Geschichte(n) der Textverarbeitung: „Track Changes: A Literary History of Word Processing“ von Matthew G. Kirschenbaum (2016)

Nachdem ich im Dezember einen kleinen textverarbeitungstechnischen Retro-Anfall hatte, stieß ich auf eine sehr lesenswerte Literaturgeschichte der Textverarbeitung. Im 2016 erschienenen Buch „Track Changes: A Literary History of Word Processing“ zeichnet der US-amerikanische Autor und Englisch-Professor Matthew G. Kirschenbaum die Geschichte der Textverarbeitung am und mit dem Computer nach. In einer Mischung aus Anekdoten, kurzen Textauszügen und medientheoretischen Interpretationen wird deutlich, wie der PC als Schreibwerkzeug mal begeistert aufgenommen und mal als echte Bedrohung für literarische ‚Qualität‘ wahrgenommen wurde.

Die Auswahl der Autor*innen, die Kirschenbaum anführt, ist US-zentriert und entstammt recht oft dem Bereich der Phantastik (d.h. Science Fiction, Fantasy, Horror) — da darf natürlich der Verweis auf George R.R. Martins WordStar-Nutzung genausowenig fehlen wie Stephen Kings jahrelanges Festhalten an einem Anfang der 1980er herausgekommenen Textverarbeitungssystem des Herstellers Wang. Es ist sehr interessant, die Meinungsäußerungen aus einer Ära zu lesen, als das Schreiben mit dem Computer noch als etwas sehr Neues und für viele Menschen auch sehr Aufregendes wahrgenommen wurde — im Gegensatz zur heutigen Welt, in der „Typing on Glass“ (so ein Kapitelname) dank überall verbreiteter Touchscreens gar nichts Besonderes mehr ist.

Glücklicherweise bleibt Kirschenbaum nicht beim bloßen chronologischen Erzählen stehen, sondern streut an passenden Stellen auch medientheoretische Perspektiven ein. Die wichtige EXECUTE-(ausführen)-Taste an Stephen Kings Wang-Textprozessor etwa wird von Kirschenbaum mit Walter J. Ongs Konzept der sekundären Oralität der digitalen Kommunikation in Verbindung gebracht:

Computers thus make the written word actionable. EXECUTE was the juice, the lightning, the scroll in the forehead of the golem (to invoke the old Jewish legend).

Matthew G. Kirschenbaum, Track Changes, 2016, S. 79.

Wenn Textverarbeitung ins Spiel kommt, handelt es sich bei Wörtern nicht mehr um Signifikanten, sondern um etwas Ausführbares, wie Kirschenbaum mit Friedrich Kittler darstellt. Kittler hatte darauf hingewiesen, dass der Name des in den Achtzigern beliebten Textprogramms WordPerfect zu lang war, um ihn bei der damals unter MS-DOS geltenden Längenbegrenzung für Dateinamen auszuschreiben, was angesichts der im Namen versprochenen Perfektion sehr ironisch war:

For Kittler, word processing marked a definitive break with prior writing technologies because words stopped being mere signifiers and become executables instead: „Surely tapping the letter sequence of W, P, and Enter on [a] keyboard does not make the Word perfect, but this simple writing act starts the execution of WordPerfect.“

Ebd., S. 48.

Man musste also den Programmnamen abkürzen, um WordPerfect zu starten. Doch WP einzutippen, sorgte nicht für perfekte Wörter, oder bedeutungsvolle Worte, sondern führte einfach das Programm aus. Kurz und knapp fällt der Startbefehl WP aus, eine unbeabsichtigte Erinnerung an die plötzliche Effizienz des Schreibens, die viele Autor*innen bei ihrem ersten Kontakt mit einer Textverarbeitung mal erschrocken, mal begeistert bemerkten (vor allem im Vergleich zur Linearität der Schreibmaschine).

Stephen King und John Updike waren fasziniert vom Gedanken, durch Schreiben Wirklichkeit zu verändern. King veröffentlichte 1983 in der Zeitschrift Playboy eine Geschichte namens „The Word Processor“, in der der Protagonist Richard (Lehrer und eher erfolgloser Autor) mit der Löschen-Taste (DELETE) seines Computers rumspielt — und so nach Belieben manche Personen aus Richards echter Welt einfach löscht, während er andere einfügt (INSERT). Ebenfalls 1983 veröffentlichte John Updike das Gedicht INVALID.KEYSTROKE. In der zweiten Stophe klingt auch bei Updike die Faszination für die Macht des Schreibens/Ausführens an:

Your.cursor–tiny.blinking.sun–

Stands.ready.to.erase.or.run

At.my.COMMAND.to.EXECUTE

Or.CANCEL:.which? The.choice.is.moot.

Ebd., S. 85.

Die Alltagserfahrung von Autor*innen in ihrer Zeit mit der neuen Technologie wurde von ihnen literarisch verarbeitet, selbst wenn das mal nur im Titel eines Gedichts explizit wird, wie in Patricia Freed Ackermans „Poem Written at Work on a Wang Word Processor Sometime in the Afternoon Wanting to Leave“ (S. 143), ein Gedicht, das am Arbeitsplatz einer Sekretärin oder Schreibkraft entstand, die viel lieber woanders sein mochte:

In an ideal world

I would sit by a clear

lake an occasional

sailboat would

flutter by an

occasional butterfly fan

Ebd., S. 143.

Ein See mit Segelboot und Schmetterlingen, größer kann man sich den Kontrast zu einem Computerarbeitsplatz der frühen Achtziger kaum vorstellen. Aber, so Kirschenbaum, die Dichterin ist gefangen, „bound by her job, compelled to remain at the keyboard even if there is no work to be done“ (S. 144). Der Mensch selbst wird hier zur Maschine: „Like the word processor, she must be constantly ready, available, on call — on-line“ (ebd.) Das Textverarbeitungssystem sei eine Prothese, eine Erweiterung der Identität der Dichterin. Womit wir wiederum an Marshall McLuhan denken können.

Kirschenbaums insgesamt recht kurzweiliges Buch wird immer dann am spannendsten, wenn, wie in diesem Beispiel, historische Darstellung, Medientheorie und literarische Texte zusammenkommen.

„Track Changes: A Literary History of Word Processing“ von Matthew G. Kirschenbaum erschien 2016 bei The Belknap Press of Harvard University Press; eine deutschsprachige Ausgabe gibt es nicht.

Titelbild: Fathromi Ramdlon / pixabay.com

Author: Dr. Mario Donick

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