Film

Würdiges Ende, Unnötiger Neubeginn: Star Trek: Picard

Die erste Staffel der bei Amazon Prime laufenden Serie Star Trek: Picard, über die ich vor ein paar Wochen schon einmal schrieb, ist nun zu Ende. Spontan schießen mir dazu folgende, spoilerhaltige Gedanken durch den Kopf:

  • Star Trek: Picard ist von Anfang bis Ende besser als der vorige Versuch einer Wiederbelebung des Franchise, Star Trek: Discovery, was allerdings auch nicht schwer ist.
  • Star Trek: Picard ist aus heutiger Sicht auch besser als die ersten paar Folgen von Star Trek: The Next Generation (TNG, 1987-1994), in denen die Rolle des Captain Jean-Luc Picard erstmals eingeführt wurde.
  • Was auch daran liegt, dass die Rolle der Titelfigur in der neuen Serie wesentlich sympathischer rüberkommt als gerade zu Beginn von TNG. Damals war Picard ein (man muss es leider sagen) arroganter, unsympathischer übertrieben distanzierter Militärangehöriger (erst im Verlauf von TNG hat sich das abgeschwächt). Heute ist er ein alter, langsamer, unsicherer alter Mann, der noch einmal etwas Gutes tun will.
  • Die neue Serie funktioniert vor allem deshalb, weil so viele alte Figuren auftauchen, es viele kleine und große Bezüge zu früher sowie bekannte Rituale gibt. Im Prinzip ist Star Trek: Picard ein melancholisches Klassentreffen alt gewordener Held*innen.
  • Aber ausgerechnet die Titelfigur, die sich immer noch bemüht, als Stimme der Vernunft und des Friedens in einem abweisend gewordenen Universum wahrgenommen zu werden, muss erfahren, dass sie ihre Zeit hinter sich hat. Weder wird in der Sternenflotte und anderswo auf Picards Rat gewartet, noch wird auf ihn gehört.
  • Die in der ersten Staffel gezeigte Geschichte ist nichts Besonderes, aber in Ordnung. Es geht um künstliche Lebensformen; Androiden, wie der bekannte Commander Data, der ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Menschen und Romulaner fürchten sich gleichermaßen vor den Androiden. Während die Menschen Androiden deshalb verboten haben, bemühen sich die Romulaner gleich um ihre komplette Auslöschung.
  • Picards selbstauferlegte Mission ist es daher, eine der Androidinnen, Soji, zu beschützen. Das liegt daran, dass Picard in Soji eine ‚Verwandte‘ seines im Film Star Trek: Nemesis zerstörten Freundes Data erkennt. Soji (die erfreulich unaufgeregt gespielt wird) weiß erst selbst nicht, dass sie kein ‚echter‘ Mensch ist, aber in der zweiten Staffelhälfte erkennt sie es und will zu dem Planeten reisen, von dem sie stammt.
  • Dort gibt es nämlich eine ganze Kolonie von Data-artigen Androiden, die auch alle so ähnlich aussehen, manche mehr, manche weniger künstlich. Da die Serie Jahrzehnte nach TNG spielt, halte ich das für nicht unplausibel. Es war schon immer Datas Wunsch, sich fortzupflanzen, und dass der Sohn von Datas Erfinder Dr. Soong nun dabei unterstützt, ergibt Sinn.
  • Leider ist die Chefin der Kolonie, eine weibliche Androidin, überzeugt, dass biologische Lebensformen die Androiden alle vernichten werden. Darum ruft sie irgendwelche (sehr seltsam aussehenden) Maschinenwesen ‚von außerhalb‘ herbei, die das biologische Leben vernichten sollen, und Soji hilft ihr dabei.
  • Die Maschinenwesen ‚von außerhalb‘ sehen leider lächerlich aus und sind offenbar riesige eckige Würmer mit großen Mündern. Das ist ein Discovery würdiger Fremdschäm-Moment, der glücklicherweise schnell vorbei geht, weil Soji endlich doch auf Picards Flehen hört, es sich mit der Vernichtung allen Lebens noch einmal zu überlegen.
  • Die „KI-kämpft-aus-Angst-um-sich-gegen-ihre-Schöpfer“-Geschichte ist eine alte Geschichte. Ihre philosophische Tragweite wird in Star Trek: Picard nicht ausgeschöpft. Besser hat das 2009-10 das leider nur kurzlebige Battlestar Galactica-Prequel Caprica gemacht.
  • Um sich gegen die scheinbare Bedrohung zu wehren, wäre es im Sinne einer kohärenten Geschichte sinnvoller gewesen, wenn die Androiden statt der Kontaktaufnahme zu den seltsamen Maschinenwesen versucht hätten, den von den Romulanern übernommenen Borg-Würfel zu zweckentfremden. Die ganze Borg-Nebenstory ist nämlich insgesamt eher austauschbar — d.h. alles, was in dem Borg-Schiff passiert ist, hätte auch in einem anderen Kontext geschehen können.
  • Trotzdem war es cool, als die aus Star Trek: Voyager bekannte Ex-Borg Seven of Nine kurzzeitig zur neuen Borg-Königin wurde und Hunderte wiedererwachte Borgdrohnen ihr Sprüchlein aufzusagen begannen („Wir sind die Borg. Widerstand ist zwecklos“). Begannen, weil sie alle kurz darauf von der bösen Romulaner-Agentin ins All geblasen wurden.
  • Solche Spiele mit nicht erfüllten Erwartungen gibt es übrigens öfter, was ich an der neuen Serie durchaus mag. Man glaubt oft zu wissen, was nun kommt, und tatsächlich scheint genau das zu geschehen — aber dann doch nicht. Neben der eben erwähnten Szene und den ständigen erfolglosen Appellen Picards ist auch der Höhepunkt am Ende der letzten Folge so ein Moment. Vorgeschädigt vom wirklich schlechten Ende der zweiten Staffel von Star Trek: Discovery, erwartet man eine unsinnig choreografierte Massenschlacht zwischen viel zu vielen schlecht erkennbaren Raumschiffen — aber glücklicherweise hört Soji am Ende endlich auf den alten Mann und bricht die Verbindung zu den komischen bösen Maschinenwesen ‚von außerhalb‘ ab.
  • Captain Picard stirbt am Ende der Serie an der neurologischen Krankheit, die schon zu TNG-Zeiten erwähnt wurde. Und dabei hätte man es belassen sollen, denn dann wäre Star Trek: Picard eine nette kleine Geschichte geblieben; wie ein Kinofilm in Überlänge, der insbesondere Datas Suche nach Menschlichkeit zu einem wirklich okayen Abschluss bringt.
  • Leider hat man sich entschieden, das Bewusstsein von Picard nach seinem Tod in einen perfekt menschlich aussehenden Androidenkörper zu transferieren, wiederum wie damals bei Caprica, sodass die (schon lange bestellte) zweite Staffel der Serie möglich ist. Über die womöglich traumatischen Folgen so einer transhumanistischen Todeserfahrung für das Individuum verliert die Serie kein Wort. Stattdessen steht man friedlich vereint auf der Brücke, Picard-im-Androiden-Körper sagt wie früher: „Energie!“ und das Raumschiff fliegt los in Richtung Staffel zwei.
  • Es gibt diverse Logiklücken. Die zwei schlimmsten meiner Ansicht nach: Warum kann sich Picards früherer erster Offizier William T. Riker so einfach aus dem Ruhestand holen lassen und bekommt dann gleich mal das Kommando über eine hunderte Schiffe umfassende Flotte, um Picard gegen die Romulaner zu unterstützen, obwohl die Sternenflotte Picard gar nicht unterstützen will? Und muss sich Dr. Jurati nicht noch für ihren Mord an Dr. Maddox verantworten?

