Der Aperol vor der Wahl …

Gestern waren wir das erste Mal seit Herbst 2020 im Außenbereich eines Cafés im Magdeburger Hundertwasserhaus (die sog. Grüne Zitadelle), was eigentlich ein schöner Moment war. Es war auch etwas skurril, wenn man sich so halb-ironisch daran zu erinnern versucht, wie das so funktioniert mit Speisekarten, um die Rechnung bitten, Trinkgeld geben. Das sind ja soziale Fähigkeiten, die lange nicht mehr benötigt wurden.

Interessant war der gestrige Besuch jedoch auch, weil (was wir nicht so richtig wussten) zwei Stunden später die Abschlusswahlkampfveranstaltung der sogenannten „AfD“ auf dem nahegelegenen Domplatz vor dem Landtag stattfinden würde. Und daher saßen an einem Nebentisch zwei nach Rentnerehepaar aussehende Menschen, die, mehrfach Aperol Spritz ordernd, mit irgendwelchen Wahlkampfdingen befasst waren – Kugelschreiber gegen solche von der AfD austauschen … lautstark (und über Lautsprecher) mit einer anderen Person telefonieren über weitere wahlkampftaktische Dinge (mit dem Lautsprecherwagen durch irgendeinen Stadtteil fahren … außerdem irgendwas, das nach parteiinterner Konkurrenzsituation klang … und dass sie vorher noch von dem AfD-Abgeordneten Tilschneider durch den Landtag geführt worden seien). Später kam dann eine Gruppe weiterer älterer Menschen dazu (… aus Niedersachsen scheinbar), alle ganz fröhlich und in freudiger Erwartung der Wahl morgen.

Die Umfragen vor der Wahl, die der AfD sehr gute Ergebnisse vorhersagen, sind einerseits erschreckend, andererseits nicht überraschend. Ja, die Aussage von Marco Wanderwitz, dass manche Ostdeutsche nicht in der Demokratie angekommen seien, sollte man an einigen Stellen differenzieren. Und ja, auch „im Westen“ gibt es strukturellen und offenen Rassismus und alte und neue Nazis. Aber „im Westen“ gibt es auch wahrnehmbaren Widerstand dagegen. Währenddessen zeigen sich Nationalismus, Rechtsextremismus und Rassismus in vielen Regionen Ostdeutschlands mittlerweile mit so einer bürgerlich wirkenden Selbstverständlichkeit und treffen auf so wenig Widerspruch, dass es mich schaudern lässt.

Als ich noch jung war und in einer mecklenburgischen Kleinstadt öfter mal von irgendwelchen Nachwuchsnazis auf der Straße „angehalten“ wurde (die wollten allerdings v.a. Geld zum Kiffen von mir haben und begründeten das irgendwie krude mit Hitler, was auch irgendwo paradox war …), da glaubte man, das würde sich in ein paar Generationen erledigen. Aber dass die Rechten jetzt vielleicht stärkste Partei im Landtag werden, meine Güte, das hätte ich mir damals nicht vorstellen können. Und es ist ja nicht nur die AfD. Die CDU bläst „im Osten“ teilweise ins selbe Horn.

Ich habe jedenfalls fast Angst vor dem morgigen Tag.

Author: Dr. Mario Donick

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