Medienschau

Das analoge Medium Videotext lebt auch im digitalen Zeitalter weiter

In den Zeiten der allgemeinen Digitalisierungseuphorie, die seit der Corona Krise noch einmal mächtig Fahrt aufgenommen hat, finde ich es sehr angenehm, dass der analoge Videotext sein 40jähriges Jubiläum feiert. Seit Jahren besteht mein tägliches Ritual darin, abends durch meine Lieblingsseiten des Videotexts zu blättern – dieser verlässliche analoge Dinosaurier des Medienzeitalters. Er wird zuverlässig stetig aktualisiert, man braucht nur drei Zahlen einzugeben und die Seiten erscheinen mittlerweile genauso schnell wie beim Surfen durch das Internet.

Die Unaufgeregtheit beim Lesen des Videotexts liegt darin, dass man wirklich nur Text vor sich hat und nicht durch andere Bilder, Links oder andere Informationen abgelenkt wird, wie es im Internet fast ständig der Fall ist. Im Unterschied zu Online-Angeboten sparen wir beim Videotext Zeit, weil wir uns nicht endlos durch irgendwelche Links klicken müssen und dadurch Gefahr laufen, uns in Online-Zeitungen oder auf Social-Media-Plattformen zu verlieren. Und wir sind danach meistens genauso gut über die wichtigsten Neuigkeiten des Tages informiert, als wenn wir eine Stunde lang durch das Internet mäandert sind. Außerdem kann man sich die Seiten des Videotexts parallel zum Fernsehen anschauen ohne ein zweites Gerät verwenden zu müssen und kann währenddessen recht problemlos der laufenden Fernsehsendung folgen.

Medien verschwinden, sobald ein neues Medium entwickelt wurde, das die Funktion eines alten Mediums aufgreift, verbessert und schließlich ersetzt. Der Videotext erfüllt immer noch eine ganz spezielle Funktion, die sich bewährt hat und existiert deshalb immer noch. Wenn es um die Veröffentlichung von News geht, ist der Videotext häufig immer noch ein bisschen schneller als das Internet. Und auch wenn er mittlerweile mit der digitalen Technik verknüpft ist (der Videotext lässt sich mittlerweile zum Beispiel auch online auf dem Smartphone oder Tablet abrufen), hat er sich bis heute in seiner Darstellung und Funktion so gut wie gar nicht verändert und bietet einen ordnenden Halt in der chaotisch vernetzten Welt.

Das ist wirklich sehr bemerkenswert, da das Internet prinzipiell eine so große Menge an Informationen aus aller Welt bietet, so dass wir uns fragen könnten, warum der Videotext mit seinen kurzen und zahlenmäßig limitierten Texten weiterhin von Millionen von Menschen in Deutschland regelmäßig aufgerufen wird. Es ist möglicherweise ihre Sehnsucht nach kurzen verständlichen und klar strukturierten Informationen, die uns schneller auf den neuesten Stand bringen als es das oftmals verwirrende Internet je könnte. Hierbei können wir eine gewisse Parallelität zu den weiterhin äußerst beliebten Kurznachrichten-Diensten feststellen. In unseren vollen Medienalltag bringen kurze Texte, die unsere Aufmerksamkeitsspanne nicht überfordern, eine Phase der ordnenden Ruhe hinein, durch wir uns kurz entspannen und auf das Wesentliche fokussieren können.

Derzeit ist im ARD-Videotext zu lesen, dass man an einem Preisausschreiben teilnehmen kann und dazu auch eine gute alte Postkarte versenden kann. Und mit ein bisschen Glück gewinnt man dann eine sehr gelungene analoge Broschüre zum Jubiläum des Teletexts. Ach, da werde ich doch ein bisschen nostalgisch und fühle mich in die 1980er Jahre meiner Kindheit zurückversetzt, in der die Moderator*innen noch eingesandte Postkarten von Zuschauer*innen vorlasen.

(Titelbild: unknown author / Commons.wikimedia.org)

1 Kommentar zu “Das analoge Medium Videotext lebt auch im digitalen Zeitalter weiter

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