Das Verschwinden der Dinge Byung-Chul Han: Undinge. Umbrüche der Lebenswelt

Ich kann mich erinnern, dass ich früher als Kind immer unglücklich bzw. unzufrieden war, wenn ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten ein Geschenk bekommen habe, das kein richtiger Gegenstand, also kein Ding war, das Bestand hatte, sondern irgendwann verschwunden war, also zum Beispiel Süßigkeiten, ein Zeichenblock oder auch Blumen. Das war für mich einfach kein richtiges Geschenk, das zählte nicht. Daran habe ich mich erinnert, als ich Byung-Chul Hans neues Buch „Undinge. Umbrüche der Lebenswelt“ gelesen habe. Der bekannte koreanische Philosoph beschäftigt sich darin vor allem mit der Frage, was mit den Dingen in der digitalen Welt passiert, d.h. mit Dingen, die wir so richtig in echt anfassen können. Wie immer macht es Spaß, Han beim Denken zuzuschauen. Seine Bücher lesen sich in der Regel leicht und süffig. Wenn man bereits mehrere seiner Bücher gelesen hat, wird man zwar auch mit Redundanzen konfrontiert und nicht nur mit neuen Thesen und Erkenntnissen. Aber trotzdem findet man immer neue Ideen, die einen inspirieren und zum (Neu) Denken anregen.

Byung-Chul Han stellt der so genannten „terranen Ordnung“ die „digitale Ordnung“ gegenüber und schreibt zum Beispiel über das E-Book, dass es sich dabei um kein Ding, sondern um eine Information handelt. Das heißt, während physische Bücher und andere physische Dinge uns Geborgenheit und Sicherheit geben, sind die digitalen Informationen flüchtig, unverbindlich und verschwinden ganz schnell wieder. Ähnlich verhält es sich mit dem Hören von CDs und Schallplatten. Auch wenn in der Musikszene eine leichte Trendwende hin zu physischen Datenträgern festzustellen ist und die Umsätze langsam wieder wachsen, ist das Streamen von Musik in unglaublich kurzer Zeit populär geworden. Das bedeutet, dass Musik mittlerweile in erster Linie über Streaming-Anbieter konsumiert wird und damit auch die Erinnerungen verloren gehen, die wir zum Beispiel mit einer erworbenen Schallplatte und CD verbinden – wann und wo wir die Schallplatte gekauft und wie sehr wir sehnlichst darauf gewartet haben. Dementsprechend haben wir uns auch viel mehr auf dieses Ding konzentriert, es sorgfältig aufbewahrt, es immer wieder in die Hand genommen und die Erinnerungen daran aufleben lassen. Und da wir nicht wie heute fast jedes Album oder jeden Song aus der Musikgeschichte zur Verfügung hatten, konnten wir uns mehr und vor allem andauernder auf Musik und einzelne Künstler*innen konzentrieren. Han beschreibt dieses Gefühl so:

„Das Desaster der digitalen Kommunikation rührt daher, dass wir keine Zeit haben fürs Augenschließen. Die Augen werden zu einer ‚ständigen Gefräßigkeit‘ gezwungen. Sie verlieren die Stille, die tiefe Aufmerksamkeit. Die Seele betet nicht mehr.“

Der digitalen Kommunikation sind immer eine gewisse Melancholie, eine Leere und ein Gefühl des Verlusts eingeschrieben. Das wurde in den letzten Monaten während der vielen Videokonferenzen im beruflichen und privaten Kontext deutlich. Nach Beendigung der Konferenzen bzw. des Kontakts via Bildschirm bleibt eine Leere und das Gefühl des Verlorenseins zurück, während wir aus einem Treffen mit realen Personen emotional berührter hervorgehen – unabhängig davon, ob es sich um ein schönes oder weniger angenehmes Treffen gehandelt hat.

Gleichzeitig würde ich aber Han dahingehend widersprechen, dass der Verlust der materiellen Dinge nur negativ zu bewerten ist:

„Wir halten heute überall das Smartphone hin und delegieren unsere Wahrnehmung an den Apparat. Wir nehmen die Wirklichkeit durch den Bildschirm wahr. Das digitale Fenster verdünnt die Wirklichkeit zu Informationen, die wir dann registrieren. Es findet kein dinglicher Kontakt mit der Wirklichkeit statt. Sie wird ihrer Präsenz beraubt. Wir nehmen nicht mehr die materiellen Schwingungen der Wirklichkeit wahr. Die Wahrnehmung wird entkörperlicht. Das Smartphone entwirklicht die Welt.“

Man könnte es auch durchaus positiv betrachten, wenn wir uns weniger abhängig von materiellen Dingen und damit dem Besitz von Dingen machen. Das kann auch eine Befreiung sein und gerade im Gegenteil zu mehr Wertschätzung zwischenmenschlicher Beziehungen und damit auch zu mehr geistiger Beschäftigung führen – vorausgesetzt, wir werden nicht bequem und bleiben alle zu Hause in unseren Wohnungen hocken und verlernen allmählich die Kommunikation mit realen Menschen, so dass am Ende nur der Informationsaustausch übrigbleibt und keine reziproke Form des Austauschs, bei dem die Kommunikationspartner*innen gegenseitig auf ihre jeweiligen Kontexte Bezug nehmen, d.h. bestimmte Stimmungen, Zwischentöne und nonverbale Signale wahrnehmen. Wie so oft im Leben ist es wichtig, hier die individuelle aber auch gesamtgesellschaftliche gesunde Balance zu finden. Und dafür ist es wichtig, auf kritische Stimmen wie die von Byung-Chul Han zu hören und sich über die Gefahren und Auswirkungen der „entkörperlichten“ Wahrnehmung bewusst zu sein.

(Titelbild: Jeshu John, http://www.designerspics.com/)

Author: Dr. Uta Buttkewitz

Kulturwissenschaftlerin und Germanistin Wissenschaftsmanagerin an der Universität Rostock, freie Autorin Schwerpunkte: Medienwissenschaft / Kommunikationstheorie / Gesellschaftsdiagnose

2 thoughts

  1. Ach sehr schön. Ich hätte mir neulich das Buch auch fast gekauft, aber wollte dann doch erstmal auf deinen Einschätzung warten 🙂

    Was zum eBook gesagt wird, kann ich glaube ich unterschreiben, wenn ich meine Nutzung betrachte. eBooks kaufe ich meistens, wenn ich ganz schnell auf die INFORMATION in dem Buch zugreifen muss und keine Zeit habe, auf das physische Buch zu warten. Mehr und mehr gehe ich aber dazu über, auch Romane in eBook-Form zu lesen. Interessanterweise aber erst, seit ich einen eBook-Reader mit Metallgehäuse, Lederhülle und warmer (gelblicher) Beleuchtung habe, um eine gewisse Wärme und Haptik zu spüren, wenn ich das UNDING in der Hand halte.

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