Interview Spiele

Nicht nur Eskapismus: Spielen bei Corona. Interview mit Jessica Kathmann

Jessica Kathmann ist Psychologin und arbeitet in ihrer Praxis psychotherapeutisch. Außerdem schreibt sie aus psychoanalytischer Perspektive Artikel über Computerspiele. In diesem E-Mail-Interview sprechen wir über Spielen in Zeiten der Corona-Gefahr, ihre an C. G. Jung ausgerichtete Arbeit und über Möglichkeiten, durch Spielen zu uns selbst zu kommen.

Kannst du zu Beginn bitte kurz beschreiben, was deine Arbeit im Normalfall ausmacht / was du tust?

Jessica Kathmann (Foto: privat)

Ich bin selbstständig und habe dadurch erfreulicherweise ein recht buntes Aufgabenfeld: Ich habe Aufträge in berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen, bin als Referentin unterwegs und arbeite auch in eigener Praxis.

In der Berufsvorbereitung betreue ich junge Erwachsene psychologisch, denen es aufgrund verschiedenster Schwierigkeiten (oft psychische Problemlagen) nicht gelingt, eine Ausbildung zu finden. Da ich eine Heilerlaubnis habe, arbeite ich in eigener Praxis klassisch psychotherapeutisch mit Erwachsenen jeden Alters.

Als Referentin spreche ich zu ganz unterschiedlichen Themen, meistens aber zu Computerspielen. Diesbezüglich bin ich auch gemeinsam mit einem Erziehungswissenschaftler an Schulen unterwegs und biete Vorträge für Eltern und Lehrer an. Und daneben schreibe ich, wie du schon erwähntest, Artikel, in denen ich Computerspiele aus der Perspektive der analytischen Psychologie nach C. G. Jung analysiere. 

Ein analytischer Zugang zu Spielen

Was ist das Besondere an C. G. Jungs Ansatz und wie kann man sich damit Computerspielen nähern?

Jungs Ansatz reizt mich so sehr, weil er sich unter anderem intensiv mit Symbolik und Traumdeutung beschäftigt hat. Er entdeckte, dass sich bestimmte Symbole oder Inhalte (wie beispielsweise die Struktur von Heldengeschichten) weltweit in den verschiedensten Kulturen finden. Daraus schloss er, dass es neben dem persönlichen Unbewussten auch ein kollektives Unbewusstes geben muss, in dem solche Motive verankert sind.

C. G. Jung (Bild: Wikipedia)

Begegnen uns beispielsweise in Träumen – oder eben auch in Computerspielen – solche „Archetypen“, wie er sie genannt hat, bringen sie also quasi eine Tiefenebene in uns zum Schwingen. Das kann sich in einer besonderen Faszination, in einem besonderen Reiz oder einer anderen Form von Reaktion zeigen, die wir meist nicht so ganz in Worte fassen können, weil es sich eben um unbewusste Prozesse handelt. Dabei reagieren wir besonders auf Motive, die etwas mit unserem persönlichen Unbewussten zu tun haben. Das kann sein, dass eine innere Spaltung überwunden werden muss und wir ein Spiel finden, das dieses Thema verhandelt. Oder wir gerne als Held durch die Welt ziehen – ein Motiv, das viel mit Persönlichkeitsentwicklung und Reifungsprozessen zu tun hat.

Für mich persönlich ist Jungs Geniestreich die sogenannte subjektstufige Deutung, die er in Bezug auf Träume entwickelt hat. Dabei geht man davon aus, dass die Elemente, die einem im Traum begegnen – seien es Personen, Objekte oder Landschaften – Anteile oder Themen unseres Inneren abbilden, oft eben eingekleidet in Symbole. Diese Deutungsform nutze ich auch gerne zur Analyse von Computerspielen.

Das findet sich dann in deinen Artikeln. Aber kannst du dazu trotzdem auch hier ein konkretes Beispiel geben?

Erst kürzlich ist ein Artikel von mir bei Spielkritik erschienen, in dem ich mich mit Ori and the Blind Forest beschäftige. Dort habe ich den Wald Nibel als Spiegel der Innenwelt Kuros, also der Antagonistin von Ori, gedeutet. So verstehe ich beispielsweise die vereisten Elendsruinen als Bild für erstarrte Gefühle Kuros und sehe in der nach und nach vollzogenen Wiederherstellung des Waldes eine Parallele zur Wiedererlangung ihrer „Menschlichkeit“.

In einem anderen Artikel, kürzlich erschienen bei Videospielgeschichten, deute ich den Weg durch das Indie-Spiel Candle als Prozess einer Person, die in eine seelische Krise gelangt ist und die eigene innere Landschaft erkunden muss. Dabei gehe ich insbesondere auf die Lichtsymbolik ein: ein Licht (der Erkenntnis?) muss in der Landschaft verteilt werden.

Bei diesen Überlegungen handelt es sich allerdings immer nur um eine mögliche Deutung — Symbole und Archetypen haben die Eigenschaft, niemals eindeutig zu sein. Aber, wenn es gut läuft, kann eine solche Deutung etwas im Spielenden ins Schwingen bringen und ihn/sie auf eine für ihn gewinnbringende Fährte führen.

Spiel und Therapie in Zeiten von Corona

Wie verändert sich deine Arbeit unter den Bedingungen der aktuellen Corona-Krise? Kann man da die Anliegen deiner Patient*innen ‚digital auffangen‘, oder ist Psychotherapie auf direkten Kontakt angewiesen?

Meine Arbeit hat sich in der Tat stark verändert. Konsultationen finden nunmehr nur noch digital statt, was aber weniger genutzt wird, als wenn ich vor Ort bin. Dafür habe ich beispielsweise für die Berufsvorbereitung einen „Psycho-Newsletter“ ins Leben gerufen, der allen Teilnehmer*innen zugestellt wird. In diesem stelle ich etwa alle zwei Tage Tipps und Tricks zur psychischen Gesundheit während eines Lockdowns oder Hilfen zur Strukturierung des Lernens zusammen. Meine Referententätigkeiten sind natürlich alle abgesagt.

Ob und inwieweit Therapie digital (z.B. auch über Videosprechstunden) funktioniert, ist von vielen Faktoren abhängig, z.B. von der Klientel, der Schwierigkeit, wegen der Hilfe gesucht wird und von individuellen Faktoren. Von Kollegen weiß ich, dass die digitale Arbeit mit Kindern schwierig bis unmöglich ist. Bei kleineren Kindern fällt beispielsweise das gemeinsame Spielen weg; wenn ältere Kinder über Konflikte mit den Eltern sprechen möchten und letztere jederzeit das Kinderzimmer betreten können, ist kein Schutzraum gewährleistet. Ähnliches gilt für Paarbeziehungen. Es ist gut, für solche Themen einen neutralen (Therapie-)Raum zur Verfügung zu haben.

Auch das „Drumherum“ (der Weg zum Termin, die Gestaltung des Therapieraums, die physische Anwesenheit des Therapeuten, …) ist mit einem digitalen Setting nicht vergleichbar. Umgekehrt bieten sich aber auch andere spannende Möglichkeiten – z.B. mal Einblick in die Wohnsituation im Rahmen einer virtuellen Wohnungsführung zu bekommen. 🙂

Man kann durchaus digital Therapie machen (sofern der Datenschutz gewährleistet ist!) und der kontinuierliche Kontakt ist insbesondere für psychisch instabile Menschen nun besonders wichtig, aber er ersetzt das Face-to-Face-Gespräch meines Erachtens nicht. Die Distanz ist einfach größer – nicht nur im physischen Sinne. 

Ich kann mir vorstellen, dass es zurzeit viele Personen gibt, deren … innere Verfassung gerade ziemlich auf die Probe gestellt wird: Da ist die konkrete Angst um die eigene Gesundheit und die von Familie und Freunden; die Sorge um wirtschaftliche Ungewissheit; vielleicht auch Befürchtungen um gesellschaftliche Langzeitfolgen in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht. Kannst du Tipps geben, wie man mit diesen Ungewissheiten umgehen kann, um nicht daran zu verzweifeln?

Für uns Menschen ist Ungewissheit unglaublich schwer auszuhalten. Das führt dazu, dass wir in Gedanken allerlei Szenarien durchspielen und aus der (noch ungewissen) Situation schnell eine Katastrophenphantasie basteln, in denen wir uns den Tod uns nahestehender Menschen, unseren wirtschaftlichen Ruin, den Zusammenbruch der Gesellschaft oder Ähnliches vorstellen. Das macht Panik und führt uns in Gedankenspiralen.

Meistens helfen uns Informationen dabei, Unsicherheit zu reduzieren, allerdings ist es hier eher umgekehrt: Wir haben gerade ein Überangebot an Informationen, die uns allerdings keine Beruhigung bieten, weil eben so vieles noch ungewiss ist. Es kann daher helfen, nur zu festgelegten Zeiten (z.B. einmal morgens und einmal nachmittags, bitte nicht direkt vor dem Schlafengehen) Corona-Infos zu konsumieren und auch Push-Benachrichtigungen entsprechender Apps ausschalten. Mit jeder neuen Corona-Nachricht versetzen wir unser Gehirn nur in noch mehr Alarmbereitschaft, die aber in der aktuellen Situation zu nichts führt.

Wichtig ist es auch, sich mit anderen Menschen auszutauschen und zu hören, dass wir alle mit ähnlichen Fragen und Sorgen beschäftigt sind. Aber bitte auch hier Maß halten und daraus kein tagesfüllendes Programm machen.

Ganz grundsätzlich hilft gegen das Gefühl von Ungewissheit, an anderen Stellen Gewissheit zu schaffen. Beispielsweise durch eine Tagesstruktur, bei der an jedem Tag zur selben Zeit verlässlich Dinge gemacht werden, z.B. Aufstehen, Essen, Sport, … Es sollten viele Aktivitäten eingeplant werden, bei denen man nicht mit dem Corona-Thema in Berührung kommt.

In Filmen, in Fernsehserien und in Computerspielen werden oft katastrophale Zustände geschildert: Ein Virus geht um die Welt und rafft in kurzer Zeit Tausende dahin. Irgendwelche absolut bösen Fantasymonster bedrohen uns. Außer Kontrolle geratene Künstliche Intelligenz (KI) versucht, biologische Lebensformen zu unterdrücken oder auszulöschen. In solchen Geschichten gibt es in der Regel ein Happy End: Trotz hoher Verluste wird wie durch ein Wunder ein Heilmittel für die Krankheit gefunden, das Gute siegt und die KI wird zurückgeschlagen (oder man einigt sich mit ihr auf Koexistenz).

Macht es Sinn, zurzeit solche Geschichten zu sehen und zu spielen, etwa um sich abzulenken und womöglich sogar unbewusst diese Geschichten als Symbol für unsere konkreten Sorgen zu verstehen und dadurch die Sorgen ein Stück weit zu verarbeiten? Oder ist das eher ein eskapistisches Davonlaufen vor den Sorgen und man sollte sich lieber einen konkreten Plan machen, wie man im Angesicht der Krise handeln möchte?

Ich denke, man darf Computerspiele in Bezug auf Corona auf jede Weise nutzen, die einem gut tut. Sich nur noch mit Corona beschäftigen ist psychotherapeutisch ohnehin keine gute Idee, also darf man auch im Sinne des so oft verteufelten Eskapismus gerne einfach mal ganz gepflegt Realitätsflucht betreiben.

Allerdings sind wir innerlich natürlich trotzdem sehr viel mit der Thematik beschäftigt – schon allein deswegen, weil sich unser Alltag in den letzten Tagen doch stark verändert hat. Das bringt es mit sich, dass man (vielleicht auch unbewusst) im Kampf gegen die „Horden des Bösen“ vielleicht doch auch ein bisschen den eigenen Kampf gegen das Virus (oder die Angst davor) verhandelt. Oder beim einsamen Streifen durch die Landschaft mit der Einsamkeit aufgrund einer Quarantäne konfrontiert ist. Oder aber besonders belebte virtuelle Plätze aufsucht und damit dann auch wieder beim Thema ist. Ich denke, man kann das Eine vom Anderen gar nicht ganz trennen.

Eine Auseinandersetzung in der Realität ist natürlich ebenfalls wichtig und richtig. Allerdings sollte das, wie vorhin schon ausgeführt, sowohl zeitlich als auch thematisch begrenzt stattfinden. Sich mit Katastrophenphantasien über die Zukunft auseinanderzusetzen ist nicht zielführend. Konkrete praktische Überlegungen, was beispielsweise die Tagesplanung oder die finanzielle Sicherung (sofern das derzeit möglich ist, noch ist ja auch politisch vieles unklar) sollten natürlich im Blick behalten werden.

Ja, für viele Menschen ist die derzeitige Lage finanziell oder auf anderer Ebene existenzbedrohend. Wer in solch einer Situation ist, soll und darf sich natürlich auch ablenken, soweit es irgend möglich ist. Und es bleibt trotzdem eine schreckliche Situation, keine Frage. Davor können wir weder als Außenstehende noch als Betroffene die Augen verschließen. Diese Hilflosigkeit und Ungewissheit aushalten zu müssen ist sicher eine der größten Herausforderungen dieser Tage.

Spiele als Ventil — Spielen zur Entspannung

In The TALOS Principle löst man Rätsel in surrealen ‚Parkanlagen‘, die sich beim antiken Ägypten und Griechenland sowie dem Mittelalter bedienen und abseits des Rätsellösens auch gut zum entspannten Spazierengehen taugen.

Können Computerspiele dem Abbau konkreten Stresses dienen, wenn man zum Beispiel nicht zu körperlicher Aktivität in der Lage ist? Als Beispiel: Statt seinen Ärger auf die zu dicht hinter einem stehende Person an der Supermarktkasse an dieser Person auszulassen, oder das beim Joggen o.ä. abzubauen, spielt man ein Spiel, dass das „virtuell“, quasi symbolisch erlaubt?

Ich habe schon immer die Meinung vertreten, dass Computerspiele durchaus ein Ventil sein können. Ich lerne durch meine Arbeit allerdings oft insbesondere junge Menschen kennen, die für innere Spannungszustände jedweder Art überhaupt keine (anderen) Ausdrucksmöglichkeiten finden. Manche berichten dann, dass sie sich in Spielen abreagieren. Auch dort wird Adrenalin ausgeschüttet und laufen physiologische Prozesse ab, die denen einer körperlichen Aktivität zumindest teilweise ähnlich sind.

Allerdings ist es grundsätzlich wichtig, verschiedene Ausdrucksformen, insbesondere für Emotionen wie Wut, zur Verfügung zu haben. Das kann Sport sein – selbst wenn es in der Wohnung ist und man nur Sprudelflaschen stemmt oder sich an Liegestützen probiert. Man kann auch auf seine Matratze einprügeln oder einen künstlerischen Ausdruck suchen, indem man beispielsweise mit einer knalligen Farbe auf großen Papierbögen rumschmiert – quasi ganz expressiv. Am wichtigsten scheint es mir, wirklich auszuprobieren (nicht nur darüber nachzudenken), was einem selber in welcher Situation am besten tut. Das ist tatsächlich eine sehr individuelle Sache.