Insgesamt hat es mir Spaß gemacht, die Serie zu schauen, und ich werde sie mir sogar noch einmal am Stück angucken. Große Fernsehgeschichte dürfte sie wohl nicht schreiben, aber das muss auch nicht sein. Trotz ihrer Mängel ist sie unterhaltsam und ein nostalgischer Blick zurück. Aber ob eine zweite Staffel wirklich nötig ist … da bin ich mir nicht sicher. Die müsste aus mehr bestehen als nur Nostalgie. Ich bin gespannt.

2 Kommentare zu “Würdiges Ende, Unnötiger Neubeginn: Star Trek: Picard

  1. Warum gibt es Remakes früher bekannter/beliebter (…einzigartiger!) TV-Serien wie Magnum oder McGyver? Warum wird eine Fußballweltmeisterschaft in einer Weltregion – genauer Katar – stattfinden, in des es tagsüber über 60 Grad wird und Sportler auf dem Platz in Lebensgefahr schweben werden? Warum wird die Olympiade so unfassbar peinlich spät verschoben? Es geht geht schlicht und simpel um Geld, um sehr viel Geld, um unvorstelöbar viel Geld. Vor allem, wenn die Ideen für Neues fehlen. Wie sagte es der Schriftsteller Gabriel Laub so treffend? „Phantasie ist etwas, was sich manche Leute gar nicht vorstellen können.“…

    Gefällt 1 Person

  2. Kleines Update: Der „Showrunner“ der ersten Staffel hat einige offene Fragen beantwortet. Teilweise ganz interessant: https://trekmovie.com/2020/03/28/michael-chabon-answers-fan-questions-about-star-trek-picard-finale-loose-ends-season-two-and-more/

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: