„Was möchten Sie heute erledigen?“ ✔

Es gibt Zeiten, in denen ich diverse digitale Tools nutze, um Aufgaben zu organisieren und Ideen/Entwürfe festzuhalten. Da wird alles konsequent in Cloud-Diensten gespeichert, um so mehr oder minder elegant zwischen Tablet, PC und Laptop hin und her wechseln zu können. Das fühlt sich dann auch sehr effizient und zielorientiert an — bis zu dem Moment, an dem ich das alles unglaublich anstrengend finde: das Planen, Eintakten, Abarbeiten, das kalte 0 und 1 aus [ ] und ✔.

Das beginnt schleichend, indem ich neue Aufgaben nur noch ohne Fälligkeitsdatum oder ggf. dafür nötige andere Daten (Personen, Adressen, usw.) eintrage und endet damit, dass ich vergesse, erledigte Aufgaben abzuhaken und neue aufzunehmen. Statt in der Cloud wird auf diversen USB-Sticks gespeichert („wo war jetzt die Datei? Ach schade eigentlich, dass es keine Disketten mehr gibt“). Irgendwann komme ich bei Stift, Notizbuch und Wandkalender an, und wenig später lande ich bei der Wahnvorstellung, ich könnte mir alles Wichtige auch einfach so merken und im Kopf behalten.

Was sich bald als Irrtum herausstellt und dazu führt, dass ich nichts davon schaffe, was ich mir vorgenommen habe — wenigstens nicht in der veranschlagten Zeit. Dann beginnt die Phase der Resignation. Selbstmitleidig sitze ich abends um elf vor dem leeren Scrivener-Dokument („noch 230 Seiten to go“), trinke meinen fünften Kaffee und denke mir „vielleicht sollte ich meinen ’normalen‘ Fünf-Stunden-Job auf Vollzeit ausdehnen, da taktet mich mein Arbeitgeber in einen genau definierten Zeitplan und nach Feierabend wäre ich zwar total am Ende, aber das wär‘ nicht schlimm, denn niemand und am wenigsten ich selbst würde noch was von mir erwarten.“

Fieserweise lässt mich die digitale Welt in der Resignation nicht frei. Denn auch in Zeiten nicht vorhandener Organisation hat zumindest die TODO-App von Microsoft unter Android die Angewohnheit, regelmäßig zu fragen: „Was möchten Sie heute erledigen?“ Eine ewige, sehr lästige Mahnung, dass der Pile of Shame nicht kleiner wird und doch bitte organisiert und abgearbeitet werden möchte.

Die TODO-App zeigt sich als virtueller ‚Arbeitgeber‘, der hinter mir steht und mich antreiben will. Es gibt immer was zu tun, was willst du davon heute schaffen? „Die Konkurrenz schläft nicht“, schreit der kleine Kapitalist auf der einen Schulter, während der kleine Baron Münchhausen auf der anderen Schulter listig flüstert: „Es wird schon Gründe geben, warum keiner deine Bücher kauft!!“ [Das war ein Sprechakt. ;-]

Ich glaube, ich bin einfach faul.

Das sage ich dann zu meiner Frau, die mir natürlich versichert, dass ich „so viel“ mache und keinen Grund für das Impostor-Syndrom hätte, und dann ‚reiße ich mich zusammen‘ und fange an, digitale Tools zur besseren Organisation zu verwenden, womit wirklich alles einfacher und effizienter geht, und Erfolgserlebnisse verschafft, zumindest so lange, bis der Kreislauf von vorn beginnt.

Bis es so weit ist, schreibe ich Artikel wie diese hier, weil die schamhaft geöffnete TODO-App („Hey, wie geht’s denn so? Lange nicht geseh’n!“) mir sagt, dass ich das bis 17.06.2020 erledigen wollte.


(Titelbild: Janossy Gergely / Shutterstock.com)

Author: Dr. Mario Donick

#Digitalisierung #Kommunikationsanalyse #Technikvertrauen #Softwaretransparenz ... und #Spiele @DonickMario

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