Incels, Fundamentalisten, Autoritäre und das Patriarchat: „Politische Männlichkeit“ von Susanne Kaiser (2020)

Es vergeht kein Jahr, in dem es nicht zu aus Hass begangenen Attentaten junger Männer kommt, die meist als ‚Amoklauf‘ bezeichnet werden, so als handelte es sich um ein kontextloses ‚Durchdrehen‘ — zuletzt der Anschlag eines 21jährigen auf Supermarkt-Kund*innen in Boulder, Colorado, USA am 22.03.2021; eine Woche vorher, am 16.03.2021, das Attentat auf einen ‚Massagesalon‘ in Atlanta. Während das Motiv der Boulder-Tat noch unklar ist, gibt es beim Anschlag in Atlanta klare Bezüge zu Rassismus und Sexismus. Die Opfer des ebenfalls 21jährigen Täters waren vorwiegend Frauen asiatischer Herkunft — die Tat ist damit nur ein Beispiel für die seit Beginn der Corona-Krise um 149 (!) Prozent gestiegene Zahl antiasiatischer Hasskriminalität in den sechzehn größten amerikanischen Städten. Siebzig Prozent der Opfer sind Frauen.

In dem verlinkten Artikel weist Vina Yun darauf hin, dass „das weiße Nordamerika asiatische Frauen fast ausschließlich durch eine sexuelle Linse betrachtet.“ Es gebe, so Yun, „eine direkte und kausale Linie zwischen der Hypersexualisierung asiatischer Frauenkörper und der Gewalt gegen Frauen, die als asiatisch wahrgenommen werden“. Diese Linie steht laut Yun in einer noch älteren europäischen, kolonialistischen Tradition, die bis Marco Polo zurückgehe — „die ‚orientalische Frau‘ als Produkt westlicher männlicher Imagination“. Der Täter von Atlanta, heißt es, sei selbst Kunde des ‚Massagesalons‘ gewesen und hätte diesen „Ort der ‚Versuchung'“ vernichten wollen.

Der ‚autoritäre Backlash‘

Um ein umfassenderes Verständnis solcher Taten zu erlangen, ist es nötig, gesellschaftliche Kontexte aufzuschlüsseln. Anders als von Politik und manchen Medien gern dargestellt, handelt es sich bei Taten wie der in Atlanta nicht (oder nicht nur) um das Werk einzelner, psychisch gestörter Personen. Stattdessen ordnet es sich nicht nur in eine lange kulturelle Tradition der Unterdrückung und Ausbeutung ein (wie Vina Yun im o.g. Artikel zeigt), sondern auch in das vergleichsweise neue Phänomen der sogenannten „Incels“ („involuntary celibates, unfreiwillig zölibatär lebende) — aufgrund ihrer eigenen unerfüllten Sexualität frustrierte Männer leben im Internet ihre Frauen- und Selbstverachtung aus und einige von ihnen begehen schreckliche Verbrechen. Dass es hier um eine globale, nicht eben kleine, Szene geht, von der echte Gefahr für ein freies gesellschaftliches Zusammenleben ausgeht, wird deutlich, wenn man das im November 2020 bei Suhrkamp erschienene Buch „Politische Männlichkeit“ von Susanne Kaiser heranzieht.

Dabei war der Begriff „Incel“ zu Beginn nicht negativ besetzt. Er entstand 1997, als die kanadische Studentin Alana Boltwood eine Website und Mailingliste einrichtete, um eine Plattform zum Austausch für unfreiwillig enthaltsam lebende Menschen jeden Geschlechts einrichtete. Daher gibt es, so Kaiser, eine weite und eine enge Definition des Begriffs: „Im weiteren Sinne meint ‚Incel‘ jeden Menschen unabhängig vom Geschlecht, der unfreiwillig enthaltsam lebt“. Für diese Menschen gibt es seriöse Selbsthilfeforen zum Erfahrungsaustausch. Die enge Definition dagegen ist die, von der Gefahr ausgeht: „Im engeren Sinne […] handelt es sich um eine Bewegung von Männern, die ihren Frauenhass kultivieren und organisieren.“

Liest man Kaisers Buch, kommt man aus dem Erschrecken nicht heraus. Erschrecken über motivisch zumindest lose verbundene Gewalttaten, unter anderem von Anders Breiveik (2011, Oslo und Utøya) über Elliot Rodger (2014, Santa Barbara) und Brenton Tarrant (2019, Christchurch) bis zum Attentäter von Halle, Stephan Balliet (2019). Erschrecken über die Ideologien, die dahinter stehen und die sich in einer oft kruden, frauenfreien „Mannosphäre“ entwickeln, deren Ideale meist nichts mit einer aufgeklärten liberalen Demokratie zu tun haben.

Bei einer 2001 durchgeführten Studie „[gab] [f]ast die Hälfte der befragten sexlosen Erwachsenen an, generell unfähig zu sein, eine soziale Beziehung herzustellen“. Kaiser spricht von einer Antriebslosigkeit , die alle Bereiche des Lebens durchziehe: „Viele sind arbeitslos und nur in einem Feld aktiv: im Internet, entweder als Gamer oder beim Posten“ in Foren, in denen „sich Incels in einen zynischen, oft auch suizidalen Nihilismus hinein[steigern]“. Ebenfalls erschreckend: Wir reden hier nicht über ein paar hundert, sondern über mehrere zehntausend Menschen, die sich in diversen Reddit-Foren und Imageboards sammeln.

