Vom Postamt zum Bahnhof: Die neue Moynihan Train Hall in New York City

Bahnhofshallen können ganz unterschiedlich auf ihre Besucher*innen wirken. Große ältere Gebäude strahlen eine gewisse Würde und Monumentalität aus, die eine Zeit spürbar machen, als die Eisenbahn noch für Weltläufigkeit und Eleganz stand, und man sich vorstellen konnte, dass auf dem Bahnsteig da hinten gleich ein Mörder in den „Orient-Express“ steigt. Der Hauptbahnhof in Amsterdam vermittelte mir so ein Gefühl, ebenso Budapest-Keleti. Auch der Leipziger Hauptbahnhof geht in diese Richtung, weil die alte Architektur der hellen Halle die Idee des „Einkaufsbahnhofs“ etwas in den Hintergrund drängt, oder der Hamburger Hauptbahnhof, den ich zwar als eng, dunkel und laut empfinde, aber genau deshalb als genau richtig. Und über die Berliner Friedrichstraße will ich gar nicht reden, seine Geschichte spricht für sich. Gegen all dieses Alte erscheinen die neuen Hauptbahnhöfe in Berlin oder Wien nur als kalte, effiziente Durchgangsstationen, Nicht-Orte im Sinne Marc Augés, in denen man ungern verweilen möchte.

Im Kulturteil der New York Times las ich nun über eine neue Bahnhofshalle, mit der die Pennsylvania Station (kurz Penn Station) in New York City erweitert wurde und die seit Anfang Januar eröffnet ist. Insbesondere das Foto des Artikels brachte mich zum Staunen, es irritierte mich sehr. Das soll eine neue, erst in den letzten Jahren erbaute Bahnhofshalle sein? Da das Foto in schwarz-weiß abgedruckt war, glaubte ich erst, eine alte Aufnahme aus längst vergangenen Zeiten zu sehen, oder vielleicht einen Artikel über die Geschichte des Bahnhofs vor mir zu haben. Aber nein, die „Moynihan Train Hall“ (benannt nach dem früheren Senator Daniel Patrick Moynihan) ist tatsächlich neu, mit ihrer Stahl-Glas-Konstruktion des Daches und der wie schwebend wirkenden großen Bahnhofsuhr im Zentrum. Der Stil der Uhr erinnert an Art Deco, genauso wie die Schriftart der Beschriftungen an den Wänden.

(Foto: CHOONGKY / Shutterstock.com)

Ich bin immer etwas zwiegespalten, wenn Architektur so tut, als wäre ein Gebäude in einer anderen Zeit entstanden. Auf naive Weise finde ich das zwar „schön“: Ich liebe die Altstadt-Atmosphäre des Nikolaiviertels in Berlin, das aber eine künstliche Schöpfung ist, die zum Stadtjubiläum in den 1980er Jahren entstand. Auch die 2012 bis 2018 rekonstruierte Neue Frankfurter Altstadt „gefällt“ mir, obwohl ich die Kritik daran durchaus verstehe. Was ich vom Berliner Stadtschloss halten soll, ist mir noch nicht ganz klar.

Die neue Halle der Penn Station jedenfalls erweckt in mir den Wunsch, umgehend in den Zug zu steigen und da hinzufahren. New York, mein liebster Ort, an dem ich noch nie war, Medien-Ort. Schon fallen mir nie gedrehte Filme aus den Achtzigern und Neunzigern ein, deren herzzerreißende Abschiedsszenen oder konspirative Agententreffen in der Moynihan Train Hall hätten gedreht werden können, wenn es sie da schon gegeben hätte.

Die neue Bahnhofshalle ist kein vollständiger Neubau. Stattdessen wurde hier das alte Gebäude des U.S. General Post Office umgebaut (im Zeitplan und mit dem vorhergesehenen Budget, wie betont wird) und mit der bestehenden Penn Station verknüpft. Der bedeutende Bahnhof hat so wieder einen repräsentativen Bau, wie er schon einmal existierte, bis zum Abriss der alten Bahnhofshalle 1963.

(Foto: Wikipedia)

Die Fotos, die (nun in aller farbigen Herrlichkeit) im Internet zu finden sind, inszenieren den Bahnhof zunächst als Gebäude, das bestaunt wird. Buntes Licht entrückt den Bahnhof für den Moment noch seiner Alltagsnutzung. Die Warteräume etwa, die auf manchen Fotos mit warmen Licht beleuchtet sind, sehen darauf gemütlicher, einladender aus, als sie es wahrscheinlich sind, wenn sie erstmal eine Weile benutzt wurden. Die Form verändert sich in der Funktion, und neue Gebäude müssen erstmal eingelebt werden, der Witterung ausgesetzt, den Schuhen hoffentlich bald wieder unzähliger Reisender, herumfliegendem Müll, die Bänke zerkratzt von gelangweilten Teenagern, all das, was eben auch im schönsten neuesten Bahnhof schnell geschieht, und was man sicher kritisieren kann, aber irgendwie doch dazugehört zum Leben in einer Stadt.

Der Wartesaal strahlt — zumindest in dieser Beleuchtung — behagliche Wärme aus. (Foto: lev radin / Shutterstock.com)

Ist die neue Bahnhofshalle ein Statement für eine herausgehobene Rolle der Eisenbahn auch in heutiger Zeit? Vielleicht eher eine Erinnerung an offene Baustellen: Michael Kimmelman, Autor der eingangs erwähnten Kritik in der NYT, bezeichnet die Moynihan Hall als „Proof of Concept“. Er weist darauf hin, dass die neue Bahnhofshalle vorwiegend von Reisenden der Eisenbahngesellschaft Amtrak genutzt wird („a spectacular train hall for Amtrak“), auch wenn sie daneben Zugang zur Long Island Railroad biete. Die Amtrak-Passagiere machten aber vor Corona nur 5% der Reisenden aus, und so löst die Halle nicht die Probleme, die es im verzweigten Rest der Penn Station gibt — öffentliche Gesundheit, Sicherheit, Umweltbelange. Kimmelman versteht die Halle daher eher als Symbol. Sie würde zwar nur für wenige Menschen eine konkrete Funktion erfüllen, aber immerhin die Botschaft aussenden, dass auch in einer „Stadt der Neinsager“ („city of naysayers“) und in einem Umfeld zahlreicher gegenläufiger Interessen nötige Verbesserungen der Infrastruktur möglich sind. „Change can happen“, schreibt der Autor, und Moynihan sei ein Anfang.

Vielleicht kann dieses Symbol auch einen positiven Einfluss auf neue Bahnprojekte in anderen Ländern haben.


(Titelbild: CHOONGKY / Shutterstock.com)

Author: Dr. Mario Donick

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