Essay Tagebuch

Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen

Eine der letzten analogen Hochburgen, die Yogalehr-Ausbildung ist nun auch digital. Ich durfte dabei sein!

In drei Teilen berichte ich in den nächsten Wochen von meinen Erfahrungen, aus denen sich Wertvolles und Hilfreiches für den Alltag im digitalen Zeitalter ableiten lässt.

Zur Geschichte der Yogalehre

Der Yoga ist uralt. Er wurde wahrscheinlich viele Jahrhunderte lang in Indien mündlich an ausgewählte Schüler*innen weitergegeben. Die ältesten Darstelllungen von Yoga-Stellungen sollen über 5000 Jahren alt sein1,2, die ältesten Yoga-Schriften, die Veden, bzw. Teile davon sind mindestens 800-1500 v. Chr. entstanden (Auffassung der westlichen Indologie), wenn nicht sogar mehr als 3000 v. Chr. (klassische indische Auffassung) 3.

Mal sehr populär, mal fast vergessen, wurde der Yoga nur von Yoga-Meister*innen (jemand, der die Erleuchtung oder einen hohen Grad an spiritueller Verwirklichung erreicht hat) an ausgewählte Schüler*innen weitergegeben. Den Legenden nach waren diese Yoga-Schüler*innen zum Teil auch große Könige, die ihre Königreiche für die Lehre bei den großen Yoga-Meister*innen hinter sich ließen. Ein*e Yoga Meister*in war jemand, bei dem Yoga-Schüler*innen viele Jahre wohnten und dienten, um Yoga zu lernen.

Sowohl die Yoga-Meister*innen, als auch die Yoga*Schülerinnen habe ich hier bewusst gegendert. Denn es gab sie, die Frauen, in der langen Tradition des Yoga4, wenn auch nicht zu allen Zeiten und sicher eher in der Minderheit und in einer männlich dominierten Öffentlichkeit, weniger wahrgenommen.

Ihre Wahrnehmung & Akzeptanz sinkt zusätzlich, zum Beispiel auch durch ungegenderte Online-Beiträge.

In den letzten 100 Jahren bis heute gibt es einige große Yoga-Meisterinnen und heute, zumindest in der westlichen Welt mehr Yoga-Schülerinnen5 als Yoga-Schüler.

Die Gründe für die Umkehr des Geschlechtes unter den Schülerinnen und Schülern mit der Verbreitung des Yoga im Westen sind allerdings kein Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit, sondern den unterschiedlichen Assoziationen der Kulturen mit dem Yoga geschuldet:

Während der Yoga in Indien z.T. nur ausgewählten, in der Regel wohlhabenden Personenkreisen und hier im Besonderen den Männern vorbehalten war, gilt der Yoga im Westen der Entspannung, der Schulung von Achtsamkeit, der Wahrnehmung und Vereinigung von Körper und Geist. Themen, mit denen der gemeine westliche Mann leider noch nicht unbedingt etwas anfangen kann und möchte.

Photo by Magda Ehlers on Pexels.com

Auch Auszubildende gehen heutzutage sozusagen als Schüler*innen für mehrere Jahre und wenig Entlohnung in die Lehre, d.h. (eigentlich) in eine umfangreiche Betreuung zu einer*m Meister*in des jeweiligen Faches.

Während ernsthafte Aspirant*innen (spirituell Suchende) auch heute noch oder vielleicht gerade im digitalen Zeitalter auf der Suche nach einer*m Lehrenden sind, die/der auf dem spirituellen Weg unterstützt, hat sich an der Art der Ausbildung im letzten Jahrhundert vieles verändert.

So ist z.B. das Ziel des Yoga im Westen für einen Großteil der Yoga-Praktizierenden kein Spirituelles und vielleicht werden deshalb die alten Yoga-Schriften in den Grundausbildungen zunächst einmal nur angerissen. Yogalehrende, welche ihr Wissen in diese Richtung vertiefen möchten, können das in weiterführenden Seminaren und Ausbildungen tun.

Zu diesen Veränderungen des Yoga lässt sich durchaus Kritisches anmerken, wenn der Yoga nicht groß wäre und für Vielfältigkeit und Individualität stünde. So wird gesagt, das eine Jahrhunderte alte indische Tradition „aus seinem gesamten spirituellen, historischen und kulturellen Kontext“6 genommen wurde und der Westen, insbesondere über die Briten während der Kolonialzeit, sich den Yoga kulturell angeeignet habe6,7 und damit z.T. zu einer Dehnübung reduziert.

Vieles was in der Yoga-Tradition, -Philosophie, – und dem Lebensstil wichtig und heilend ist, kann, in Abhängigkeit vom Lehrenden, im Fitnessstudio verloren gehen. Wenn ich auch selbst eine Verunglimpfung der Yoga-Tradition, z.B. im Bier-Yoga sehe und manchmal auch keine Lust mehr habe, immer wieder zu erklären, dass (mein) Yoga nicht nur Sport ist, teile ich obige Ansicht nur bedingt:

Es gibt viele Quellen, so auch mein Yoga-Lehrenden-Handbuch aus der Ausbildung, die davon berichten, dass es Wunsch, Wille und Streben einiger großer indischer Meister des späten 19. Jahrhundert und des 20. Jahrhundert war, den Yoga im Westen populär zu machen und es so heute auch in Deutschland möglich ist, den Yoga in seiner Ganzheit (und nicht nur als Dehnübung) zu erlernen.

Photo by Artem Beliaikin on Pexels.com

Yogalehre im digitalen Zeitalter

Yoga dient den meisten Praktizierenden im digitalen Zeitalter zur Entspannung und zur Erhöhung der körperlichen Fitness. Der Yoga ist für sie Gegenstück zu einem sehr schnell-lebigen, reizüberflutenden, materialistischen und häufig ungesundem Alltag.

Die Ausbildungen zur/zum Yogalehrenden, so auch die 4-Wochen-Intensiv-Ausbildung, welche ich vor einigen Wochen abgeschlossen habe, versuchen die westlichen Anforderungen an den Yoga mit dem hohen Anspruch und Niveau des traditionellen Yoga anzugleichen.

Deshalb meint intensiv in der Ankündigung ‚4-Wochen-Intensiv-Ausbildung‘ auch wirklich intensiv! Intensiver, als ich es mir habe vorstellen können und ganz anders (besser, wenn auch herausfordernd) als man Aus- und Fortbildung normalerweise in Deutschland gewohnt ist.

In weiser Voraussicht und weil auch für mich ein beruflicher Alltag zu bewältigen ist, habe ich meine Ausbildung in drei Teile geteilt. Ich war zweimal eine Woche in der Präsenzausbildung im Ashram (klosterähnliches Meditationszentrum8 / Ort, an dem Yoga und andere spirituelle Praktiken praktiziert und gelehrt werden9) in Bad Meinberg und habe Corona-bedingt, die letzten beiden Wochen am Stück online zu Hause absolviert.

Intensiv bedeutet in der Präsenzausbildung im Ashram u.a., dass der Tag (das Aufstehen nicht inklusive) um 6 Uhr morgens mit Atemübungen, Meditation, gemeinsamem Singen, rituellen, hinduistischen Zeremonien und einem Vortrag zur Yoga-Philosophie bis 8:30 Uhr beginnt.

Dem schließt sich fast nahtlos die erste mehr als zwei-stündige Yoga-Praxis des Tages von 8:45 bis 11:05 Uhr an, bevor es bis 12 Uhr gesunde biologische, mindestens vegetarische Vollwertkost gibt. Dann folgen 45 Minuten Karma-Yoga (für mich Putzen in der Küche) und 45 Minuten Studienzeit. Schon ist es 14 Uhr und es geht weiter: Vortrag bis 16 Uhr, Yoga-Praxis bis 18 Uhr, Essen 18-19 Uhr, Meditation, Vortrag und gemeinsames Singen bis 22:10 Uhr.

12 Stunden jeden Tag. Und immer stehen die sogenannten ‚Türengel‘ an der Tür, bei denen man sich anwesend zeichnen lassen muss. Fehlzeiten sind nicht gestattet.

Photo by Andrey Grushnikov on Pexels.com

Wenn man allerdings einfach mal im Vortrag einschläft, so wie ich, ist das in Ordnung. Und auch, wenn man die ein oder andere Yogaübung auslässt, ist das ganz normal. Jeder achtet auf seinen Körper mit seinen aktuellen Grenzen (die sich mit der Zeit verschieben!)! Auch kritische Fragen und Diskussionen zu den Themen waren gewünscht, wurden aufgenommen und geklärt.

