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Böhmermann und Precht zur Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz

Letzte Woche Sonntag habe ich im ARD-Magazin „Titel, Thesen, Temperamente“ einen Beitrag über den Moderator und Journalisten Jan Böhmermann gesehen, der gerade sein Buch mit dem Titel Gefolgt von niemandem, dem du folgst: Twitter-Tagebuch. 2009-2020 veröffentlicht hat. Mein erster Gedanke war: Meine Güte, jetzt bringt der Böhmermann auch noch so ein nichtssagendes Twitter-Buch heraus, angelehnt an Rainald Goetz` Abfall für alle oder an Walter Kempowskis Tagebuch Alkor. Aber dann wurde ich hellhörig, als Böhmermann den Grund für die Veröffentlichung des Buches erklärte und nicht mit dem üblichen Allgemeinplatz daherkam, dass unsere reale Welt sich mittlerweile vor allem digital abspielt und wir deshalb anhand von Tweets die Geschehnisse der Welt erklären können. Nein, Böhmermann sprach sehr differenziert von einem Paralleluniversum, zu dem wir uns jeden Tag neu verhalten müssen und welches aufgrund seiner Konstruiertheit eben nicht die reale Welt abbildet. Dadurch werde zum Beispiel der Eindruck erweckt, als wenn fast schon die Mehrheit der deutschen Bevölkerung rechts denkt, weil die Rechten die sozialen Medien sehr clever für sich zu nutzen wissen.

Böhmermann plädiert für die Vergemeinschaftung von Google, Twitter & Co. Es ist nicht etwa so, dass er die erste prominente Person ist, die auf diesen Gedanken kommt. Aber in dieser eindrücklichen Form und mit einer klar verständlichen, einleuchtenden Argumentation, habe ich es lange nicht vernommen – nämlich, dass Google, Facebook und Twitter mittlerweile eine Infrastruktur bilden, die zu wichtig und systemrelevant ist (ähnlich wie Eisenbahn, Telefon, Fernsehen u.a.), um sie in der Hand von kommerziellen Firmen zu belassen.

Richard David Precht schreibt in seinem neuen Buch Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens, dass Google, Facebook und Amazon die Ökonomie mittlerweile soweit verändert haben, dass diese Firmen nun selbst zu Märkten wurden: „Kontrolliert wird der Markt nicht durch staatliche Ordnungspolitik, sondern durch eine Reihe subtiler Methoden wie Interfaces, Ratings und Trackings, durch die sich Nutzerverhalten steuern und Daten schöpfen lassen.“

Das sind alles keine ganz neuen Erklärungen – aber es ist wichtig, sie immer wieder zu äußern, um bei den Menschen die Reflexion darüber zu schärfen, wie sehr sie schon von der Digitalisierung und ihren (scheinbaren) Innovationen abhängig sind. Precht betont in seinem Buch den Unterschied zwischen Innovation und Fortschritt, nämlich, dass jede neue Innovation zur Künstlichen Intelligenz aus dem Silicon Valley noch lange kein Fortschritt für die gesamt Menschheit bedeutet. In erster Linie gehe es den „Propagandisten der Hightech-Konzerne“ nicht darum, das soziale menschliche Miteinander auf unserem Planeten zu verbessern, sondern um rein wirtschaftliche Interessen. Und dieses ökonomische Ziel einiger Konzerne steht im starken Widerspruch zu gemeinsamen Interessen aller Menschen, wofür Ethik-Kommissionen und differenzierte Debatten in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen notwendig sind. Mario Donick hat darüber auch in seinem Essay „Cyborg gegen KI? Elon Musks „Neuralink“ geschrieben.

Gleichzeitig stellt sich Precht jedoch auch die Frage, was im Zuge der Weiterentwicklung von KI mit dem einzelnen Menschen passiert, der zwar als Konsument*in, Verbraucher*in und Nutzer*in eine große Rolle spielt, jedoch nicht, wenn es um sein ganz persönliches Wohlbefinden geht. Und ist es nicht auch wirklich so, dass durch Digitalisierung und KI den Menschen technische Neuerungen aufgezwungen werden, die sie subjektiv für sich gar nicht so positiv bewerten, aber in einem technischen Ordnungsrahmen gefangen sind, der ihnen nicht nur einen wissenschaftlichen objektiven Fortschritt bietet, sondern auch versucht, in seinen ganz persönlichen, privaten Bereich vorzudringen? Im Rückgriff auf den dänischen Philosophen Søren Kierkegaard fragt Precht, wie wir in der modernen, digitalisierten Welt unseren Platz finden, glücklich werden können und unsere eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse nicht in den Hintergrund drängen lassen. An dieser Stelle hat Precht einen ganz wichtigen, wunden Punkt getroffen; nämlich inwiefern wir uns durch den derzeitigen Optimierungsfuror von unserer eigenen Natur zu weit entfernen könnten. Im Gegensatz zu Precht bin ich in dieser Hinsicht jedoch etwas optimistischer.

(Titelbild: Gerd Altmann auf Pixabay.com)

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