Tagebuch

Betrachtungen aus dem Home Office III

Seit dieser Woche nun gilt Maskenpflicht in ganz Deutschland. Da könnte man natürlich ins Grübeln kommen und sich fragen, ob nicht schon immer Maskenpflicht bestand? Und zwar insofern, als dass sich der Mensch sowieso, wie es der Philosoph Helmuth Plessner in seiner Schrift „Grenzen der Gemeinschaft“ beschreibt, ständig in der Öffentlichkeit in einer Rolle befindet und einen Schutzpanzer trägt. Plessner sagt, „dass sich der Mensch durch eine Maske „verallgemeinert und objektiviert, hinter der er bis zu einem gewissen Grade unsichtbar wird, ohne jedoch völlig als Person zu verschwinden.“

Im Prinzip maskiert sich der Mensch in der Corona-Krise gerade doppelt, indem er noch zusätzlich eine Maske aufsetzt und seine Persönlichkeit damit noch weiter verschwindet. Ich habe selbst in den letzten Tagen die Erfahrung gemacht, dass es mich verunsichert, wenn ich mich für eine längere Zeit mit einer „maskierten“ Person unterhalte, zumal wenn es sich um eine mir unbekannte Person handelt. Ich werde unsicher, da die Person hinter der Maske unglaublich schwer einzuschätzen ist. Wir leben in einer sehr offenen Gesellschaft, in der zwar alle ihre eigene Rolle spielen und jede*r auf irgendeine Weise simulierend durchs Leben wandelt. Aber trotzdem versuchen wir grundsätzlich kommunikativ zugewandt unseren Mitmenschen gegenüberzutreten.

Die Doppelrolle und Maskierung des Menschen wird auch in den Videocalls offenbar, wenn wir versuchen, uns die Personen auf der anderen Seite des Bildschirms „verfügbar“ zu machen – so sehr wir uns auch mühen, wir schaffen es einfach nicht. Es bleibt immer ein Rest des Unverstandenseins zurück. Wir können uns quasi hinter dem Bildschirm verstecken, der uns Schutz vor dem „Angriff“ der anderen bildet, und können viel leichter als ohne Medienschutz die Kommunikation verweigern oder stoppen, denn es kann uns ja nichts unmittelbares passieren.

Der Soziologe Hartmut Rosa hat dieses Gefühl sehr schön mit den beiden Begriffen „Unverfügbarkeit“ und „Resonanz“ beschrieben. Uns fehlen Atmosphäre, Berührungen und die unverfälschte Stimme unseres Gegenübers. Und es fehlt eine metaphysische Aura, die schwer zu beschreiben und nur zu erspüren ist – es entsteht eine gewisse Spannung, wenn sich zwei Menschen „real“ unterhalten, sozusagen eine unsichtbare Verbindung und Verschaltung, die bei einem Zoom-Meeting einfach nicht entstehen kann. Der Haptik-Forscher Martin Grunwald sagt dazu: „Nahe sein heißt für ein Säugetier, den dreidimensionalen Körper auch dreidimensional wahrzunehmen. Dies lässt sich nur durch den Körperkontakt erfahren. Fällt der über einen längeren Zeitraum weg, ist das wie ein neuronaler Leerlauf. Um sicher zu sein, dass der andere da ist, und dass man selbst existiert, braucht man Körperinteraktion. Denn ein Bild auf dem Laptop kann ja auch eine Illusion sein. Ein Ton kann auch ein Traum sein.“

In meinem Buch Smiley, Herzchen, Hashtag, das ich vor der Corona-Pandemie verfasst habe, konstatiere ich: „Wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, erleben wir die glücklichsten Momente oder Momente, an die wir uns Zeit unseres Lebens zurückerinnern werden, immer in Gemeinschaft mit anderen Menschen. Oftmals erleben wir spontane Ereignisse oder spontane Unternehmungen mit unseren Freund*innen und Familien als die schönsten Erlebnisse, weil sie sich eben nicht berechnen lassen, sondern einfach zu uns kommen und wir damit eine Resonanz erleben.“

Und genau diese so wichtige Spontaneität und Unberechenbarkeit fehlt im Home Office, weil wir uns zu Telefonaten und Videokonferenzen in der Regel vorher verabreden und keine spontanen Plaudergespräche zwischen den Kolleg*innen mehr stattfinden, die für das soziale Miteinander, den Teamgedanken und auch für die psychische Entlastung so wichtig sind. Und während einer Videokonferenz kann man auch nicht mal schnell mit der*dem Kolleg*in schwatzen, sondern höchstens die private Chatfunktion nutzen, was aber auch nicht dasselbe ist. Denn die spontanen Impulse und unerwarteten Ereignisse sind es, wodurch das Leben und der (berufliche) Alltag erst interessant, abwechslungsreich und zu einem gewissen Grad auch sinnvoll wird.

(Titelbild: Clker-Free-Vector-Images auf Pixabay)

1 Kommentar zu “Betrachtungen aus dem Home Office III

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