Zur Anmutung von Zeitungsartikeln

Die Zeitung als Printmedium hat lange Zeit die für eine Gesellschaft gerade relevanten Themen gesetzt — im wahrsten Sinne des Wortes, denn auf dem begrenzten Blatt Papier drückt sich auch im Satzspiegel aus, was mehr oder weniger relevant ist: Wie groß wird ein Artikel dargestellt, ist er gar Aufmacher auf der Titelseite oder prominent auf Seite 3? Welche Bilder werden ausgewählt, welche weggelassen? Von welchen anderen Artikeln wird ein Text eingerahmt, von welcher Werbung wird er begleitet, und damit mal bewusst, mal unfreiwillig kontextualisiert?

Wenn dabei nicht aufgepasst wird, führt das manchmal zu schlimmen Peinlichkeiten. Im Jahr 2006 etwa verkündete ein Strom- und Gasanbieter: „E.ON sorgt schon heute für das Gas von morgen“. Die Anzeige erschien damals in der „Lüneburger Landeszeitung“ direkt neben einem Artikel, der eine Ausstellung zum Schicksal nach Auschwitz deportierter Sinti thematisierte; in weißer Schrift auf rotem Hintergrund nahm sie ein Viertel der Seite ein. Diese krasse Unachtsamkeit schaffte es als Medienereignis dann in viele andere Medien … Jedenfalls wird die Anmutung bzw. Wahrnehmung eines Artikels von seiner Gestaltung und seinem Kontext beeinflusst.

Beispiel: Feuer an der US-Westküste – Print und e-Paper

Man kann dies gut erkennen, wenn man den selben Artikel mal in der gedruckten Zeitung, mal im als Druck-Layout vorliegenden e-Paper und mal im auf Internet- oder App-Format optimierten Design anschaut.

Die „Washington Post“ berichtete gestern über die ausgedehnten Feuer an der US-Westküste. In der Printausgabe und im e-Paper war der Artikel zweigeteilt: Der Artikel war Aufmacher auf der Titelseite. Dort war er in der oberen Hälfte mittig platziert, die Überschrift „it burns your chest“ und die vier Textspalten waren von viel Weißraum umgeben, darüber das Foto einer Amerikanerin, die derzeit in Auto und Zelt lebt, aber immerhin mit Teppich, Campingtisch und Blumengesteck; hinter ihr Wohnwagen, grelle Flutlichter und der apokalyptische Dunst der rauchverhangenen Atmosphäre.

Eingerahmt wird der Artikel durch kürzere Artikelanfänge, darunter ein Text, der den Zusammenhang der Feuer mit dem Klimawandel hervorhebt, und ein Artikel, der die Auswirkungen Corona-induzierter Arbeitsplatzverluste auf das US-amerikanische Gesundheitsfürsorgeprogramm Medicaid zum Thema hat. Sie alle sind in der Zeitung fortgesetzt.

Der Aufmacher wird ebenfalls weiter hinten fortgeführt. „In their hair, in their clothes, in their cars, in their lungs“, fasst die Überschrift eine Kernaussage des Artikels zusammen (dass der Rauch und Ruß überall sind, dass man ihm nicht entkommen kann, dass man ihn nicht abgewaschen bekommt).

Die oberen zwei Drittel der Seite werden durch drei schwarz-weiß Bilder dominiert, um die herum der Text des Berichts gesetzt ist. Das untere Seitendrittel enthält einen weiteren Artikel, der sich mit dem Besuch Donald Trumps in Kalifornien und Angriffen Joe Bidens gegen Trump befasst.

Insgesamt mutet das Thema des Artikels durch seinen Umfang, seine Positionierung, seine Gestaltung und seine Flankierung durch verwandte Artikel wichtig an. Die Bildauswahl und -anordnung erzeugen eine bedrückende Atmosphäre, die die im Text beschriebenen Atemprobleme durch die starke Rauchbelastung widerspiegelt. Man muss sich etwas Zeit nehmen, den Artikel vollständig zu lesen und zu erfassen. Die Berichterstattung nimmt im Layout von Druckausgabe bzw. e-Paper den Raum ein, der dem Thema gebührt und lässt das Thema intensiv wirken.

Dagegen die für App und Online optimierte Darstellung

Die App der „Washington Post“ bietet neben der der Druckausgabe entsprechenden e-Paper-Ansicht auch eine für Bildschirme optimierte Darstellung, die man durch Antippen der einzelnen Artikel aufruft. Diese Darstellung ist wesentlich nüchterner und letztlich ein langer Fließtext, durch den man sich viel schneller scrollt als durch das Print-/e-Paper-Layout. Er ist zudem mit zusätzlichen Fotos illustriert, die Fotos werden alle farbig angezeigt und im Text sind ein paar Hyperlinks enthalten — eben ein typischer Beitrag, wie er auch auf der Internetseite der Zeitung erscheint. Obwohl der Text identisch ist, ist seine Darstellung / seine Anmutung und damit seine Wirkung eine andere.

Der Artikel, der auf der Titelseite der Printausgabe gerade durch den Weißraum und seine Position hervorgehoben war bzw. im Innenteil wie ein schwerer Monolith wirkt, verliert in der optimierten Darstellung seine Präsenz. Er wird von dominanten Fotos erdrückt und reiht sich nahtlos in den endlosen Strom aus Neuigkeiten ein, dem wir im Internet ständig ausgesetzt sind und der schnell an uns vorüberzieht. Das schnelle Scrollen verführt zum Überfliegen; der Blick bleibt eher an den Bildern hängen als sich auf die Worte einzulassen. Eher kommt es zum Querlesen, zum schnellen Fakten-suchen im Sinne der 6 journalistischen „W“-Fragen des Wer, Was, Wo, Wann, Wie und Warum. Ist das beantwortet, wischt es sich schnell zum nächsten Text.

Geschrumpfter Riese

Zum Schluss noch ein Blick auf ein ähnliches Beispiel aus der deutschsprachigen Zeitungslandschaft. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat eine App, die im e-Paper ebenfalls das Layout der gedruckten Zeitung anzeigt. Aber wie winzig wirkt diese eigentlich so große, fast monumentale Institution auf dem Tablet-Bildschirm!

Die Seiten, die man sonst nur äußerst raumgreifend bequem lesen kann, werden zu Vorschauen reduziert (1. Bild oben), in die man zwar hineinzoomen kann (2. Bild), deren leibliche Wirkung sich als e-Paper aber trotzdem nicht einstellen will, sodass man am Ende vielleicht doch den nüchternen Fließtext aufruft (3. Bild), um sich schnell zu informieren, statt für längere Zeit in die vom Satz angelegte Atmosphäre einzutauchen.

(Titelbild: Th_G / Pixabay.com; die Screenshots der Apps von Washington Post und ZEIT dienen zur Verdeutlichung der Beobachtungen dieses Artikels.)

Autor: Dr. Mario Donick

Kommunikationsanalyse / Technikvertrauen / Softwaretransparenz

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