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Bowie, Bolly and the Guv — zum 10jährigen Serienende von Life on Mars und Ashes to Ashes

Vor zehn Jahren, am 21. Mai 2010, endete mit der Ausstrahlung der letzten Folge von Ashes to Ashes ein britisches Serienuniversum, das am 9. Januar 2006 als Life on Mars seinen Anfang genommen hatte — ein ganz eigenartiger Mix aus Krimi, Spaß, Kulturkritik und Melancholie. In beiden Serien werden zwei moderne britische Polizist*innen in die 1970er bzw. 1980er versetzt, wo sie schnell feststellen müssen, dass ihre modernen Formen der Polizeiarbeit dort nicht nur vollkommen unbekannt sind, sondern als lächerlich bis verrückt erscheinen. Eine Erinnerung, ein ‚Nachruf‘.

Take a look at the lawman / Beating up the wrong guy

David Bowie, Life on Mars
Sam Tyler (John Simm) in Life on Mars (Bild: Wikipedia)

In Life on Mars erwacht Detective Chief Inspector (DCI) Sam Tyler (John Simm) im Jahr 1973, nachdem er von einem Auto angefahren wurde. „Am I mad, in a coma or back in time?“ fragt er von nun an im Vorspann jeder Folge, während er sich daran gewöhnt, nur noch Detective Inspector (DI) in einem homophoben, frauenfeindlichen, rassistischen und auch auf alle sonst denkbaren Weisen von toxischer Männlichkeit geprägten Team zu arbeiten.

Wobei Team nicht der richtige Ausdruck ist — es ist eher das kleine Königreich von Tylers neuem Chef, DCI Gene Hunt (Philip Glenister). Hunt, oder kurz: der Guv, versteht unter richtiger Polizeiarbeit etwas komplett anderes als Tyler. Verdächtige und manchmal auch Zeugen werden höchst unsanft befragt, Beweise auch schon mal platziert, und weibliche Polizistinnen nicht für voll genommen. Man rauft sich jedoch zusammen, lernt voneinander, respektiert sich, geht in den Pub und am Ende will Sam gar nicht mehr zurück ins, im Vergleich, klinisch-sterile 2006.

I’m happy, hope you’re happy, too

David Bowie, Ashes to Ashes
Alex Drake (Keeley Hawes) in Ashes to Ashes (Bild: Life on Mars Wiki)

In Ashes to Ashes erwacht DCI Alex Drake (Keeley Hawes) im Jahr 1981, nachdem sie angeschossen wurde. Drake, die sich als Polizeipsychologin vorher mit dem Fall Sam Tyler befasst hatte, ist mehr als überrascht, als sie — plötzlich wie eine Klischee-Prostituierte gekleidet — von denselben selbsternannten „Three Armed Bastards“ gerettet wird, über die sie vorher so viel von Sam erfahren hatte.

„Oh my god, it’s Gene Hunt“, spricht’s und fällt sogleich in Ohnmacht. Doch anders als Sam, der von der Situation völlig überrascht war, ist Alex überzeugt, dass es sich bei allem um mentale Konstrukte handelt und kann so eine distanziertere ironische Haltung einnehmen. Noch deutlicher als Sam weist Alex so auch immer wieder darauf hin, wie hanebüchen das Menschenbild ihrer neuen ‚alten‘ Kollegen ist. Insbesondere auf die junge Kollegin Shaz Granger (Montserrat Lombard) macht das einen inspirierenden Eindruck (während die troglodytes, wie Shaz sie einmal süffisant bezeichnet, es kaum fassen können, wie Alex mit ihnen umgeht).

Fire up the Quattro!

DCI Gene Hunt
Gene Hunts Audi Quattro (Bild: Wikipedia)

Soweit also die Ausgangslagen, die auf der Oberfläche nicht mehr sind als unterhaltsame, mit extrem vielen popkulturellen und politischen Referenzen versehene, Krimiserien. Musik, alte TV-Shows, Ladi Di, der Falkland-Krieg, Maggie Thatcher, alles kommt vor. Ein nostalgischer Rückblick, dem Philip Glenister 2008 in seinem Buch „Things Ain’t What They Used to Be“ noch ein paar Sätze hinzugefügt hat (vor allem als von Glenister vorgetragenes Hörbuch ganz unterhaltsam).