Es stehen auch Fasten- und Schweigetage auf dem Programm, wobei insbesondere das Fasten freiwillig ist, zumal der ‚normale‘ Rhythmus der Nahrungsaufnahme im Ashram ja schon ein Intervall-Fasten ist. (Hier zu meinem Artikel über das Fasten von Gewohnheiten…)

Der Verzicht auf Fleisch, Fisch, Eier, Tabak und Alkohol während der Ausbildung ist selbstverständlich, wo doch in der ‚normalen Welt‘ das Gegenteil selbstverständlich scheint.

Photo by icon0.com on Pexels.com

Für Menschen mit hohem Autonomiebedürfnis hört sich dieses Programm vielleicht schockierend an und löst Gegenwehr aus. Auch ich war manchmal ziemlich genervt, weil überfordert.

Ich habe meine (automatisierten, neuronal nicht-mehr anstrengenden) Routinen vermisst. Routinen, die Sicherheiten geben und an die auch mein Körper sich gewöhnt hat (z.B. das Kaffee trinken).

Routinen, die ich als meine bezeichne, von denen ich aber annehmen darf, dass es sich auch um Generationsgedächtnisse der Generationsgedächtnisse meiner Eltern und Großeltern und dem sozio-kulturellen Einfluss der deutschen Gesellschaft handelt.

Routinen, von denen ich mich im Yoga-philosophischen, sowie verhaltensneurobiologischem Kontext auch fragen darf (oder darüber meditieren darf), ob es denn bei der ein oder anderen erlernten Routine nicht sinnvoller wäre, sie loszulassen, weil sie nicht gesund ist und mir nicht gut tut…

Ich war vorher noch nicht im Ashram und hatte sicher eine falsche, westliche Vorstellung von der Ausbildung. Und das, obwohl sowohl Vorbereitungswochenenden zur Ausbildung angeboten werden als auch im Internet viele Informationen, insbesondere das Programm detailliert beschrieben sind. Ich hatte einfach noch keine Neuronen für diese Vorstellung.

Photo by Mudassir Ali on Pexels.com

Es war eine sehr intensive und gesunde Erfahrung und beide Male wollte ich bei der Abreise schon am Bahnhof lieber wieder zurück in den Ashram. Gleichzeitig wollte ich aber auch wieder zurück in meinen Alltag. Das waren sehr widersprüchliche Gedanken, letztlich mit dem Vorsatz, so viele gesunde Routinen wie möglich in meinen Alltag zu integrieren.

Der Kontrast ist wirklich stark. Das merkt man erst, wenn Körper und Geist durch den Yoga und das Meditieren mal richtig runtergefahren, zentriert und gestärkt sind, die Lungen vom vielen Yoga, den vielen Atemübungen und der Landluft wieder frei sind, der Körper durch das Intervall-Fasten, den Yoga und das gesunde Essen entgiftet ist und das Herz durch das Singen, die schönen, alten Geschichten und die Gemeinschaft wieder weit offen ist…

Wie solch ein Intensiv-Programm nun online gehen kann, erfahrt ihr in der nächsten Woche…

Stay tuned.

Eure Kathrin

Literaturverlinkungen

1 http://www.wiki.yoga-vidya.de/Yoga_Geschichte

2 http://www.yogaeasy.de/artikel/Die-Geschichte-des-Yoga

3 http://www.wiki.yoga-vidya.de/Veden

4 http://www.vedanta-yoga.de/yogameisterinnen-heilige-frauen-rishikas/

5 http://www.yoga.de/yoga-als-beruf/yoga-in-zahlen/yoga-in-zahlen-2018/

6 http://www.zeit.de/kultur/2019-09/yoga-geschichte-historie-sport-achtsamkeit-spiritualitaet

7 http://www.bento.de/sport/yoga-ist-mehr-als-sport-und-nicht-so-harmlos-wie-wir-denken-a-68cf3b17-8cc5-4839-a392-547e69b3bd66

8 http://www.de.wikipedia.org/wiki/Aschram

9 http://www.wiki.yoga-vidya.de/Ashram

2 Kommentare zu “Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen

  1. Pingback: Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen Teil 2/3

  2. Pingback: Laptop, Internet und Yogalehr-Ausbildung gehen jetzt auch zusammen Teil 3/3

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