Da geht es sicher meist um „Action“. Können virtuelle Welten auch eine Alternative zum Spazierengehen sein, wenn man vielleicht völlig unter Quarantäne steht und das Haus wirklich gar nicht verlassen darf? Zum Beispiel denke ich an die etwas surrealen Rätsel-Parkanlagen in The TALOS Principle, in denen ich auch ohne Rätsel zu lösen gerne bin – da passiert dann nichts, außer dass man da ist. Oder (was ich erst vor kurzem für mich entdeckt habe) die Griechenland-Umsetzung in Assassins Creed Odyssey.

Selbstverständlich können auch virtuelle Spaziergänge einen Entspannungseffekt haben. Zwar fehlt die frische Luft und die Bewegung, aber der visuelle Input durch malerische Landschaften, feurige Sonnenuntergänge, beiläufig umherstreifendes Wild und Ähnliches tut uns natürlich trotzdem gut. Insbesondere eine vertraute Umgebung, vielleicht ein Spiel, das man schon lange spielt, kann diesen Effekt haben. Ganz abgesehen natürlich von der wunderbaren musikalischen Untermalung, die häufig dabei ist.

Dass uns Computerspiele gut tun, hat sicher auch damit zu tun, dass wir in ihnen Selbstwirksamkeitserfahrungen machen können. Insbesondere auch jetzt, da wir uns dem Corona-Virus gegenüber doch ziemlich machtlos erleben.

Ach, schön, dass du von Selbstwirksamkeit sprichst. Die meisten Spiele verlangen ja auch immer das Lösen von Problemen, aber oft in einer geordneteren Weise als es in der ‚Wirklichkeit‘ der Fall ist. Spielziel und mögliche Schritte dahin sind oft klar strukturiert oder strukturierbar. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Erfahrung, in der Spielumgebung erfolgreich Probleme zu lösen, sich langfristig auch auf das Selbstbewusstsein auswirkt, mit dem man echten Problemen gegenübertritt. Kritiker*innen könnten hingegen befürchten, dass man Spiele irgendwann der Wirklichkeit vorzieht, weil man sich nur  in Spielen als selbstwirksam erlebt (und womöglich, dass dies so sei, weil man zu viel spielt).

Eine gute Frage! Tatsächlich erlebe ich es immer wieder, dass sich Menschen genau deswegen in virtuelle Realitäten zurückziehen. Man bekommt auf sichtbare Handlungen (z.B. einen Kampf mit einem Drachen) meist ein unmittelbares Feedback (z.B. Sieg über den Drachen). In der Offline-Realität ist das häufig anders: Ich muss beispielsweise auf eine Prüfung lernen, sehe tagelang nur Papierstapel, die ich von A nach B bewege, dann schreibe ich die Prüfung und muss lange auf das Ergebnis warten. Der (sich hoffentlich einstellende) Erfolg lässt also viel länger auf sich warten und der Fortschritt ist nicht so gut quantifizierbar, wie das beispielsweise bei einem Fortschrittsbalken oder einem Levelaufstieg der Fall ist.

Aber natürlich ist es dennoch wichtig, die Selbstwirksamkeitserfahrungen nicht ausschließlich in virtuellen Umgebungen zu machen. Vielleicht können diese positiven Erfahrungen allerdings dazu beitragen, den Mut zu fassen, auch in der Offline-Realität auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Manche Selbstwirksamkeitserfahrungen kann man ja auch gut bewusst aufsuchen: etwas basteln, bauen oder kochen, regelmäßig Sport treiben und Verbesserungen feststellen, endlich mal wieder Aufräumen usw. Das kann ja wirklich ganz klein anfangen. Und dann eben die Disziplin aufbringen, sich doch mal an die größere Aufgabe zu wagen. Zwischenziele festlegen hilft dabei im Übrigen sehr.

Damit man durch die vielen kleinen Aufgaben nicht ins Prokrastinieren verfällt?

Schlussendlich ja. Wir prokrastinieren ja häufig deswegen, weil uns eine Aufgabe zu groß erscheint und wir mit ihr überfordert sind. Das Festlegen von Zwischenzielen sorgt dann einerseits dafür, dass die Aufgabe nicht wie ein großer Berg vor einem steht und andererseits, dass wir schneller ein Feedback bekommen. Schreibe ich mir als To Do „Wohnung aufräumen“ auf, ist das ein großer Berg und das gute Gefühl kommt erst ganz zum Schluss des Aufräumens – wenn ich überhaupt damit beginne. Zwischenziele wie „Vorratsschrank sortieren“ oder „im Wohnzimmer Staub wischen“ helfen uns beim Strukturieren und Vorwärtskommen. Ist der kleine Punkt geschafft und kann abgehakt werden, fühlt es sich gleich viel mehr danach an, dass man etwas erreicht hat – damit hat man eine Selbstwirksamkeitserfahrung gemacht.

Zu uns selbst kommen

Wenn man in The TALOS Principle nicht gerade Rätsel löst oder spazierengeht, kann man sich philosophischen Überlegungen zum Bewusstsein widmen.

Bieten Computerspiele neben der vorhin angesprochenen Entspannungsfunktion auch eine Möglichkeit, ‚tiefer‘ zu uns Selbst zu kommen? Man könnte vermuten, dass Spiele trotz ihrer möglichen positiven Effekte dennoch bloße Aktivität sind, um ja nicht über uns Selbst reflektieren zu müssen? Ich meine die Frage in Anlehnung an Erich Fromms Unterscheidung zweier Arten von Aktivität. Du hast vorhin schon über Symbole gesprochen, also scheinen Spiele mehr als nur Eskapismus zu erlauben?

Ich bin absolut überzeugt davon, dass die Spiele, die wir auswählen, immer in irgendeiner Beziehung zu unseren inneren Themen stehen, auch wenn es dabei wahrscheinlich meist um unbewusste Prozesse geht. Die Vorliebe für die einen und die Abneigung gegen andere Spiele haben natürlich, wie bei anderen Unterhaltungsmedien auch, etwas mit unserem Geschmack zu tun und der ist nun mal von unserer inneren Landschaft geprägt.

Mir fällt da zum Beispiel eine junge Patientin von mir ein mit schizoider Persönlichkeitsstruktur, welche sich unter Anderem in einem großen Misstrauen anderen Menschen gegenüber und einer extremen Zurückgezogenheit und Einzelgängertum zeigt. Am allerliebsten spielte sie Survival-Games, in denen es ja darum geht, in einer feindlich gesonnenen Umgebung unter widrigen Umständen allein zu überleben. In diesem Fall schlug sich also das innere Erleben der Welt im gewählten Genre nieder.

Umgekehrt heißt das freilich nicht, dass man zwingend schizoid strukturiert sein muss, um ein gutes Survival-Game zu schätzen zu wissen. Aber, um im Beispiel zu bleiben, geht es in dem Fall (auch) um eine Auseinandersetzung mit der Einsamkeit – da sind wir zum Beispiel bei einem Thema, das ganz viele von uns betrifft.

Oder denken wir an die vielen Heldengeschichten, die von Entwicklungs- und Reifungsprozessen erzählen. Spiele, in denen wir einfach mal das Gefühl von Selbstwirksamkeit haben können. Ich glaube, Computerspiele „wirken“ damit auf einer Ebene ganz unabhängig davon, ob wir uns bewusst mit deren Inhalten beschäftigen oder nicht, ganz ähnlich wie Märchen.

Interessant! Kannst du dazu noch mehr sagen?

Märchen und Mythen sind Geschichten, die schon seit hunderten oder tausenden von Jahren tradiert werden. Sie strotzen nur vor Symbolen und archetypischen Motiven: das göttliche Kind mit besonderen Fähigkeiten, der Held, die große Mutter, der alte Weise usw. Schon allein die Tatsache, dass sich diese Geschichten so lange halten, deutet darauf hin, dass sie etwas in uns zum Schwingen bringen – denn schlechte Geschichten erzählt man ja nicht weiter. Genau aufgrund dieser archetypischen Motive, die wir intuitiv (und oft nur unbewusst) verstehen, können die Märchen eine innere Wirkung entfalten.

Leider sieht man Märchen heutzutage eher als Geschichten für Kinder an. Dafür haben wir nun neue „Märchen“ in Form von Filmen oder eben auch Computerspielen, die Symbole und archetypische Motive aufgreifen und in etwas modernerem Gewand neu verhandeln. Wenn man sich bewusst mit solchen Spielen auseinandersetzt, vielleicht auch im Rahmen einer Therapie, haben sie wirklich großes Potenzial, uns mit uns selbst und unseren inneren Themen in Kontakt zu bringen.

Wie muss man sich das vorstellen? Lässt du deine Patient*innen etwas Bestimmtes spielen, erzählen sie dir von den Spielen, die sie ohnehin spielen, oder wie funktioniert das im Rahmen einer Therapie?

Wie das konkret aussieht, ist wieder einmal eine ziemlich individuelle Sache. Ich habe bisher noch keine Spielvorschläge gemacht, würde das aber grundsätzlich nicht ausschließen. Meist kommen wir einfach darüber ins Gespräch, was mein Gegenüber gerade spielt. Ob es dabei einfach um das Teilen und in-Worte-Bringen der Erfahrungen geht oder um die konkrete Übertragung auf alltägliche Situationen, ist individuell verschieden.

Beispielsweise kam mal ein junger Mann mit Beziehungsschwierigkeiten zu mir, über die er aber nicht so gerne sprechen wollte. Es wurde allerdings deutlich, dass er seiner Freundin gegenüber sehr überprotektiv handelte. Er spielte gerne The Witcher 3 und berichtete, Ciri sei gestorben, weil er sie „zu viel beschützt“ habe (ich führe das aufgrund der Spoilergefahr nicht weiter aus, wer es gespielt hat, weiß, was gemeint ist). Hier haben wir dann tatsächlich an der Parallele zwischen seinem Verhalten im Spiel und seinem Verhalten seiner Freundin gegenüber gearbeitet, was ihm dabei half, seine grundsätzliche Beziehungsgestaltung langsam zu überdenken.

Bei meiner oben beschriebenen Survivalspielerin hingegen blieben wir in der Spielwelt. Mir schien es, als ob allein durch das Erzählen und das Screenshot- und Video-Zeigen aus dem Ein-samen etwas Gemein-sames werden konnte, was sich dann auch tatsächlich in einer deutlichen Vertiefung unseres Kontaktes niederschlug. Gerade für Menschen mit einer schizoiden Struktur ist das ein riesiger Schritt, weil es bedeutet, den inneren Rückzug zumindest ein Stück weit zu verlassen und eine (innere) Erfahrung mit jemandem zu teilen.

Es kann aber natürlich auch darum gehen, ein Spiel in seiner Gesamtheit zu versuchen zu verstehen: welches Grundmotiv wird verhandelt und passt das vielleicht zu meiner inneren Landschaft? Ich habe inzwischen einige Artikel zu solchen Gesamtdeutungen geschrieben. Wie schon oben erwähnt, sind Archetypen in ihrem Bedeutungsgehalt allerdings niemals eindeutig – deswegen kann eine „passende“ Deutung für einen Spielenden nur im Dialog entstehen und nicht von Außen übergestülpt werden. Aber auch ohne eine (individuelle) Deutung, mit der wir uns intellektuell auseinandersetzen, „wirken“ Spiele auf uns, davon bin ich überzeugt.

Ich denke also, wir können in Games schlussendlich gar nicht wirklich vor uns selber fliehen. Eskapismus von der äußeren Realität finde ich hingegen durchaus auch mal erlaubt – gerade in Zeiten wie diesen. 🙂

(Titelbild: Karen Smits / pixabay.com)

4 Kommentare zu “Nicht nur Eskapismus: Spielen bei Corona. Interview mit Jessica Kathmann

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