Mehr Spiele, Feste und Gemeinschaft bitte! Byung-Chul Han: Vom Verschwinden der Rituale. Eine Topologie der Gegenwart.

Byung-Chul Han, der Schnellschreiber im digitalen Zeitalter, hat wieder ein Buch vorgelegt, das äußerst inspirierend daherkommt und dem unverwechselbaren Han-Stil entspricht. Es ist nicht so leicht, Rezensionen zu Büchern des Philosophen und Diagnostiker des digitalen Zeitalters zu schreiben, da sie in sich sehr organisch sind und in ihrer Gesamtheit immer einen fortlaufenden Gedankenprozess an einem Stück darstellen – vergleichbar mit einem Kinofilm, der ohne einen einzigen Schnitt gedreht wurde und nur aus einer einzigen Einstellung besteht.

In seinem Buch „Vom Verschwinden der Rituale“ greift Han seine alten Themen wieder auf – nämlich die Beschreibung der aktuellen Digitalisierungsgesellschaft, die vom Subjekt und nicht mehr durch die Gemeinschaft bestimmt wird. Dieses Mal geht Han von Ritualen aus, die als symbolische und formalistische Handlungen der modernen Gesellschaft abhanden gekommen seien. Rituale bringen eine „Gemeinschaft ohne Kommunikation“ hervor, während unsere heutige Gesellschaft durch eine „Kommunikation ohne Gemeinschaft“ geprägt sei. Wir leben in einer Gesellschaft ohne „Symbolkraft“, sagt Han, denn Daten und Informationen haben nichts Bleibendes an sich, sondern ändern sich ständig, so dass sie der Gesellschaft keine Stabilität bieten und kein kontemplatives Verweilen mehr zulassen. Die Logik des Kapitalismus nimmt den Dingen ihre Dauer, da die Dinge ständig neu produziert und konsumiert werden. Auch das scheinbar Moralische, womit vor allem verschiedene Varianten der Selbstoptimierung gemeint sind, wird vom Kapitalismus absorbiert und sofort verwertet, so dass sich die moralischen Werte nicht auf die Gemeinschaft beziehen, sondern damit nur der eigene „Selbstwert erhöht wird“.

Die digitale Gesellschaft zeichnet sich laut Byung-Chul Han durch ständige Wiederholungen des immer Gleichen aus. Es handelt sich hierbei jedoch um eine andere Art des Wiederholens als bei Ritualen, die ja auch das Element der Wiederholung in sich tragen, aber dadurch gekennzeichnet sind, dass sie in sich geschlossen sind, so Han. Er stellt die These auf, dass sich Daten und Informationen uns in einer Endlosschleife präsentieren, aus der wir uns nicht befreien können und wodurch das Leben zu einem reinen Überleben verkommt ohne jegliche symbolische Rituale, die eine Gemeinschaft festigen. Die souveräne Lebenskunst und das sinnlose Verweilen gehen damit verloren. Der fortwährende kapitalistische Produktionszwang negiere den Abschluss des Lebens. Der Tod werde nicht mehr akzeptiert.

Rituelle Zeremonien wie Gottesdienste, religiöse Feiertage, benötigen laut Han keine Psychologie und keine Empathie, weil das Subjekt im Kollektivismus aufgeht und die eigenen, subjektiven Probleme keine Rolle mehr spielen. Der Mensch fühle sich im kollektiven Ritual geborgen und eingehaust. Leider wird Han an dieser Stelle nicht konkreter, so dass man sich ein paar Beispiele für rituelle Handlungen gewünscht hätte, die man wieder aktivieren könnte, ohne dass sie aus der Zeit gefallen wirken und ihr erneutes Aufleben nicht konstruiert wirkt. Denn bei dem Wort Ritualehaben wir sowohl negative als auch positive Assoziationen. Schöne Rituale können beispielsweise ein ausgiebiges Frühstück am Wochenende oder eingeübte und beruhigende Abläufe vor dem Schlafengehen sein. Wir denken wir bei Ritualen aber auch gleichzeitig an dunkle Geheimnisse und an mystische Begebenheiten.

Des Weiteren kritisiert Han, dass die digitalen Menschen ständig neue Reize benötigen, immerzu konsumieren und damit die Dinge keine Geschichten mehr erzählen und keine Erinnerungen in sich tragen. Außerdem wendet er sich gegen Veranstaltungen, die nur mehr Events genannt werden und damit die Flüchtigkeit schon im Namen tragen. Aus meiner Sicht widerspricht sich Han hier in gewisser Weise selbst, da zum Beispiel auch große Musikkonzerte etwas rituelles an sich haben, da sich die Zuschauer:innen dabei völlig entrückt verlieren können und in Ekstase geraten – ohne sich als Subjekt wahrzunehmen. Und gerade solche emotionalen Großereignisse verinnerlichen besonders junge Menschen sehr stark und bewahren sie dauerhaft als Erinnerung und wertvolle Zeit in ihrem Leben.

Gleichzeitig stimme ich Han dahingehend zu, dass er ähnlich wie ich in meinem Buch „Smiley Herzchen Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im digitalen Zeitalter“ die Leichtigkeit und die Gelassenheit in unserer gegenwärtigen Gesellschaft vermisst. Er vermisst vor allem das Spielerische und Theatralische und die oberflächliche Höflichkeit als rituelle Handlungen, wie sie im 18. Jahrhundert üblich waren und heute noch in der japanischen Gesellschaft gelebt werden. Han plädiert auch für das Spielerische, das Schauspielerische und die Schönheit von Sprache, die nichts meinen muss und nur durch den Schein des Schönen attraktiv ist.

Einige Sätze im Buch sind aus meiner Sicht etwas zu plakativ formuliert, zum Beispiel: „Den neoliberalen Dispositiven wie Authentizität, Innovation oder Kreativität wohnt ein permanenter Zwang zu Neuem inne. Sie erzeugen aber letzten Endes nur Variationen des Gleichen“. Meiner Meinung nach fehlt dem digitalen Zeitalter gerade Authentizität und Kreativität, wodurch alles mehr und mehr gleich wirkt. Im Kult der Authentizität erkennt Han dagegen eine Verrohung der Gesellschaft – eine mittlerweile inflationär gebrauchte Aussage in unserer Gesellschaft. Da verweise ich immer gern auf die Weltkriege im 20. Jahrhundert. Wenn wir jetzt eine Verrohung der Gesellschaft haben – was hatten wir dann damals?

Auch wenn sich Byung-Chul Han in seinen Büchern selbst zu Wiederholungen neigt, so findet man in ihnen immer wieder geniale Sätze, die einen inspirieren und verführen und wofür sich das Lesen seiner Bücher lohnt, wie zum Beispiel: „Die Depression entsteht am Nullpunkt der Resonanz […]. Das neoliberale Regime vereinzelt die Menschen. Gleichzeitig wird die Empathie beschworen. Die rituelle Gesellschaft benötigt keine Empathie, denn sie ist ein Resonanzkörper.“

(Titelbild: Free-Photos auf Pixabay.com)

Autor: Dr. Uta Buttkewitz

Kulturwissenschaftlerin und Germanistin Wissenschaftsmanagerin an der Universität Rostock, freie Autorin Schwerpunkte: Medienwissenschaft / Kommunikationstheorie / Gesellschaftsdiagnose

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