Dresden kurz vor dem erneuten Lockdown – ein Plädoyer für die Kunst

Eigentlich hatte ich mir meinen Urlaub anders vorgestellt und der kleine Ausflug nach Dresden sollte auch etwas länger dauern – nun leider nur bis zum Montag. Wir haben versucht, alles was an Kultur und Kulinarik noch möglich war, in den paar Tagen unterzubringen. Und da wurde mir wieder einmal bewusst, wie sehr ich immer wieder neue kulturelle Erlebnisse brauche, die mich inspirieren und zu neuem Denken anregen. Ich habe während des Aufenthalts in Dresden alle neuen Entdeckungen aufgesogen, inhaliert und gedanklich abgespeichert. Und so ging es scheinbar auch anderen Menschen, denn die Museen und Cafés waren gut besucht.

Dabei geht es gar nicht darum, sich ein ganz bestimmtes Kunstwerk anzuschauen oder sich viel neues Wissen anzueignen. Sondern die so wichtige „Resonanz“ (ein wunderbar passender Begriff, der von Hartmut Rosa geprägt wurde), entsteht schon dann, wenn man sich zusammen mit mehreren Menschen in einem Museum bewegt oder sich in der Semperoper zusammen mit anderen Besucher*innen zur Premiere „Die Zauberflöte“ trifft. Resonanz entsteht nur, wenn wir eine bestimmte Situation bewusst wahrnehmen und diese in uns selbst ein Wohlbefinden auslöst, das längere Zeit anhält und das eigene Denken beeinflusst. Das kann auch ein Naturerlebnis sein oder ein tolles Gespräch. Diese Situationen sind momentan sehr selten und deshalb ist die Wahrnehmung dieser wenigen Resonanz auslösenden Ereignisse umso intensiver und prägender.

Habe ich in früheren Jahren die Kunstsammlung von August dem Starken im Grünen Gewölbe häufig als Kitsch abgetan, so habe ich mich diesmal an der unglaublichen Handwerkskunst begeistern können. Möglich machte das auch die Tatsache, dass aufgrund der Hygienemaßnahmen nur recht wenige Besucher*innen in den Museen zugelassen waren, so dass die Menschen nicht in drei oder vier Reihen vor den Vitrinen standen, sondern direkt davor, ohne gestört zu werden.

Ähnlich erging es mir in der „Galerie Alte Meister“, in der man von Bildern verschiedener Künstler, die die immer gleichen christlichen Motive, Porträts und Stillleben gemalt haben, quasi erschlagen wird. Auch diese Bilder konnte ich mit viel Ruhe und Konzentration ganz anders betrachten und ihnen meine unverstellte Aufmerksamkeit widmen. Besonders begeistert hat mich das Bild von Wallerant Vaillant (1623-1677) „Ein Brett mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder hinter roten Bändern“, das täuschend echt die Utensilien darstellt, die man zum Schreiben von Briefen benötigt. Immer wieder bin ich vor das Bild getreten und konnte es nicht glauben, dass es sich wirklich um eine Ölmalerei und keine materielle Installation handelte. Auch ohne Digitalisierung war es den Alten Meistern möglich, mit der Ununterscheidbarkeit zwischen Realität und Illusion perfekt zu spielen. Unsere heutige scheinbare Medienrevolution verlor einen Moment lang an Bedeutung und Einzigartigkeit.


Wallerant Vaillant: „Ein Brett mit Briefen, Federmesser und Schreibfeder hinter roten Bändern“, 1658

Am Ende der Aufführung „Die Zauberflöte“ in der Semperoper hielten die Schauspieler*innen ein Plakat mit der Aufschrift „Kultur bildet Gesellschaft“ hoch – ein so wahrer und mehrdeutiger Satz, der hoffentlich bald wieder gelebt werden kann.

Autor: Dr. Uta Buttkewitz

Kulturwissenschaftlerin und Germanistin Wissenschaftsmanagerin an der Universität Rostock, freie Autorin Schwerpunkte: Medienwissenschaft / Kommunikationstheorie / Gesellschaftsdiagnose

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