Hat man sich an die nostalgischen Bezüge gewöhnt, sieht man die Serien erstmal als sozialkritische Kommentare. Man ist schnell fassungslos ob der Machokultur, die scheinbar in den 1970ern bis 1980ern noch herrschte. Man kann es kaum fassen, wie respektlos die weiblichen Polizistinnen (und überhaupt alle anderen Frauen, sowie jegliche Minderheiten) behandelt wurden. Und doch wächst einem selbst eine Figur wie der wirklich eklige Ray Carling (Dean Andrews) ans Herz, vor allem, wenn er sich in Ashes to Ashes endlich weiterentwickeln darf, eine gewisse fachliche Kompetenz durchscheint und deutlicher wird, dass seine ganze — ich wiederhole mich — wirklich eklige Art ein dicker Schutzpanzer ist.

Gene Hunt (Philip Glenister) in Ashes to Ashes (Bild: Life on Mars Wiki)

Gene Hunt (der „Guv“) wirkt mit Mantel, Krokodil-Lederstiefeln und seinen Autos (Ford Cortina Mk3 in Life on Mars bzw. Audi Quattro in Ashes to Ashes) wie eine Antisuperhelden-Comicfigur. Man kann Hunts ‚altmodische‘ Methoden der Polizeiarbeit nicht gutheißen und doch nachempfinden, warum seine Untergebenen ihn wie einen Vater verehren und ihm überall hin folgen würden.

Denn letztlich kümmert sich „Gene Genie“ (wie er sich nennt) um die Leute, die er beschützen soll, egal ob es sich dabei um die Einwohner*innen von Manchester (Life on Mars) und London (Ashes to Ashes) handelt, oder um seine Mitarbeiter*innen. Und er lernt von Sam und Alex (die Hunt meist nur Bolly oder Bols nennt) auch, dass seine Methoden der Polizeiarbeit nicht mehr zeitgemäß sind.

Doch ist Genes kleines Königreich mehr als einmal gefährdet. Sowohl Sam als auch Alex sind unfreiwillig in Hunts Welt gelandet und sie wollen alles tun, um wieder zurück in ihr vertrautes Leben zu gelangen. Dies schließt ein, sich mit anderen Gestalten gegen Gene Hunt zu verbünden und sein Team zu zerstören. Bei Sam Tyler ist es DCI Frank Morgan, der ihn am Ende von Life on Mars aufsucht; bei Alex Drake ist es DCI Jim Keats (Daniel Mays) von Scotland Yards Abteilung für Discipline and Complaints, der in der ganzen dritten Staffel von Ashes to Ashes interne Ermittlungen gegen Hunt führt. Alex, die mit Hunt eine Art Hassliebe verbindet, ist hin und her gerissen — soll sie Keats helfen, dem Handeln Hunts, das sie selbst immer wieder kritisiert hat, ein Ende zu setzen? Oder bleibt sie auf Hunts Seite, der immer wieder durchscheinen lässt, dass er Alex als echte Partnerin begreift?

Im Verlauf dieser Handlung entdecken einzelne Charaktere, wie der erwähnte Ray Carling und sein Kollege Chris Skelton (Marshall Lancaster), ihre eigene Geschichte, die sie schon zu Zeiten von Life on Mars vergessen hatten; genauso geht es ihrer Kollegin Shaz. Nach und nach wird aufgedeckt, worin das Geheimnis, der Zweck, des Hunt’schen Universums besteht, und spätestens ab der zweiten Hälfte der dritten Staffel sind die Kriminalfälle nur noch Nebensache — viel wichtiger wird, was man über die Charaktere erfährt. Das ist wirklich sehr spannend, auch wenn es sicher nicht jede*m gefallen wird.

Immer deutlicher wird, dass Genes Welt nicht mehr lange in der althergebrachten Weise weiterbestehen kann. Diese letzte Staffel beider Serien insgesamt ist eine bittersüße Angelegenheit, die man am besten nicht am Stück ‚bingewatcht‘, sondern ganz langsam anschaut, maximal eine Folge am Tag, um die besondere Atmosphäre aufzunehmen und die Schwere und die Trauer auszukosten, die am Ende jede Oberfläche einreißt.

You and me, Bolly, you and me.

DCI Gene Hunt

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