#IchBinHanna und die „Verstopfung“ des Wissenschaftssystems mit Prekariat

Es erinnert ein wenig an verstopfte Toiletten und Rohreiniger: 2018 stellte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) ein „Erklärvideo“ zum Wissenschaftszeitvertragsgesetz ins Internet. Das ist das Gesetz, das es Hochschulen erlaubt, junge Wissenschaftler*innen vor und nach der Promotion für je max. sechs Jahre einzustellen, ohne Aussicht auf Entfristung. Das soll, so das BMBF wörtlich, die „Verstopfung“ des Systems verhindern, während die Wissenschaftler*innen ihre Qualifikationsarbeiten (Dissertation oder Habilitation) erstellen. Das klingt nach Toilette und Rohrreiniger, sieht nach Ausquetschen und Ausnutzen motivierter Arbeitskräfte aus und regt zurecht gerade viele Leute auf Twitter auf. Unter dem Hashtag #IchBinHanna teilen Nachwuchsforscher*innen ihre eigenen Erfahrungen mit dem Wissenschaftszeitvertragsgesetz.

Kettenverträge

„Hanna weiß, dass sie ihre Karriere in der Wissenschaft frühzeitig planen muss“, belehrt das BMBF in dem Video weiter. Ein etwas naives Ideal, das der Lebenswirklichkeit nicht gerecht wird. Praktische Folge des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist nämlich die Entstehung von Kettenverträgen und das Herumkrebsen auf einer langen Reihe kurzer Projektstellen, die mit Glück zwei, drei Jahre, oft auch drei, sechs, zwölf Monate dauern und so verständlicherweise große Ungewissheit oder Angst bei den Betroffenen erzeugen.

Neben der eigentlichen Tätigkeit — die durchaus erfüllend sein kann, wenn sie zu den eigenen Zielen passt — ist man auf solchen Stellen auch stets damit beschäftigt, Projektanträge für die nächste befristete Stelle zu verfassen. Es ist existenzieller Stress, wenn man auf deren Bewilligung hoffen muss. Und wenn man erst am 1. Tag des neuen Arbeitsvertragszeitraums den Vertrag unterschreiben darf.

Dass man die eingeworbene Stelle dann auch selbst besetzen darf, ist allerdings nicht sicher. Das liegt nicht unbedingt an den direkten Fachvorgesetzten (also z.B. Professor*in), sondern auch an der Uni-Verwaltung, die durch die Vermeidung von Kettenverträgen Entfristungsklagen zuvorkommen will.

#LieberLars

„Ich bin Hanna, wäre aber lieber Lars“, schreibt eine Twitter-Nutzerin. Lars ist in dem BMBF-Video nämlich der Labormitarbeiter, der einen ’normalen‘ Arbeitsvertrag hat, für den das gewöhnliche Arbeitsrecht gilt. „Augen auf bei der Berufswahl“, mag man da zynisch denken.

Schon am 1. Tag meines Studiums an der Uni Rostock im Herbst 2001 hatte uns der damals noch sehr junge Dozent empfohlen, sich sehr gut zu überlegen, ob man wirklich in die Wissenschaft will. Trotzdem hielt ich es da bis zum Ende der Promotion aus. Es waren viele spannende Projekte dabei und ich konnte viele Dinge ausprobieren. Eigentlich toll, wenn nicht die permanente Ungewissheit gewesen wäre.

Nach dem Ende ‚der Diss‘ und auch wegen des Jobs meiner Frau gingen wir dann nach Magdeburg. Quasi automatisch suchte ich auch hier nach wissenschaftlichen Tätigkeiten und wurde auch zu Vorstellungsgesprächen eingeladen – und ging da nicht mehr hin. Stattdessen suchte ich mir einen Halbtagsjob im Call Center und begann zu schreiben.

Ich habe es nicht bereut.


Eine Übersicht zu Medienberichten zu #IchBinHanna gibt es hier.

Und dass #IchBinHanna nicht nur die Geisteswissenschaften betrifft (wie manche behaupten), erklärt eindringlich Kathrins Beitrag hier.

Author: Dr. Mario Donick

#Digitalisierung #Kommunikationsanalyse #Technikvertrauen #Softwaretransparenz ... und #Spiele @DonickMario

2 thoughts

  1. Mit ein wenig Zeit könnte ich mich darüber auch ein Weilchen auslassen… um alte Wunden zu heilen… Danke für die Sensibilisierungsarbeit…

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