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Gesellschaftsdiagnose und Traumabewältigung. Wolfgang Ullrich: Feindbild werden

Der seit 2019 zwischen Feuilleton und Leinwand ausgetragene Konflikt um einen Artikel des Kunstkritikers Wolfgang Ullrich in der ZEIT und dem in jenem Artikel genannten ostdeutschen Maler Neo Rauch hätte einen gewissen Unterhaltungswert, wenn man ihn lediglich distanziert als weiteres Beispiel für das ja immer mal wieder komplizierte Verhältnis von Kunst und Kritiker nehmen würde. Allerdings ist so ein Konflikt, der sich an der Ost-West-Linie der deutschen Gegenwart abspielt, doch zu wichtig als ihn nur amüsant zu finden. Und glücklicherweise ist das Buch, das Ullrich nun darüber veröffentlicht hat, mehr weitsichtige Gesellschaftsdiagnose denn persönliche Traumabewältung, auch wenn der Autor immer wieder auf seine Person zurückkommt. Aber der Reihe nach:

In Ullrichs ursprünglichem Artikel ging es um die Beobachtung, dass politisch rechts stehende Künstler*innen sich zunehmend als Verteidiger*innen der Kunstfreiheit aufspielen — ein etwas paradoxes Selbstbild, denn die Rechten wären wohl die ersten, die Pluralität und Diversität abschaffen würden, wären sie einmal an der Macht. Ullrichs Artikel war eine sachliche Analyse, provozierte aber Neo Rauch dazu, mit einem Gemälde als Leserbrief zu antworten. Das Bild mit dem Titel „Der Anbräuner“ zeigte offenbar seinen Kritiker als Maler, der mit seinen eigenen Fäkalien eine Leinwand beschmiert. In das Fenster des engen Dachbodenateliers wirft Hitler seinen Blick — Rauch sah sich also offenbar von Ullrichs Artikel als rechts, oder gar als Nazi, denunziert, „angebräunt“ eben. Dass es sich bei dem Maler auf Rauchs Bild um Ullrich handeln soll, wird außer dem Kontext auch aus den Initialen WU deutlich.

Im Prinzip ist das erstmal nichts anderes als das von rechter Seite oft zu hörende Gejammer, dass man ja heute gar nichts mehr sagen dürfe; dass ja immer gleich die Nazikeule käme, nur weil man mal ausspreche, was ‚alle‘ denken würden — die häufige Verwechslung von Meinungs- und Redefreiheit mit dem Wunsch, dass die eigene Rede doch bitte unwidersprochen bleiben möge bzw. der Vorwurf der Zensur, wenn es zu Widerspruch kommt. Der Diskurs um Ullrichs Artikel und Rauchs Gemälde ist da erstmal nur die gehobene, feuilletonistische Spielart dessen, was man jeden Tag im Internetrauschen von Kommentarbereichen beobachten kann.

Aber dieser spezifische Konflikt, und das stellt Wolfgang Ullrich nun in seinem Buch „Feindbild werden“ deutlich heraus, steht für mehr. Erstens werden in ihm unterschiedliche Funktionen und Eigenschaften deutlich, die man in einer Gesellschaft ‚dem Künstler‘ und ‚der Kunst‘ zuschreibt. Und zweitens stehen diese stellvertretend für nach wie vor (oder sogar wieder stärker?) vorhandene Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland, die von Rechten in ihrem Sinne verstärkt und ausgenutzt werden. Ullrichs Buch nimmt den Konflikt mit Rauch zum Anlass, über diese Unterschiede nachzudenken.

Da ist also zunächst das Verständnis von Kunst und Künstler*in: entweder klassisch als überzeitliche, identitätsstiftende, wohl auch moralische Instanz, zu der man aufblickt und der man einen Sonderstatus zugesteht — oder postmodern, wo all diese Kategorien keine große Rolle mehr spielen, weil es immer auch Alternativen zum gerade als aktuell Gesetzten geben kann.

In Westdeutschland, so Ullrich, hätte man auch durch die kapitalistische Waren- und Produktvielfalt gelernt, mit Vielfalt und Alternativen umzugehen. „Der Glaube an Festes und Absolutes schwand“ (S. 67). In Ostdeutschland hingegen hätte Kunst sich gegen einen autoritären Staat behaupten müssen und musste schon von daher selbst einen absoluten Anspruch setzen; eine Postmoderne im westlichen Sinne habe es in der DDR nicht gegeben. Dies wirkt bis heute nach, und wenn ein Kunstkritiker ‚aus dem Westen‘ wie Ullrich auf rechte Tendenzen in ostdeutscher Kunst hinweist, dann fühlen sich die Kritisierten auch deshalb angegriffen, weil sie ihr überzeitliches Kunstverständnis nicht aufgegeben haben, denn die entsprechende Sozialisation durch Alltagskapitalismus und intensive Beschäftigung mit postmodernen Theorien in der akademischen oder künstlerischen Ausbildung war eben nicht da.

Die Krux an der Sache ist, dass im wiedervereinten Deutschland nun rechte politische Kräfte den Osten als gleichsam letzte Bastion gegen den an die Postmoderne, an Liberalismus, an Multikulturalität und Diversität verloren geglaubten Westen betrachten. Sich als unterdrückt wähnende Künstler (die aber wie Neo Rauch durchaus erfolgreich sind, auch finanziell — „Der Anbräuner“ wurde auf einer Leipziger Wohltätigkeitsveranstaltung für 750.000 EUR versteigert) kommen da wie gerufen.

Wolfgang Ullrichs sehr lesenswertes Buch schält den Kern dieser Situation heraus, auch unter Bezugnahme auf Soziologen wie Andreas Reckwitz („Die Gesellschaft der Singularitäten“) und Steffen Mau („Lütten Klein“). Ob der recht dramatische (wohl vom Wagenbach-Verlag wie ein Aufkleber auf dem Umschlag platzierte) ‚zweite‘ Untertitel „Der neue Ost-West-Konflikt“ wirklich angemessen ist, dürfte sich wohl in den nächsten Jahren zeigen, wenn die in den Jahrzehnten nach der Wende kapitalistisch und postmodern sozialisierten jüngeren Ostdeutschen sich in Wirtschaft und Politik etabliert haben.

Wolfgang Ullrich: Feindbild werden. Ein Bericht. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, 2020.

P.S.: Dass auch im Kleinbürgertum und in der Mittelschicht im Westen lange Zeit ein klassisches Kunstverständnis herrschte, und wie man dieses überspitzt zusammenfassen kann, zeigt übrigens das Lied „Künstler“ des Kabarettisten Rainald Grebe:

1 Kommentar zu “Gesellschaftsdiagnose und Traumabewältigung. Wolfgang Ullrich: Feindbild werden

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