Spiele

(un)freundliche Worte: Zum ‚Spiel‘ Kind Words

Im … nennen wir es ‚Computerspiel‘ … Kind Words sendet man anonym „requests“ (Anfragen) an andere Spieler*innen und bekommt ebenfalls anonym Antworten darauf. Das ist optisch alles ziemlich kindlich gestaltet: das Spiel zeigt ein rosafarbenes Zimmer, die Briefe werden von einem Rentier gebracht, im Hintergrund spielt entspannende Musik. Thematisch geht es in den Anfragen jedoch um ernsthafte Probleme, die die oft jungen Spieler*innen gerade plagen.

A game about writing nice letters to real people. Write and receive encouraging letters in a cozy room. Trade stickers and listen to chill music. We’re all in this together. Sometimes all you need are a few kind words.

Kurzbeschreibung von Kind Words aus im Steam-Shop

Kind Words funktioniert wie der Kummerkasten einer Zeitschrift, der Besuch der Beichte oder das Erstellen und Bearbeiten von Support-Tickets im Kundendienst: Ein längerer Austausch zwischen zwei Personen ist nicht möglich. Die einzige messbare Belohnung für die antwortenden Spieler*innen sind Sticker, die man durch das Bearbeiten der requests sammeln kann; ansonsten wird Kind Words nur wegen der titelgebenden „freundlichen Worte“ gespielt. Die Befriedigung beim Spielen entsteht entweder, weil man etwas loswerden kann, das einem auf der Seele liegt, oder weil man anderen Menschen durch die eigene Antwort hilft — wobei es für letzteres keine Garantie gibt, denn eine nochmalige Rückmeldung auf eine Antwort gibt es nicht.

Man sollte annehmen, dass dieses Konzept auch ‚Trollen‘ Tür und Tor öffnen würde, mit Antworten, die bewusst nicht freundlich, sondern im Gegenteil verletzend gemeint sind. Aber offenbar hält sich die Anzahl entsprechend gemeldeter Beiträge bisher in Grenzen. Doch dies führt zu einer Kritik, die zu Kind Words mitunter geäußert wird: dass das Leben nicht nur aus Freundlichkeit bestehe bzw. dass lediglich freundliche Antworten nicht immer das sind, was eine Person in einer Problemsituation wirklich braucht. Und dass dies insbesondere jüngere Spieler*innen unter Umständen ein falsches Bild vom Menschen vermitteln würde.

Und so ist Kind Words am ehesten als anonymes, auf Kurzzeitkontakte ausgelegtes virtuelles Gruppenkuscheln zu beschreiben. Eine Sequenz aus Anfrage — Antwort mit der Anforderung, nur freundliche Aussagen enthalten zu dürfen, ist am Ende nicht mehr als der kurze, Smiley-geschönte, aber letztlich inhaltsleere und damit folgenlose Kontakt, den meine Kollegin, die Kommunikationswissenschaftlerin Uta Buttkewitz, in ihrem aktuellen Buch als fragwürdiges Merkmal unseres „Zeitalter[s] des Verschwindens“ (S. 71) beschreibt. Das kann für diejenigen, die auf ernstgemeinte verzweifelte Anfragen aufmunternde Antworten erhalten, zwar eine für den Moment positive Erfahrung sein — aber wie dann weiter? Eine Rückfrage, wie etwa eine Antwort gemeint war oder ob man etwas näher erklären kann, ist nicht möglich.

Gerade dies kann auch für die Antwortenden auf Dauer anstrengend sein. Man arbeitet sich an den echten Problemen anderer Menschen ab, ohne einen Fortschritt zu sehen (das Spiel belohnt einen, wie erwähnt, lediglich mit virtuellen Stickern, die man sammeln kann). Auch darum hat Kind Words mit echten Spielen wenig zu tun. Eher ist es eine verklausulierte Form der Gamification — dem Einzug bestimmter spielerischer Elemente ins Arbeitsleben.

Die Medienwissenschaftlerin Marlen Hobrack beurteilt Kind Words in einer Rezension in der Wochenzeitung „der Freitag“ daher eher skeptisch: „Ehrlich gesagt, kann ich mir nicht vorstellen, nach Feierabend an meinem PC zu sitzen und andere Menschen psychologisch zu beraten […] So viel Verantwortung erzeugt einen Modus der Ernsthaftigkeit […] man muss schon einen größeren Helferkomplex haben, um dieses ‚Spiel‘ mit Gewinn zu spielen“ (der Freitag, 23.04.2020, S. 14).

(Titelbild: Steam-Shop)

1 Kommentar zu “(un)freundliche Worte: Zum ‚Spiel‘ Kind Words

  1. Pingback: Danke, dass Sie mit uns gesprochen haben: Eliza (2019) – Über/Strom

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: