Betrachtungen aus dem Home Office II

Ich befinde mich weiter im Home Office und muss leider inzwischen immer öfter an Videokonferenzen teilnehmen, was bei mir nicht gerade – wie auch bei vielen anderen – auf Begeisterung stößt. Videokonferenzen funktionieren nicht wie ein reales Face-to-Face-Gespräch, sondern es tauchen bei dieser Art der Kommunikation vermehrt zwischenmenschliche Probleme und Schwierigkeiten auf. In Videokonferenzen mit vielen Personen ist es kaum möglich, eine gleichberechtigte Diskussion zu führen, sondern es „gewinnen“ die Teilnehmer*innen mit den besten technischen Voraussetzungen oder die lautesten – frei nach dem Darwin`schen Prinzip: „Survival of the fittest“. Jede*r darf seine Meinung der Reihe nach aufsagen und dann werden häufig schnelle Entscheidungen getroffen oder die Meinungen bleiben im Raum stehen, da man sie sowieso nicht in Ruhe ausdiskutieren kann. Eine konstruktive Besprechung der einzelnen Meinungen untereinander und das sanfte Ausbalancieren der verschiedenen Positionen und die Berücksichtigung der persönlichen Stimmungen und Befindlichkeiten finden kaum statt. Das heißt, der persönliche Kontext bleibt weitgehend im Hintergrund – übrig bleiben unpersönliche, pure Fakten. Es fühlt sich so ein bisschen an, wie E.M. Forster in seinem Buch „Die Maschine steht still“ über die Maschine schreibt: „Wir haben sie erschaffen, uns zu dienen, aber sie dient uns nicht mehr. Sie nimmt das Gefühl für den Raum und den Sinn für Berührungen, sie betäubt alle zwischenmenschlichen Beziehungen…“.

In meinem Buch „Smiley. Herzchen. Hashtag“ erläutere ich ausführlich, inwiefern es in der digitalen Kommunikation häufig nur beim Kontakt bleibt, das heißt, wir nehmen nur die formale Botschaft wahr und auf diese reagieren wir dann. Die zwischenmenschlichen Aushandlungsprozesse fallen weg; Gestik, Mimik, Blickkontakt – diese Faktoren können kaum aufgenommen und erspürt werden. Die Personen sagen nicht nur aufgrund technischer Schwierigkeiten weniger in Videokonferenzen; sondern auch deshalb, weil sie es nicht für zielführend für die „Diskussion“ halten bzw. Missverständnisse vermeiden wollen, weil sie die Stimmung des Gegenübers kaum einschätzen können oder sich der eigene Kommentar in der Zwischenzeit schon wieder erledigt hat, da sie nicht rechtzeitig an die Reihe gekommen sind.

Aus diesem Grund ist es geradezu paradox, dass in den Medien momentan ständig von „Kontaktverbot“ die Rede ist. Nicht die Kommunikation mit anderen Personen soll unterbunden werden, sondern der Kontakt zu ihnen, aber im rein physischen Sinn (gemeint ist hier die körperliche Berührung), obwohl wir im digitalen Alltag häufig von Kontakten sprechen und damit eigentlich Personen meinen, mit denen wir kommunizieren.

Ich beobachte gerade in Gesprächen mit Leuten aus meinem privaten- oder Arbeitsumfeld, wie sehr ihnen allmählich das persönliche Miteinander und die Nähe zu den Menschen fehlt, die keine Kurznachricht, kein Videochat und keine E-Mail ersetze kann. Die größte persönliche Nähe scheint nach wie vor das herkömmliche Telefonieren herzustellen, bei dem wir eine hohe Konzentration auf unsere Gesprächspartner*innen anwenden müssen, da die Visualisierung fehlt und der Fokus nur auf die Sprache und die Stimme gelenkt wird. In meinem Buchkapitel „Warum verschwindet das Telefon nicht?“ führe ich diesen Gedanken anhand der medientheoretischen Überlegungen von Marshall McLuhan detaillierter aus.

(Titelbild des Blogeintrags: Gerd Altmann / Pixabay.com)

Autor: Dr. Uta Buttkewitz

Kulturwissenschaftlerin und Germanistin Wissenschaftsmanagerin an der Universität Rostock, freie Autorin Schwerpunkte: Medienwissenschaft / Kommunikationstheorie / Gesellschaftsdiagnose

2 thoughts

  1. Liebe Uta,

    danke für deinen Artikel!

    Ich finde deine Schilderungen zu den Videokonferenzen sehr spannend, auch weil wir in einer anderen Runde (Link 1) neulich die Videokonferenz als Chance wahrgenommen und diskutiert haben.

    Als Chance, nun andere Menschen zu Wort kommen zu lassen, da Platzhirschverhalten, Drohgebärden, Rumgehampel und Gezappel in Videokonferenzen nicht oder weniger wirksam, oder gar lächerlich sind.

    Auch fanden wir die Tatsache, dass jede*r mit seiner Online-Präsenz gleich viel Raum auf dem Bildschirm des anderen einnimmt, unabhängig vom ‚Rang‘, förderlich.

    Ich glaube, dass es für die Videokonferenz andere, noch ungeschriebene Regelwerke gibt und hier neue Verhaltensweisen ‚ausprobiert‘ werden (müssen). So könnte ein von Vorgesetzten oder Lehrenden empfundener Macht-und Statusverlust oder Unsicherheit im Umgang mit den sozialen Medien durch Schnelligkeit, wenig Diskussionsraum, Unpersönlichkeit kompensiert (Link 2) werden.

    Wenn man möchte, stellt sich hier die Frage nach den Kompetenzen eines guten ‚Digital Leaders‘ (Link 1) und Moderators, der es schafft in den Videokonferenzen Persönlichkeit aufzufangen und Nähe und Verbundenheit zu schaffen…

    Ich mache meine Yogakurse (Link 3) momentan auch über Videokonferenz-Tools. Es ist mir dabei sehr wichtig weiterhin Persönlichkeit, Nähe und Gemeinschaft zu transportieren. Es ist nicht ganz einfach, es bedarf auch YoginIs, die die aktuelle Situation als temporär verstehen und sich liebevoll wertschätzend und mit ein bisschen Humor einlassen. Dann ist das Feedback aber auch positiv und meine Teilnehmenden sind beseelt, erholt (Link 4), berührt und verbunden!

    Ich finde das sehr spannend!

    Danke!

    Linksammlung:

    1) https://www.linkedin.com/pulse/wie-führungskräfte-der-krise-karrieren-fördern-können-döhling-wölm/?published=t&fbclid=IwAR1xreqrEzHgITOxPwcnmiMumj6lm1EBvP5La6mqeF9Bhhk5w_4SAAOUxRI

    2) https://ueberstrom.net/2020/03/25/die-individuelle-krise-in-der-corona-krise-die-angst-und-die-bedurfnisse-dahinter-2/

    3) https://www.facebook.com/kathrin.marter

    4) https://ueberstrom.net/2020/04/05/atmend-durch-die-corona-krise/

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  2. Liebe Kathrin,

    ich danke Dir für Deinen interessanten Kommentar. Ich freue mich immer über andere Sichtweisen und Perspektiven und kann auch Deine Überlegungen sehr gut nachvollziehen.
    Meine Yogalehrerin stellt übrigens aktuell die Yogastunden auch online zur Verfügung, worüber ich sehr froh bin 🙂

    Gefällt 1 Person

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