Leben wir momentan alle auf dem ‚Zauberberg‘?

Um die Jahreswende lese ich nun nach zwanzig Jahren den Roman „Der Zauberberg“ (1924) von Thomas Mann wieder, der sehr gut zur momentanen Lebenssituation passt. Es ist darin von der so genannten „Ewigkeitssuppe“ die Rede, von einer sich immer gleichförmig wiederholenden Tagesstruktur und von einer Krankheit, der Tuberkulose, gegen die es Anfang des 20. Jahrhunderts noch keine wirksamen Medikamente gab. Das wirksamste Medikament bestand in Geduld und in monatelangen Aufenthalten in Sanatorien, wie zum Beispiel in Davos (Schweiz), in denen die Patient*innen durch Liegekuren, Spaziergänge und geregelte, üppige Mahlzeiten genesen sollten. Jedoch nicht alle Erkrankten gesundeten auf diese Art und Weise.

Mich erinnern die Schilderungen auf dem Zauberberg sehr an unseren derzeitigen Zeitgeist, mein Lebensgefühl in diesen Tagen und an den Verlauf des vergangenen Jahres, das nach meinem persönlichen Empfinden auch sehr gleichförmig ablief – ohne viele zusätzliche Erlebnisse, ohne kleine Highlights zwischendurch, mit nur wenig interessanten zwischenmenschlichen Begegnungen und mit wenig größeren oder kleinere Reisen – alles Ereignisse, die normalerweise als kleine Sehnsuchtsinseln den Alltag abwechslungsreicher gestalten, durchbrechen, die Zeit langsamer laufen lassen und ihr dadurch einen Sinn und mehr Lebensfülle geben. Im Zauberberg können wir lesen:

„Leere und Monotonie mögen zwar den Augenblick und die Stunden dehnen und ‚langweilig‘ machen, aber die großen und größten Zeitmassen verkürzen und verflüchtigen sie sogar bis zur Nichtigkeit. Umgekehrt ist ein reicher und interessanter Gehalt wohl imstande, die Stunde und selbst noch den Tag zu verkürzen und zu beschwingen, ins Große gerechnet jedoch verleiht er dem Zeitgange Breite, Gewicht und Solidität, so dass ereignisreiche Jahre viel langsamer vergehen als jene armen, leeren, leichten, die der Wind vor sich her bläst, und die verfliegen.“

Im vergangenen Jahr mussten wir uns zwar sehr umgewöhnen, an neue Lebensverhältnisse anpassen, und wir wurden mit ereignisreichen Nachrichten nur so überschüttet – allerdings meistens eher in negativer Weise. Und dabei konnten wir auch nicht aktiv sein, sondern wurden zum passiven Erdulden gezwungen. Und mit der Zeit setzt eben dann auch wiederum eine Gewöhnung an diese neuen, bleiernen Lebensverhältnisse ein.

Viele Menschen haben den ersten so genannten Lockdown noch als einen extremen Einschnitt innerhalb ihres Lebens wahrgenommen, aber gleichzeitig auch als etwas Neues, als eine neue Herausforderung, der man sich gesellschaftlich stellen muss. Je nach individuellen Umständen wurde das ‚neue‘ Leben von den einen positiv als Rückbezug auf sich selbst und Entschleunigung bewertet; während die anderen genau diese Bewertung als Luxusproblem betrachteten, da sie selbst von existenziellen und persönlichen, tiefgreifenden Ängsten, zum Beispiel vor Einsamkeit oder Arbeitslosigkeit, geplagt wurden.

Jetzt während des zweiten Lockdowns, noch dazu in den meist ereignislosen, grauen Wochen am Jahresbeginn empfinden viele diese Zeit als einschläfernd, demotivierend und öde – selbst das Spazierengehen ist bei dem oft kalten und grauen Wetter nur noch selten eine richtige Freude. So wie auf dem Zauberberg sind erlebe ich es als Highlight, wenn die Ostsee in der Sonne glänzt. So setzt sie dann ein – die monotone, sich wiederholende Gleichförmigkeit des Alltags.

Die Patient*innen auf dem Zauberberg haben sich so gut wie möglich eingerichtet, feiern jede Abreise eines*r Patient*in als Fest, da sie den gewohnten Alltag unterbricht. Auch die Hauptfigur des Romans, der junge Ingenieur Hans Castorp, ging davon aus, dass er nur für drei Wochen seinen Vetter im Sanatorium in den Schweizer Bergen besucht; dann erkrankte er selbst und es wurden schließlich sieben Jahre, die er dort verbrachte. Es gibt ein Kapitel im Roman, das den Titel „Der große Stumpfsinn“ trägt. Die Patient*innen vertreiben sich die Zeit mit Kartenspielen, Schweinchen malen mit verbundenen Augen, Briefmarken sammeln, Photographie, mit dem Erlernen der Sprache Esperanto oder albernen Ratespielen. Ein kleiner Lichtblick für Hans Castorp sind wissenschaftliches Studieren, philosophische Gespräche, die Liebe zu der Patientin Madame Chauchat und vor allem der Zauberkasten – das elektrische Grammophon.

Thomas Mann beschreibt in seinem Roman, wie sich die Patient*innen mit ihrer Krankheit und der neuen Lebenswirklichkeit arrangieren, der eigene Lebenshorizont dabei jedoch immer eingeschränkter und selbstbezüglicher wird:

„Auf Gliederung hielt man wohl; man beobachtete den Kalender, den Turnus, die äußere Wiederkehr. Aber die Zeit, die sich für den einzelnen mit dem Raum hier oben verband, die persönliche und individuelle Zeit also zu messen und zu zählen war Sache der Kurzfristigen und der Anfänger; die Eingesessenen lobten sich in dieser Hinsicht das Unangemessene und Achtlos-Ewige, den Tag, der immer derselbe war, und einer setzte mit Zartgefühl beim anderen einen Wunsch voraus.“

Es bleibt die Hoffnung, dass wir bald wieder vom Zauberberg hinab steigen können…

(Titelbild von Werner Friedli / Wikimedia Commons)

Author: Dr. Uta Buttkewitz

Kulturwissenschaftlerin und Germanistin Wissenschaftsmanagerin an der Universität Rostock, freie Autorin Schwerpunkte: Medienwissenschaft / Kommunikationstheorie / Gesellschaftsdiagnose

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