Spielerische Literatur: The 2021 Spring Thing Festival of Interactive Fiction

Immer im Frühjahr findet ein Literatur-Festival der besonderen Art statt, und da sein Ort das Internet ist, kann Corona ihm nichts anhaben: Beim Spring Thing stellen seit 2002 Autor*innen von Interactive Fiction ihre neuesten Beiträge vor. Interactive Fiction (IF) ist ein Genre an der Grenze zwischen Computerspiel und Literatur, zwischen Prosa, Drama und Poesie. Wichtigstes Merkmal: Die Form einer Geschichte entsteht erst beim Lesen und Spielen in der Interaktion mit dem Computer (oder dem Tablet oder Smartphone), jede*r Rezipient*in kann am Ende also ein anderes Erlebnis haben.

Literatur- und sprachwissenschaftlich wird sich schon lange mit den unterschiedlichen Formen der Interactive Fiction beschäftigt; immer noch ist Espen Aarseths Buch Cybertext (1997) dafür eine gute Grundlage. Aarseth sprach von „ergodic literature“, wobei „ergodisch“ sich vom griechischen „ergon“ (Werk, Arbeit) und „hodos“ (Weg, Pfad, aber auch das, was man auf dem Weg macht: die Reise) herleitet. Damit soll der ungewöhnliche Aufwand bezeichnet werden, den ‚Leser*innen‘ eines nicht-linearen Texts betreiben, um sich durch den Text zu arbeiten: „nontrivial effort is required to allow the reader to traverse the text“ (S. 1). Typisches Alltagsbeispiel sind die Hypertexte, mit denen wir im Internet zu tun haben, wenngleich ihnen meist die Literarizität abgeht, die literarischen Texten eigen ist.

Zwei Hauptformen der Interactive Fiction

Auch manche Autor*innen konzipieren IF als klassischen Hypertext; da klickt man sich dann wie auf einer Internetseite von Link zu Link, sodass sich langsam eine kohärente Vorstellung von Handlung, Protagonist*innen, Zeit und Raum bildet. Mitunter verändern Links auch den gerade erst gelesenen Text: fügen Details an, kehren ihn ins Gegenteil, machen seinen Erzähler unzuverlässig. Das Lesen ist aktive Textarbeit, Klick für Klick.

Im Buch Let’s Play! demonstriere ich an Beispielen die beiden wichtigsten Spielarten der Interactive Fiction und wir wir uns schreibend Sinn erschließen.

Andere IF verwendet einen sogenannten Parser — da geben wir wie in den alten Textadventure-Spielen der 1980er bestimmte Befehle in den Computer ein und er gibt uns darauf hoffentlich eine passende Antwort. Wir tippen etwa „nord“ ein und bewegen unsere Spielfigur dadurch nach Norden, oder „schau“en uns am aktuellen Standort um. Was wir sehen, ist eine textliche Beschreibung. Wir „sag“en etwas zu anderen Figuren oder wir „benutze“n im Verlauf eingesammelte Gegenstände, um Rätsel zu lösen. Auch hier handelt es sich um aktive Arbeit am Text, aber sie ist technischer, als Rezipient*innen sind wir eher Computerspieler*innen denn Leser*innen.

Beide Hauptformen sind eine schöne Analogie darauf, wie wir durch Sprachhandeln unserer Welt und unserem Leben Sinn zuschreiben. Ein literarischer Anspruch in Sprachform und Inhalt lässt sich in beiden Spielarten erkennen — auch wenn das natürlich nicht immer als gelungen anzusehen ist. Doch insbesondere, seit das Textadventure als kommerzielles Unterhaltungsmedium keine Rolle mehr spielt (moderne Spiele mit fotorealistischen Grafiken und teils trivialen Eingabeformen haben seit vielen Jahren deren Platz eingenommen) ist IF als literarische Form anzusehen, inhaltlich genauso bunt wie die Buchhandlung um die Ecke.

Spring Thing: Interactive Fiction erleben

Ein Wettbewerb wie das Spring Thing Festival ist die ideale Gelegenheit, sich mit diesem eher unbekannten, aber dennoch erstaunlich lebendigen Feld vertraut zu machen. Seit 2. April 2021 stehen die insgesamt 38 englischsprachigen Einsendungen in den zwei Kategorien „Main Festival“ und „Back Garden“ (experimentellere oder auch unvollständige Einreichungen) zum ‚Lesen‘ und Ausprobieren bereit.

Die meisten Beiträge sind in Umfang und Dauer das IF-Äquivalent zur Kurzgeschichte („short“ und „micro“), aber immerhin acht Einreichungen haben eine mehrere Stunden dauernde Spiel- oder Rezeptionszeit („full“). Viele Beiträge kann man direkt online im Webbrowser spielen, einige wenige muss man als Software herunterladen.

Es gibt Krimi (Picton Murder Whodunnit) und Agentenparodie (Fish & Dagger), surreale Traumsequenzen in einem Science-Fiction-Setting (PERIHELION) und etwas selbstreferenzielles Leiden an Schreibblockaden (A Blank Page). Popkulturelle Referenz wird den Beatles (Eleanor) und Fernsehserien der 1970er (Excalibur) erwiesen.

Spiel mit der Form: Queenlash

Hervorstechend unter den Beiträgen voller Länge ist Queenlash von Kaemi Velatet, in dem das Leben der ägyptischen Königin Kleopatra aus Sicht von acht Frauen erzählt wird — in einem Sprachstil, der wie ein Stream of Consciousness wirkt und dadurch so ungewohnt (= schwierig) zu lesen ist, dass dem Text eine Anleitung zum Verständnis und eine Liste häufig gestellter Fragen beigegeben ist. Dabei ist das Verstehen eines linearen Textes gar nicht im Vordergrund, eher würden Leser*innen „thematischen Resonanzen“ nachspüren.

Dies führe zur Fragmentierung der Rezipient*innen durch den Text: „The reader becomes fragmented through the text and their attempts to collate their shards is a direct participation in the soulshatter that an eliuma seeks to capture“. Eliuma — das griechische Wort εἰλύω (eilúō) für „umhüllen“ verwendet Kaemi Velatet, um die Textform zu bezeichnen, und wieder ist hier an Aarseths Term „ergodic“ zu denken. Keiner der anderen Beiträge steht seiner Form als Interactive Fiction reflektierter gegenüber, stellt sie selbstbewusster nach außen und präsentiert sich so als künstlerischer Versuch.

Der Beginn von Queenlash (Kaemi Velatet)

Oder — ein erschreckender Gedanke vielleicht? — ist das alles nur Ironie, ein Scherz, der den Anspruch von Interactive Fiction an sich selbst (nämlich als echte Literatur anerkannt zu sein) auf die Schippe nimmt, mit einem teils unverständlichen Konvulut, das durch Vorwörter, Inhaltswarnungen (Gewalt, verstörende Themen usw.) und mitgelieferter Interpretation Ernsthaftigkeit vorspiegelt, wo eigentlich gar keine ist? „I wrote this eliuma to be a serious, genuine, and carthatic artwork“, wird in der Inhaltswarnung erklärt, und die Hoffnung geäußert, dass „openminded and patient readers will be able to see beneath the strangeness and the chaos of this book“. Und so tue ich mit diesem skeptischen Gedankenfunken dem Werk vielleicht (wahrscheinlich?) Unrecht.

Ob Queenlash auch als Wettbewerbsbeitrag ankommt, darüber werden die Leser*innen urteilen. Denn wer wenigstens zwei Einreichungen gelesen/gespielt hat, kann Beiträge aus der „Main Festival“-Kategorie für die Preisverleihung nominieren — das ist noch bis 7. Mai 2021 möglich. Außerdem können auch ‚Zuschauer-Awards‘ vergeben werden, die frei formulierbar und auch für die „Back Garden“-Beiträge erlaubt sind.


(Titelbild: VectorMine / Shutterstock.com)

Author: Dr. Mario Donick

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