Vier Tage

Die Titelseiten der letzten vier Ausgaben der New York Times International Edition erzählen eine serienreife Geschichte — jede Headline und jedes Foto eine Folge einer Serie, die sicher irgendwann mal von Netflix, Amazon oder sonst wem produziert wird.

Da haben wir zuerst den „American Cliffhanger“, der zwischen zwei sehr alt und müde aussehenden Männern ausgetragen wird. Man hätte es auch American Standoff nennen können, in Anlehnung an den Mexican Standoff, eine Konfrontation, die von keiner Seite gewonnen werden kann. Damit meine ich nicht die Wahl an sich, sondern die Teilung der Gesellschaft als Konflikt, den kein Präsident allein lösen kann.

Die zweite Folge hält die Spannung. Erschöpft aussehende Wahlhelfer*innen dominieren die Seite, darunter ein Foto von Demonstrant*innen und ein Bild eines Wahllokals, dessen Fenster mit Papier abgeklebt werden, wohl um die Störungen von außen zu minimieren, was das Wahllokal aber gleichzeitig als geschlossenen Ort inszeniert. Zu dem Zeitpunkt lag Trump in der Auszählung noch vorn, aber langsam drehte sich das zugunsten Bidens. Die vorsichtige Formulierung „Slow count pushes Biden close“ zeigt Biden jedoch noch passiv — er wird durch die Auszählung näher an den bis dahin Führenden herangeschoben.

Das finde ich deshalb wichtig, weil in der dritten Folge Biden nun als aktiver Akteur gezeigt wird. Da wird er nicht mehr ‚gepusht‘, sondern „Biden clears a path to victory“ — er räumt den Weg Richtung Sieg frei. Interessant ist zudem die Bildauswahl und -aufteilung. Die beiden zentralen Fotos zeigen Demos im Bundesstaat Pennsylvania. Oben sehen wir Demonstrant*innen in Philadelphia, die fordern, dass die Auszählung weitergeht — „Black votes matter“ steht auf ihren schwarz-weiß-roten Schildern, hinter ihnen sehen wir Hochhäuser. Darunter quasi das Spiegelbild — Trump-Unterstützer*innen im kleinen Ort Harrisburg, der nichtmal 50.000 Einwohner hat, aber trotzdem Hauptstadt des Bundesstaates ist; „Stop the Steal“ steht auf ihren vorwiegend weißen Schildern, im Hintergrund offenbar das State Capitol, der Regierungssitz. Oben also die jungen, diversen Einwohner*innen der Großstadt, die Hände zur Faust geballt und damit aktiv dargestellt — unten die älteren, weißen Einwohner*innen außerhalb der Großstädte, schweigend, abwartend. Neben den Fotos sind jeweils kurze Artikel zum Stand der Wahl, oben mit einem kleinen Foto Bidens (den Blick nach vorn gerichtet, den Mund geöffnet, Entschlossenheit ausstrahlend), unten mit einem Foto Trumps (den Blick nach unten gerichtet, die Augen geschlossen).

Und dann schließlich Folge vier — ein sehr großes, staatstragendes Foto von Joe Biden und Kamela Harris, die Überschrift: „Taking the reins of a divided nation“ („die Zügel einer geteilten Nation übernehmen“). Und da sind wir nun — Joe Biden als alter weißer Mann, Kamala Harris als dunkelhäutige, vergleichsweise jüngere Frau. Das ist das Team, das das geteilte Land zusammenhalten soll.

Doch allein durch eine Wahl wird nicht plötzlich „Alles wieder gut!“, wie gestern Nikolaus Blome bei Spiegel Online behauptete. Dafür werden fanatische Trump-Anhänger und frustrierte, alle politischen Initiativen Bidens blockierende Republikaner auch nach einer offiziellen Vereidigung Bidens schon sorgen (und ich wünsche mir, dass ich mich irre). Das winzige Foto Trumps nach seiner Rückkehr vom Golfplatz, das die Zeitung ganz unten platziert, ändert daran leider noch nichts.

Autor: Dr. Mario Donick

Kommunikationsanalyse / Technikvertrauen / Softwaretransparenz

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