbaum von Linux ist groß und verzweigt). Besonders beliebt ist seit einiger Zeit etwa Linux Mint. Aber auch kleinere Projekte gibt es, und elementary OS ist eines davon. Es entstand 2011 als eine eigene Distribution, die Ubuntu als (für Endnutzer*innen idealerweise unsichtbaren) Unterbau nutzt.

Wie wirkt elementary OS?

Bevor elementary OS eine Distribution wurde, war das Projekt als Elementary bekannt. Ziel war eine konsistente Sammlung von Programmen für Ubuntu. In der Designsprache orientierte man sich an Apples macOS. Und noch heute sind diese Wurzeln unverkennbar, wie der folgende Screenshot zeigt:

elementary OS 6 desktop
elementary OS 6

Ich würde nicht so weit gehen, zu sagen, dass alles wie Apple aussieht (und schon gar nicht so bedient wird), aber die Inspiration ist unverkennbar – wie auch die Liebe zum Detail ähnlich ist. Tatsächlich scheint sich das ganze System an Leute zu richten, die Wert auf Feinschliff legen und bereit sind, für ein konsistentes und elegantes Äußeres einige Kompromisse einzugehen.

Das Anwendungs- oder Startmenü zeigt standardmäßig eine alphabetische Symbolübersicht, die an Smartphones oder Tablets erinnert. Alternativ kann man es kompakter und in Kategorien sortiert anzeigen. Die Suchfunktion ist nichts weiter als die bekannte Tastenkombnation [ALT] + [F2]; sie findet Programme und kann einfache Matheaufgaben lösen, ist aber keine Volltextsuche.

An wen richtet sich elementary OS?

Elementary OS richtet sich an Menschen, die so wenig wie möglich mit dem Betriebssystem zu tun haben wollen. Es soll nicht kompliziert sein, es soll sicher sein, nicht ’nach Hause telefonieren‘, es soll ohne Aufwand gut aussehen und einen ansonsten in Ruhe lassen. Im Prinzip wären Apple-Nutzer die perfekte Zielgruppe, wenn da nicht noch das eingangs erwähnte Problem der fehlenden Standard-Anwendungsprogramme wäre.

Für Linux ist diese Ausrichtung aber Pro und Contra zugleich. Elementary OS ist auch in Version 6 nur in engen Grenzen an die eigenen Bedürfnisse anpassbar, zumindest dann, wenn man nicht in die Tiefen von Linux eindringen will. Wenn man das doch tut, dann kann man auch gleich eine der größeren Distributionen nutzen, die von vornherein mehr Auswahl lassen.

Nein, Elementary OS will genau so genommen werden, wie es ist, und es ist bewusst minimalistisch. Natürlich lässt sich das Hintergrundbild ändern, man kann einen Farbakzent auswählen und optional einen „Dark Mode“ aktivieren. Aber das war es fast schon. Im Fokus steht die eigentliche Nutzung des Computers, zum Schreiben, Surfen, Bilder bearbeiten, Musik hören, Programmieren und so weiter. Das Betriebssystem bleibt im Hintergrund und so der Faktor „Technik“ insgesamt.

Die Auswahl mitgelieferter Hintergrundbilder ist stilvoll und unterstützt wirkungsvoll das allgemeine Design.

Bewusster Verzicht, bewusste Wahl

Zumindest theoretisch. Denn in der Praxis braucht man eben auch nützliche Programme. Die unter Linux üblichen Anwendungen wie LibreOffice, Gimp, Inkscape oder Scribus sind zwar alle verfügbar. Aber nicht direkt nach dem Auspacken bzw. Installieren. Und wenn sie installiert sind, dann in deren je eigenen Designs, die sich nicht an die Vorgaben von elementary OS halten. Dann sind Farben, Symbole und Schriften dann doch wieder so vielfältig, wie unter Linux seit eh und je üblich.

Vielleicht aus diesem Grund ist das „App Center“ von elementary OS – quasi dessen App Store – anfangs noch sehr leer. Nur Programme, die sich an die recht strengen Gestaltungsrichtlinien des Systems halten und geprüft wurden, sind vorhanden. Leider sind das nur kleine Helferlein, aber nichts, mit dem man im Berufsalltag ernsthaft arbeiten könnte (außer, man ist Programmier*in; dafür ist der Texteditor Code recht brauchbar).

Das AppCenter von elementaryOS sieht wie ales im System sehr elegant und durchgestylt aus. Leider enhtält er zu Beginn nur eine sehr geringe Auswahl an einfachen Hilfsprogrammen. Aktualisierungen für installierte Programme sowie den Ubuntu-Unterbau lassen sich hier jedoch sehr einfach erledigen – bequemer als bei anderen Ubuntu-Derivaten.