Susanne Kaiser zeichnet in ihrem Buch die Entstehung und Verbreitung dieser Szene nach, erklärt Begriffe und Codes dieser Parallelwelt, geht auf die theoretischen Grundlagen ein, auf die sich Incels gern berufen, und ordnet Medienereignissse entsprechend ein. Kaiser zeichnet das Paradoxon nach, dass Attentäter wie Elliot Rodger zwar ein patriarchales männliches Anspruchsdenken hätten, aber gleichzeitig überhaupt nicht dem Männlichkeitsideal entsprächen, von dem sie ausgingen: „Einerseits hängt Rodger einem althergebrachten patriarchalen Männlichkeitsideal an, dem zufolge Frauen ihm Sex und andere ‚Dienstleistungen‘ schulden. Andererseits aber verkörpert er selbst überhaupt nicht das Ideal hegemonialer Männlichkeit. […] Er wartet passiv und frustriert ab.“ Dies sei das Spannungsverhältnis, das bei Incels wie Rodger zu Frustration und letztlich zu Verbrechen führte.

Aber, und das ist wichtig, solche Anschläge sind nur der Extremfall für ein gesamtgesellschaftlich häufig vorhandenes männliches Anspruchsdenken, so als würden Frauen den Männern etwas schulden. Die zahlreichen Fälle im Kontext von #MeToo, die Missbrauchsvorwürfe um den Musiker Marylin Manson, aber auch die Vorgänge um den (jetzt früheren) Intendanten der Berliner Volksbühne Klaus Dörr und den BILD-Chef Julian Reichelt zeigen genau dasselbe Anspruchsdenken, bei denen Männer in Machtpositionen diese Macht auf aggressive Weise (ob nun körperlich oder nur verbal) ausleben.

Dass solche Fälle zunehmend thematisiert werden, zeigt einerseits, dass patriarchale Strukturen zunehmend gefährdet sind. Doch dies, so Kaiser im Rückgriff auf die Gewaltforscherin Jess Hill und den Männlichkeitsforscher Michael Kimmel, bedeutet andererseits eine größere Gefahr durch Gewalt: „‚Die erhöhte Aufmerksamkeit für männliche Gewalt […] könnte Täter gerade gefährlicher machen.‘ Hill beobachtet diesen Zusammenhang für Australien. […] ‚Der Backlash ist real und er ist gewalttätig.'“

Die konkreten Formen des Backlash unterscheiden sich im Einzelnen — während sich Anders Breivek in seinem ‚Manifest‘ eine ‚heile Familie‘ der 1950er herbeifantasierte, wünschen sich andere Extremisten eine Art ‚weiße Scharia‘ –, aber (das arbeitet Susanne Kaiser klar heraus) „[i]hnen gemein ist die Herabwürdigung von Frauen. Und dass es sich dabei eben nicht um Wahnvorstellungen einzelner Irrlichternder handelt, sondern um ein transformatorisches Programm, zeigen die zahlreichen Akteure, die diese Ideen in politisches Handeln zu übersetzen versuchen.“

Akteure, die sehr heterogen sind und von Religion über Vereine bis zur Politik ein großes Spektrum abdecken. In manchen Ländern Europas, wie Polen und Ungarn, sind sie in Regierungsverantwortung, in anderen Ländern handelt es sich um starke Lobbygruppen. In Deutschland ist u.a. an die AfD zu denken. Die verschiedenen Akteure mögen im Einzelnen unterschiedliche Schwerpunkte verfolgen. Aber „[s]chaut man […] hinter die verschiedenen Anliegen, findet sich immer dasselbe Muster […] Der Herrschaftsanspruch und die Privilegien, die mit — meistens weißer — Männlichkeit verbunden sind, werden erbittert verteidigt.“

Kaiser zeichnet gegen Schluss ihres Buches nach, wie die „Anti-Genderisten“ sich finanzieren und ihre Politik umsetzen, und welche Rolle Figuren wie der frühere US-Präsident Donald Trump, die französische Rassemblement National-Vorsitzende Marine Le Pen oder die AfD-Politikerin Alice Weidel dabei spielen, die rückwärtsgewandte Politik für möglichst viele Wähler*innen (nicht nur Männer) attraktiv zu machen.

Fazit

Susanne Kaisers Buch ist ein wichtiger Beitrag, der den Blick auf sonst nur am Rande wahrgenommene Phänomene lenkt, wenn wieder einmal ein sogenannter ‚Amoklauf‘ durch die Medien geistert. Kaiser zeigt sehr plausibel, dass es eine ideologische Ebene gibt, auf der Taten von ‚Incels‘, etwa Anschläge wie der in Atlanta, zusammenhängen mit häuslicher Gewalt von Männern gegen Frauen sowie mit mit Wahlerfolgen rechtsextremer Parteien weltweit. Zurück geht dies letztlich auf Verteidigungsreflexe eines patriarchalen Weltbilds.

Das Buch „Politische Männlichkeit. Wie Incels, Fundamentalisten und Autoritäre für das Patriarchat mobilmachen“ von Susanne Kaiser erschien 2020 bei Suhrkamp.

Author: Dr. Mario Donick

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