Das BMBF geruhte, zu antworten. Und zeigt, dass es nichts verstanden hat. #IchBinHanna

Eigentlich wollte ich jetzt erstmal nichts mehr zu #IchBinHanna schreiben, denn das haben andere, noch viel direkter Betroffene als ich schon getan (siehe etwa Kathrins Bericht sowie die vielen vielen Twitter-User*innen). Aber nun hat das BMBF geantwortet – am Sonntag, dem Tag der Ruhe, an dem aber dennoch viele viele Wissenschaftler*innen an Papern, Anträgen und Qualifikationsarbeiten sitzen.

Ganz empathisch, ich möchte sagen: huldvoll gar, ist bereits das Foto, mit dem die Mitteilung beginnt. Nur ein leeres Rednerpult mit Bundesadler ist dort zu sehen. Die Perspektive ist geschickt so gewählt, dass wir als Betrachter*in ehrfurchtsvoll heraufblicken müssen – klein sind wir, und das Ministerium ist groß. Ich bin dankbar dafür, dass das BMBF die Rollen und Hierarchien hier gleich zu Beginn deutlich macht, noch bevor der Text beginnt. Klug auch, dass kein Mensch, keine konkrete Person, je in dem Text als Kommunikationspartner*in auf Augenhöhe erscheint, denn, so gibt das BMBF zu verstehen, es ist ja gar nicht zuständig! Die Entscheidung zur Befristung obliege den Ländern und den Hochschulen:

Keine Befristungspflicht

„Im Übrigen geht es in dem Gesetz ausdrücklich um die Möglichkeit einer Befristung, aber nicht um eine Befristungspflicht. Aus der bloßen Existenz dieses Befristungsrechts im WissZeitVG lässt sich nicht der Schluss ziehen, dass Dauerstellen nicht gewollt sind. Im Gegenteil.

Zentral ist, dass das Gesetz mit einer guten Befristungspraxis gelebt werden muss. Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen als Arbeitgeberinnen müssen mit den ihnen gewährten Freiräumen verantwortungsvoll umgehen.“ (BMBF)

„Augen auf bei der Berufswahl“, tönte es auf Twitter mehrfach von Menschen, die #IchBinHanna als lächerliches Gejammer einer arbeitsfaulen, primär geisteswissenschaftlichen Akademiker*innen-Schicht missverstehen.

Aber es geht bei #IchBinHanna gar nicht um die Illusion, dass jetzt alle Professor*in und Beamte*r auf Lebenszeit werden sollen. Es geht auch nicht darum, dass es gar keine befristeten Stellen mehr geben soll.

Im Kern geht es bei #IchBinHanna darum, dass das BMBF in dem Video und jetzt in der herablassenden Mitteilung erkennen lässt, dass es die Arbeit der Hochschul-Mitarbeiter*innen nicht wertschätzt.

Und es ist traurig, dass das BMBF genau das nicht verstanden hat.

Letztlich muss man angehenden Wissenschaftler*innen, die wirklich den Wunsch haben, für länger an einer Hochschule zu bleiben, wohl eindrücklich folgende, etwas zynische Hinweise auf den Weg geben:

  • Die ersten zwei, drei Jahre sind spannend, aufregend, die erste Konferenz, der erste Vortrag, das erste Mal der Flow, bis spät nachts ein Paper zu perfektionieren, das morgen abzugeben ist. Genieß es – so lange du kannst.
  • Wochenenden und Nächte sind zum Schreiben da. Wenn du Glück hast, sogar zum Schreiben deiner Dissertations- oder Habilitationsschrift. Aber ein schöner Projektantrag oder Projektbericht können doch auch Freude machen.
  • Sei mit deiner Arbeit verheiratet – oder such dir ein*e Partner*in, die das aus eigener Erfahrung gut versteht.
  • Es ist deine eigene Verantwortung, keine Überstunden zu machen. Niemand zwingt dich. 🙂
  • Sieh „publish or perish“ als Herausforderung an, als Chance – nicht als Bürde. Es ist ein Privileg, dass du überhaupt in der Lage bist, auf einen Call for Papers zu antworten.
  • Schluck es herunter, wenn dein Prof deine Ergebnisse veröffentlicht, ohne auf deine Arbeit hinzuweisen oder – Gott bewahre – deinen Namen als Mitautor*in aufzuführen. Es ist ein Privileg, dass du daran mitarbeiten durftest.
  • Wenn du gemeinsam mit anderen Fachbereichen interdisziplinäre Anträge stellst, achte darauf, dass es nicht wirklich interdisziplinär ist (das macht nur Arbeit), sondern vor allem deinem eigenen Fachbereich genug Mittel und Stellen bringt. Vielleicht hast du Glück und die Verwaltung lässt dich sogar eine dieser Stellen besetzen. Wenigstens für sechs Monate.
  • Verzichte auf Urlaub und Freizeitvergnügen, die Geld kosten. Wann immer du einen Cent über hast, spare ihn. Denn du wirst ihn brauchen, um kein Hartz IV beantragen zu müssen.
  • Hartz IV willst du vermeiden, um nicht von Arbeitsvermittler*innen gesagt zu bekommen, dass deine ganze Lebensleistung wertlos ist und du lieber eine Wiedereingliederungsmaßnahme besuchen solltest.
  • Wenn du Lehre machst, ohne angestellt zu sein: Erzähl‘ den Studierenden nicht, dass du dafür nicht mal den Mindestlohn bekommst. Es würde sie nur desillusionieren.

Ach, ich könnte noch ewig so weitermachen. In bösem Sarkasmus lauter kleine Nadelstiche aufzählen, die ich entweder selbst erlebt oder bei Freund*innen und Kolleg*innen beobachtet habe. Aber ich habe ja schon neulich geschrieben, dass ich das System Hochschule am Ende verlassen habe, insofern betrifft mich das nur noch als Beobachter. Und doch… 🙁

Author: Dr. Mario Donick

#Digitalisierung #Kommunikationsanalyse #Technikvertrauen #Softwaretransparenz ... und #Spiele @DonickMario

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