Mehr Programme gibt es in sogenannten Flatpaks. Das ist eine seit einigen Jahren gebräuchliche Form, Linux-Programme so zu verbreiten, dass sie bequem installierbar und kein Sicherheitsrisiko sind. Jedes Programm läuft in seiner eigenen Sandbox und kann daher dem Rest des Systems nicht gefährlich werden.

Das AppCenter von elementary OS ist auf Flatpaks vorbereitet – aber dafür muss man zunächst ein einziges Mal ein Programm von der Website Flathub.org herunterladen und installieren. Dies schaltet dann die ganzen anderen verfügbaren Flatpaks im AppCenter frei.

Im Flathub gibt es viele bekannte Programme als Flatpaks. Wenn man hiervon eines installiert, sind danach all die anderen direkt im AppCenter erhältlich.

Als normale*r Nutzer*in, die*der sich nicht gerade in Fachforen rumtreibt, dürfte dies verwirrend sein, schließlich will man da einfach nur schnell eine brauchbare Anwendung zur Erledigung der je anfallenden Aufgaben haben. Das AppCenter könnte wenigstens einen Hinweis anzeigen, dass man auch mal im Flathub vorbeischauen sollte.

Wer als erfahrene*r Linux-Nutzer*in die traditionelle Art der Software-Installation bevorzugt (mittels eines sogenannten Paketmanagers), ist derzeit sogar auf das Terminal angewiesen. Da kommt man mit klassischen Befehlen wie sudo dpkg -i oder sudo apt-get install meist doch noch ans Ziel. Die so installierten Programme können anschließend auch über das AppCenter aktuell gehalten werden.

Traditionelle Programme im Debian-Paketformat .deb installiert man mit dem Konsolenbefehl dpkg. Eine grafische Paketverwaltung gibt es zurzeit nicht.

Man kann dies als unnötig komplizierte Einschränkung kritisieren, die dem Ziel der einfachen Verfügbarkeit vieler Anwendungen zuwider läuft. Oder man spricht positiv von einer ‚kuratierten Erfahrung‘, die bewusst auf eine große Auswahl verzichtet. Denn wo keine übertriebenen Wahlmöglichkeiten sind, da stellt sich auch keine diesbezügliche Überforderung ein.

Ungewohnte Bedienung

Auch elementary OS verwendet Fenster, die grundsätzlich ähnlich bedient werden wie in anderen Systemen auch. Allerdings etwas anders. Der Knopf zum Schließen liegt auf der linken Seite der Titelzeilen; auf der rechten Seite befindet sich ein Knopf zum Vergrößern auf Vollbild. Einen Knopf zum Minimieren gibt es nicht – stattdessen muss man entweder das Programmsymbol im Dock am unteren Bildschirmrand anklicken oder die Tastenkombination [SUPER] + [H] drücken (die Super-Taste ist auf PCs die Windows-Taste). Das ist ungewohnt, aber man gewöhnt sich daran schnell.

Eine Übersicht zu weiteren Tastenkombinationen wird durch alleiniges Drücken von [SUPER] angezeigt. So kann man den Umgang mit Fenstern, mehreren Desktops (Arbeitsflächen), Screenshots oder auch mit der Bildschirmlupe einfach mal ausprobieren. Wer nicht auf Tastaturkürzel steht, kann teilweise auch Mausgesten verwenden, oder die Maus in eine der vier Bildschirmecken bewegen. Dort können dann auch diverse Aktionen ausgelöst werden. Solche Optionen gibt es aber auch in anderen Linux-Varianten.

Auf dem Schreibtsch (Desktop) lassen sich keine Dateien und Ordner anlegen. Er dient wirklich nur als Hintergrund, vor dem die gerade aktiven Fenster angezeigt werden. Dem liegt offenbar das Konzept des ‚minimal desk‘ zu Grunde, nach dem auch auf einem echten Schreibtisch nur die gerade relevanten Aufgaben zu sehen sein sollten, aber kein ‚kreatives Chaos‘ herrschen und auch kein Missbrauch als Ablageort.

Wie arbeitet es sich mit elementary OS?

Wenn der Reiz des Neuen verflogen ist, kann man mit elementary OS ganz normale Büroarbeiten erledigen. Das ist ja letztlich das, was ich den ganzen Tag mache – schreiben, kommunizieren und ab und an programmieren. Halt ‚Irgendwas mit Medien‘ 😉 Das tue ich nun schon seit Sonntag Nachmittag und fühle mich dabei recht wohl.

Leider sind die mitgelieferten Programme für E-Mail und Web nicht optimal. Das E-Mail-Programm synchronisiert zeitweise nicht mit dem Server und der Browser ist ziemlich träge. Und mit dem überladenen LibreOffice bin ich ohnehin noch nie ganz glücklich geworden. Doch in wenigen Minuten hatte ich mir Flatpak-Alternativen im AppCenter oder per dpkg-Befehl eingerichtet.

Als Word-, Excel- und PowerPoint-Ersatz habe ich SoftMaker Office 2021 gekauft (das sieht zwar optisch nicht aus wie elementary OS, kann aber Microsofts Office-Dateien fast perfekt lesen und schreiben). Als Grafikprogramm nutze ich wieder mal Gimp (das benutze ich sowieso seit dem Jahr 2004, egal welches Betriebssystem). Als E-Mail-Programm habe ich Mozilla Thunderbird entstaubt (nicht gerade hübsch, aber funktioniert immer noch so gut wie früher). Nur als Browser, tja, da verwende ich die Linux-Version von … Microsoft Edge (ein Paradoxon für sich, aber da ich auf dem großen Windows-PC und dem Android-Tablet ebenfalls Edge nutze, will ich auf die Synchronisierung von Lesezeichen usw. nicht verzichten).

Bei Kalender und Aufgabenliste ist nichts Besonderes dabei. Und das ist keine Kritik.

Einschränkungen gibt es bei der Wiedergabe vieler Videoformate mit dem Standard-Videoprogramm. Zum Beispiel wurde selbst bei selbst aufgenommenen mp4-Videos (2016 bis 2019 mit dem Smartphone) nur der Ton abgespielt. Ich habe aus der Flatpak-Auswahl dafür das Programm Celluloid installiert, alternativ stünde auch der bekannte VLC-Player zur Verfügung. Die Streaming-Portale Netflix und Amazon Prime funktionieren nur mit Googles Chrome-Browser, aber nicht mit Edge oder gar dem Standardbrowser. Das ist etwas schade, aber da kann das Betriebssystem nichts für.

Lästige Fehler

Leider ist elementary OS 6 noch nicht so stabil, wie es gerne wäre. Ich habe beim Testen und im nun täglichen Gebrauch diverse lästige Bugs gefunden. Beispielsweise lässt sich der Laptop nicht stabil aus dem Ruhezustand wecken: Zwar kann man sich einloggen, aber der Bildschrim bleibt danach dunkel, nur die Maus ist zu sehen und kann bewegt werden. Ich habe deshalb momentan jegliche Ruhezustands-Funktionen abgeschaltet.

Ein anderes Problem: Das systemweit ausgeschaltete Bluetooth schaltet sich immer wieder ein, wenn man den Bildschirm sperrt und sich danach wieder anmeldet. Das ist aber eher lästig; ein einfacher Mausklick schaltet es wieder aus.

Einige Nutzer*innen in Foren berichten davon, dass sich das System gar nicht erst installieren lässt, v.a. wenn man es parallel zu einem bereits vorhandenen Betriebssystem testen will. Ich selbst habe es einfach meine ganze Festplatte formatieren lassen, das machte keine Schwierigkeiten. Aber wer elementary OS erstmal nur als Zweitsystem testen will, muss sich mit Linux bereits auskennen – die Zielgruppe wird hier momentan noch verfehlt.

Fazit

Elementary OS 6 kann auf der Website des Projekts, elementary.io, heruntergeladen werden. Nach dem Motto „Zahl, wie viel du willst“, bittet das Team um eine Spende, man kann aber auch 0 eingeben und das System kostenlos erhalten. Eine Installationsanleitung gibt es auch.

Grundsätzlich ist elementary OS 6 ein schönes, übersichtliches und gut nutzbares System. Durch den bewussten Minimalismus kommt man nicht in Versuchung, Ewigkeiten mit der Suche nach der perfekten Konfiguration zu verbringen. So kann man auch nur schwer irgendetwas kaputt machen.

Sicherheits- und Programmupdates gehen schnell und schmerzlos über die Bühne. Durch Ubuntu 20.04 (Long Time Support-Version) als Basis wird das System auch bis 2025 unterstützt. So ist man eine ganze Weile sicher vor Update-Stress.

Schattenseite ist, dass die Programmauswahl am Anfang künstlich begrenzt wird (so lange, bis man von flathub.org das erste Programm installiert hat) und dass einige Fehler den sonst so guten Eindruck trüben.

Author: Dr. Mario Donick

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