+++ Betrachtungen zur aktuellen Corona-Lage +++

Wie mein Kollege Mario Donick habe ich auch längere Zeit nichts mehr in diesen Blog geschrieben, da die derzeitige Corona-Glocke sehr viel Motivation und Kreativität einfach so verschluckt. Aus meiner Sicht liegt es vor allem an diesem merkwürdigen Vakuum, in dem wir uns seit Monaten befinden und wodurch es zunehmend für einen selbst immer schwieriger wird, zu bewerten, welche Entscheidungen bzw. Maßnahmen noch angemessen sind und welche nicht – gerade, weil wir uns zu schon zu sehr mittendrin in der Ausnahmesituation befinden und uns die Außenperspektive immer mehr abhandenkommt. Und diese quälende Langsamkeit beim Impfen ist kaum mehr zu ertragen…

Mir fallen momentan gesellschaftliche Diagnosen immer schwerer, weil man nicht so richtig einschätzen kann, in welche Richtung sich unsere (Welt-)Gesellschaft nach der Pandemie entwickeln wird und welche Themen dann vor allen Dingen im Fokus stehen werden. Ist es die Identitätspolitik oder ist das jetzt schon Schnee von gestern? Ist es der Klimawandel? Sind es soziale Ungleichheiten? Oder werden wir uns wieder hedonistisch ins Leben stürzen und alle Probleme erst einmal verdrängen, um das Leben wieder so richtig genießen zu können?

Kürzlich habe ich das Buch des Soziologen Steffen Mau „Lütten Klein“ gelesen. So wie er wurde ich auch in den 1970er Jahren in Rostock geboren. Ich bin allerdings nicht in Lütten Klein, sondern in Groß Klein 😉 aufgewachsen. Mau blickt zuerst auf den DDR-Alltag zurück und analysiert im Anschluss, welchen Veränderungen die DDR-Bürger:innen nach 1989 ausgesetzt waren und in welche Richtung sich der Stadtteil Lütten Klein entwickeln hat. Ich habe mich in dem Buch sehr wieder erkannt und stimme fast mit allen Beobachtungen von Mau überein. Und interessanterweise wurde mir beim Lesen immer bewusster, dass die Ostdeutschen fast mehr durch die Wende selbst als durch die DDR geprägt wurden. Steffen Mau verwendet dafür den Begriff der „Transformationsgesellschaft“, die sich während des Umbruchs in den ostdeutschen Bundesländern herausgebildet hat.

Der Zusammenfall der DDR und die Einbindung dieser in ein kapitalistisches Wirtschaftssystem war mit Transformationsprozessen verbunden, die die ehemaligen DDR-Bürger:innen völlig aus ihrem Gleichgewicht brachte und eine jahrelange Neu-Orientierung und Anstrengung nötig war, um sich im neuen System zurechtzufinden. Das hat mich in gewisser Weise an unsere Situation in der Corona-Pandemie erinnert. Mittlerweile dauert sie schon ein gutes Jahr und das ist ein Zeitraum, der in Gesellschaften schon eine sehr nachhaltige Wirkung entfalten kann. Ich bin gespannt, wie vor allem die Jugendlichen diese Zeit verarbeiten und wie sie in ihrem Verhalten als Erwachsene dadurch geprägt werden. Denn wie Steffen Mau herausgearbeitet hat, waren es vor allem die 13- bis 14-Jährigen, die besonders große Schwierigkeiten hatten, den Umbruch der DDR zu verkraften und sich an die neuen Verhältnisse anzupassen, da ihnen ihre Eltern als orientierende Wegweiser oft nicht zur Verfügung standen, da sie mit sich selbst genug zu tun hatten – die meisten wurden von einem auf den anderen Tag arbeitslos und waren gezwungen, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben und dafür viel Mut aufzubringen.

Seit einem Jahr müssen wir unser Leben wieder neu sortieren; Wünsche hintenanstellen. Damit verbunden ist, dass wir vieles in Frage stellen, was bis heute selbstverständlich war. Am Anfang der Pandemie schien die Digitalisierung noch als ein Allheilmittel und eine große Chance zu gelten, was sich aber schon teilweise als ein Trugschluss herausgestellt hat. Denn die Menschen sehnen sich nach zwischenmenschlicher Nähe und möchten endlich wieder gemeinsam Zeit verbringen, ohne durch einen Bildschirm getrennt zu sein. Wir befinden uns in einer erschreckend inhaltsleeren Zeit. Wenn Menschen nicht real miteinander – sondern nur über elektronische Medien – kommunizieren dürfen, dann stagniert scheinbar das Denken und die Entwicklung neuer Ideen. Klar, es ist gut, dass wir uns jetzt mit Videokonferenzen auskennen und uns smarter durch den digitalen Dschungel bewegen können – die digitale Kommunikation bringt aber keine „Neue Normalität“, sondern sie ist lediglich ein gutes Instrument, um die Einschränkungen abzufedern und trotzdem zwischenmenschlichen Kontakt möglich zu machen. Es bleibt aber immer nur eine schlechte Kopie des Originals – nämlich unserer analogen Kommunikation in der „primären Realität“. Die Welt erscheint mir im Moment schon fast lächerlich banal – die Fokussierung nur auf ein einziges Thema vernebelt das Gehirn. Umso länger die Einschränkungen dauern, umso mehr erkenne ich, wie sehr wir neue Reize und Erlebnisse brauchen – durch Kultur, Mobilität und gemeinsame Erlebnisse mit anderen Menschen. Und dann beginnt hoffentlich eine Zeit von neuen Visionen und wieder mehr Kreativität.

(Titelbild von Alexandra Koch / Pixabay)

Author: Dr. Uta Buttkewitz

Kulturwissenschaftlerin und Germanistin Wissenschaftsmanagerin an der Universität Rostock, freie Autorin Schwerpunkte: Medienwissenschaft / Kommunikationstheorie / Gesellschaftsdiagnose

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