Weltraum (oder so).

Grenzen sind ja immer so eine Definitionssache. Das sieht man gut an Staaten, die der Ansicht sind, diese oder jene Region, Insel oder Halbinsel würde doch eigentlich zu ihnen gehören, während der Rest der Welt das mitunter ganz anders sieht (aktuelles Beispiel: China und das US-Kriegsschiff, ein Szenario, das frappierend an den Beginn des kürzlich erschienenen Romans „2034“ von Elliot Ackerman und James G. Stavridis erinnert, ein Buch übrigens, das eher nüchternes Sandkastenspiel denn spannende Erzählung ist). Jedenfalls beginnt der Weltraum, die gern beschworene „letzte Grenze“, nach internationaler Ansicht in etwa 100 km Höhe, bei der sogenannten Kármán-Linie. Ungefähr ab dieser Höhe reicht die Dichte der Erdatmosphäre nicht mehr aus, um auf konventionelle Weise (= mit Tragflächen, die Auftrieb brauchen) zu fliegen.

Darum muss Richard Branson, der u.a. das Musiklabel Virgin, diverse Fluggesellschaften und die Weltraumtourismus-Firma Virgin Galactic gegründet hat, mit dem Spott seines Konkurrenten Jeff Bezos (Blue Origin und, vor allem, Amazon) leben. Branson kam nämlich gestern als Passagier seines eigenen Raketenflugzeugs VSS Unity (SpaceShipTwo) nur auf 83 km — was allerdings immer noch ca. 8 Mal mehr ist, als Sie bei Ihrem nächsten Urlaubsflug erreichen, und zumindest optisch schon sehr nach Weltraum aussieht. Schwerelos ist man auch, zumindest knapp vier Minuten lang, bevor es schon wieder nach unten geht.

Der kurze Ausflug reichte trotzdem dafür, dass Branson und seinen Kolleg*innen das Astronautenabzeichen der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA verliehen wurde (übrigens angesteckt vom kanadischen Astronauten Chris Hadfield, der vor ein paar Jahren durch sein in der Internationalen Raumstation aufgenommenes Gitarrencover des Bowie-Songs „Space Oddity“ bekannt wurde). Denn die USA hat mal irgendwann definiert, dass das Weltall schon bei 80 km beginnt. Jeff Bezos, der eigentlich vor Branson der erste sein wollte, wies schon mal darauf hin, dass seine Astronauten keine Fußnote an ihren Titel anhängen müssen — denn Blue Origins Rakete New Shepherd kann die Kármán-Linie überqueren. Bezos will das am 20. Juli zeigen, und unter anderem wird er die 82jährige Wally Funk mitnehmen. Wally Funk ist Pilotin und bestand in den 1950er Jahren dieselben medizinischen Tests wie die ersten männlichen US-amerikanischen Astronauten, durfte selbst aber nie ins All fliegen. Mehr als 50 Jahre später kann sich das nun ändern.

Der dritte im Bunde verhielt sich bei dem derzeitigen … (schreibe ich das jetzt? Ach, was soll’s …) … galaktischen Schwanzvergleich sehr ruhig. Kurz vor Bransons Start twitterte Branson noch ein Foto, auf dem er zusammen mit Elon Musk zu sehen war — gute Freunde, kurz vor der Fahrradtour am Wochenende. Musk, der neben der Elektroauto-Firma Tesla und dem Gehirnchip-vs.-KI-Unternehmen Neuralink auch der Firma SpaceX vorsteht, kann sich allerdings auch entspannt zurücklehnen. SpaceX führt inzwischen regelmäßig Auftragsflüge für die US-Raumfahrtbehörde NASA durch, seit letztem Jahr auch mit menschlichen Crews. Alles sehr durchgestylt und PR-optimiert, aber bisher immerhin zuverlässig. Auch Bezos hat das eines Tages vor; Blue Origins Schwerlast-Rakete New Glenn soll 2022 das erste Mal starten.

Neben Elon & Jeff on Mars (wie der Satiriker Marc-Uwe Kling die beiden in seinen Känguruh-Comics bei ZEIT online nennt) erscheint Bransons Ansatz als der — gemessen am Nutzen für die Menschheit und Erde — nicht nur umweltschädlichste (ein Flug verursacht 60% der Emissionen eines Transatlantikflugs, und während im Death Valley gerade erst 56,7 °C gemessen wurden, fliegen reiche Leute klimaschädlich durch die Gegend), sondern auch als der sinnloseste. Oberflächlich betrachtet geht es bei Virgin Galactic allein um den kurzen Kick für vergnügungssüchtige Superreiche, die noch auf leicht bekleidete Galionsfiguren an Flugzeugrümpfen stehen (die bei Virgin Atlantic aber mittlerweile immerhin divers gestaltet sind, statt wie vorher nur Frauen zu zeigen).

Trotzdem zieht Branson in seiner Inszenierung alle PR-Register echter Raumfahrt — extra designte blaue Overalls, die so richtig nach Astronaut*in aussehen; die Autokolonne zum Startflugzeug (mehrere Range-Rover-SUVs mit Plugin-Hybrid-Technik, was gut klingt, aber nach Ansicht von Kritiker*innen eher in die Kategorie Greenwashing gehört); die Bezeichnung „Mission Specialist“ für die Besatzung, deren einzige „Mission“ aber Mission ist, also Marketing und zu schauen, wie sich das ganze Erlebnis eigentlich aus Passagiersicht anführt; und natürlich der Live-Stream, der in bester SpaceX-Tradition Innen- und Außenansichten des Fluges anbot.

Und ja, ich nehme das den Leuten an Bord schon ab, dass sie da viel Spaß hatten und fasziniert waren von dem Flug, von der Schwerelosigkeit, vom Anblick der Erde aus so großer Höhe. Ich kann die kindliche Faszination des 70jährigen Branson völlig nachvollziehen, und hätte ich genug Geld und wäre die Technik jahrelang erprobt, wer weiß, ob ich nicht selbst auch mitfliegen würde. Der kleine Kapitalist in mir findet es auch sinnvoll, dass die Raumfahrt privatwirtschaftlich vorangetrieben wird — verschiedene Unternehmen, verschiedene Ansätze, irgendwas davon wird sich vielleicht durchsetzen und irgendwann vielleicht einen erschwinglichen Weg ins Weltall bahnen. Schon als Jugendlicher, so mit 16, 17, wollte ich ins All. Damals stellte ich mir vor, man würde mir einen Flug zum Mars ohne Wiederkehr anbieten — würde ich „ja“ sagen? Und natürlich hätte ich „ja“ gesagt, in meinem jugendlichen Übermut, der von Science-Fiction-Serien wie Star Trek und Babylon 5 geprägt war, aber weder Freundin, Job noch sonstige Verpflichtungen kannte.

Leider steht es nicht gut um die Welt, und wir sind nicht wirklich in einer Lage, in der man unbeschwert darüber nachdenken sollte, wie man die Welt verlassen kann statt sie zu retten. Bransons Ansatz ist der Kurzstreckenflug der Raumfahrt — der schnelle Hüpfer, für den es keine Notwendigkeit gibt und der eigentlich zu unterlassen wäre. Bezos‘ und Musks Ansätze tun wenigstens so, als wären sie nützlich (Internationale Raumstation; Frachttransporte), auch wenn dieser Nutzen zu hinterfragen wäre. Wie viel davon dient der Forschung, und wenn ja, welcher Art von Forschung? Geht es dabei nicht auch am Ende nur um Wirtschaftswachstum?

Bei all dem Gejammer gerade ist mir meine eigene Hybris sehr bewusst — nicht nur, dass ich das Fliegen quasi promote, indem ich Artikel für Flugsimulations-Zeitschriften schreibe, sondern auch, dass ich selbst Flugzeug fliegen lerne, was ich mir damit schön rede, dass Ultraleicht nur wenig Treibstoff verbraucht, ich kein Auto fahre und bisher nur selten als Passagier in den Urlaub geflogen bin. Aber im Prinzip tue ich im Kleinen nichts anderes als die Milliardäre, auf die ich so zynisch herabblicke. Oder wie die Leute, die mit Hingabe an ihren Autos oder Motorrädern schrauben. Die Faszination für Technik und dafür, mit Hilfe von Technik über sich hinauszuwachsen.

Gott, in meinem GameStar-Artikel neulich über eine Simulation des sehr alten Flugzeugs Douglas DC-6 (Paywall) aus den 1950ern habe ich sogar einen Satz geschrieben, der mir irgendwie peinlich ist, gerade weil ich ihn ernst meinte: „Seht ihr, wie schön die Zeiger der ganzen Rundinstrumente zittern, während die Motoren an Leistung gewinnen?“ Das ist nicht mehr weit weg von Leuten wie dem Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt, der neulich in einem taz-Interview davon schwärmte, wie geil er Ferrari-Motoren findet. Und Bransons Trägerflugzeug WhiteKnightTwo mit dem SpaceShipTwo in der Mitte finde ich auch mal sehr schön. Solange umweltschädliche Technik auf diese Weise wirkt (weil sie so inszeniert und ihre Wirkung so tradiert wird), wird das nichts mit der Klimawende. Verdammt.


Hinweis: In der ersten Version des Artikels habe ich den „Spaceport America“ fälschlicherweise in die Mojave-Wüste verlegt. Das war falsch; dort liegt lediglich der „Mojave Air & Space Port“, auf dem u.a. Virgin Galactics erstes Raketenflugzeug, SpaceShipOne, getestet wurde.

(Titelbild: Virgin Galactic)

Author: Dr. Mario Donick

#Digitalisierung #Kommunikationsanalyse #Technikvertrauen #Softwaretransparenz ... und #Spiele @DonickMario

2 thoughts

  1. „Leider steht es nicht gut um die Welt, und wir sind nicht wirklich in einer Lage, in der man unbeschwert darüber nachdenken sollte, wie man die Welt verlassen kann statt sie zu retten.“

    Könnte das Nachdenken darüber diese Welt zu verlassen, nicht Teil der Lösung sein diese Welt zu retten? (oder vielmehr uns selber?)

    1. Gute Frage 🙂 Dass der Anblick der Erde von ganz oben bei den Personen, die das erlebt haben, dazu führt, die Zerbrechlichkeit der Erde wahrzunehmen (und vielleicht den Wunsch erzeugt, sie zu schützen), ist ja immer wieder zu hören. Selbst beim Flugzeugfliegen kann das auftreten, ohne Weltraum. Und bei einem möglichen Marsflug in der Zukunft könnte so eine Differenzerfahrung noch stärker sein. Man sieht quasi erst dann, was man eigentlich hat.

      Aber ich frag mich halt, ob wir noch den Luxus haben, das so zu machen… oder andere, einfachere, in der Masse wirksamere Wege gefunden werden müssten, ein Bewusstsein für den Ernst der Lage zu schaffen.

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