Essay

Die individuelle Krise in der Corona-Krise, die Angst und die Bedürfnisse dahinter

Die aktuelle Corona-Krise ist eine für uns noch nie dagewesene Situation, deren Folgen wir gerade auf der kurzfristigen Ebene deutlich spüren. Auch mittel- und langfristig wird sie viele, sehr facettenreiche, komplexe globale, nationale, regionale und persönliche Auswirkungen haben (Abb. 1). In diesem Artikel beleuchte ich die individuelle Krise, die sich für jeden einzelnen von uns aus den Gesamtsituationen ergibt und ordne sie den ersten zwei von vier Krisenbewältigungsphasen nach Verena Kast (1989) zu, um die hinter unseren aktuellen Gedanken und Verhaltensweisen stattfindenden Prozesse deutlich zu machen und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen.

Abbildung 1: Grobe schematische Übersicht möglicher Bestandteile der aktuellen Krise/Krisen

Eine Krise zeigt sich zunächst einmal immer als unangenehm. Sie tut in irgendeiner Art und Weise weh. Täte sie es nicht, wäre es keine Krise. Eine Krise entsteht, wenn unsere Denk- und Verhaltensweise nicht mit der aktuellen Situation, einem oder mehreren Pressoren aus der Umwelt in Einklang ist. Die Krise nötigt uns, unser Denken zu überdenken und unser Tun zu ändern. Das bedeutet aber auch, dass die Krise eine Entwicklungschance ist. Wer die Krise meistert, geht mit neuer Denke, neuem, sinnvollerem Verhalten, gewachsen, entwickelt und gestärkt aus dieser hervor.

In der ersten Phase einer Krisenbewältigung greifen die meisten von uns unbewusst auf Abwehrmechanismen, z.B. die Verdrängung, zurück, um Körper und Geist zu schützen: Vermutlich haben die meisten von uns die Auswirkungen, die die Ansteckungsgefahr und die zum Teil lange Inkubationszeit bis zu den ersten Symptomen mit sich bringen und auch die Folgen, die eine Infektion für die Risikogruppen und damit einhergehend für die Krankenhäuser und deren Kapazitäten bedeutet, erst einmal unterschätzt. Auch dann noch, als wir über die Medien professionell informiert wurden.

Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, haben es ja gar nicht versucht, es war gar nicht Teil unserer Realität, dass es jemals nötig sein könnte, alle Schulen, Kitas, Sportvereine, Museen, Bibliotheken etc. zu schließen, alle Veranstaltungen, sogar Fußball! abzusagen und möglichst alle Angestellten ins Home Office zu schicken. Und das, obwohl sich in China und Italien die gleichen Szenarien bereits abspielten.

Weil die Plage das Maß des Menschlichen übersteigt, sagt man sich, sie sei unwirklich, ein böser Traum, der vergehen werde.

Albert Camus, Die Pest, 1947

Das ‚Nicht wahrhaben wollen‘ ist Teil der individuellen Krisenbewältigung. Diese Phase muss jedoch überwunden werden, weil das Verdrängen nicht zu einer Bewältigung der individuellen Krise führt. Die Verlagerung der Krise ins Unbewusste wird sich letztlich in körperlichen Symptomen, z.B. Kopfschmerzen, Nackenverspannungen etc. zeigen, da die Gefühle, die dann in der zweiten Phase der Krisenbewältigung Ausdruck bekommen sollen und die in Zusammenhang mit der Krise stehen, nicht ausgedrückt werden. Der Ausdruck von Gefühlen wie Angst, Trauer und Wut in der zweiten Phase der Krisenbewältigung zeigte sich in Deutschland recht deutlich im Toilettenpapierankauf.

Der Ausdruck der Gefühle bringt jeden von uns heftig mit uns selbst in Kontakt! Hier lohnt es sich, achtsam zu schauen, denn hier zeigen sich die eigentlichen Ängste, Sorgen, unbefriedigten Bedürfnisse, die bei jedem die individuelle Krise auslösen und deren liebevolles Ausdrücken (weinen, wütend und/oder ängstlich sein), Annehmen und adäquate Bedürfnisbefriedigung uns der Bewältigung unser individuellen Krise näher bringt und uns lernen, wachsen, entwickeln lässt.

Wir haben leider, mit pandemischem Ausmaß, nicht gelernt, Gefühle von Trauer, Wut und Angst angemessen zuzulassen und auszudrücken: Wir haben schon in der Kindheit verdrängt, so dass es hier nun aus einem starken, von Angst und/oder Wut getriebenen Stresslevel heraus zu z.T. heftigen Gefühlen und Verhalten kommen kann, die denen unseres ‚Schattenkindes‘ mit seinen Ängsten und Sorgen, oder seiner Wut und/oder Trauer entsprechen und aus denen sich die eigentlichen Bedürfnisse ablesen, letztlich aber auch befriedigen lassen.

Um die menschlichen Bedürfnisse darzustellen, nutze ich hier vereinfacht das Modell der Maslowschen Bedürfnispyramide (1943). Das Modell beschreibt aus positiver, humanpsychologischer Sicht, was uns im Laufe unseres Lebens antreibt (Abb. 2). Ich habe aktuelle Verhaltensweisen aus den Medien gesammelt, den Bedürfnisebenen zugeordnet und Prognosen zu den dahinterliegenden, typischen Antrieben erarbeitet. Ich zeige Handlungsmöglichkeiten auf, mit denen wir das jeweilige Bedürfnis zielführend und aus eigener Kraft befriedigen können – verantwortungsbewusst, aus erwachsener Perspektive, mit erwachsenen Möglichkeiten und besonnen (wie die Politik uns bittet).

Abb. 2: Mögliche Erklärungen für aktuelle Verhalten, dahinter stehende Antriebe und Handlungsalternativen zur Bedürfnisbefriedigung auf der Grundlage der Maslowschen Bedürfnispyramide (1943)

Besonnenheit, ein antikes, großes Wort, bedeutet laut Wikipedia „überlegte, selbstbeherrschte Gelassenheit in schwierigen […] Situationen […], um vorschnelle und unüberlegte Entscheidungen oder Taten zu vermeiden“ (Wikipedia, 25.03.2020). Besonnen können wir sein, wenn wir zunächst einmal unser Stresslevel körperlich beruhigen. Dabei kann uns vieles helfen: Ruhe, gutes Essen, ausreichender Schlaf. Wer viel Energie hat, der geht (zurzeit allein) raus, laufen oder Fahrrad fahren, oder powert sich in Live-Online-Kursen aus (zum Beispiel mit mir).

Auf diese Weise wird zum einen das Stresslevel heruntergefahren und Besonnenheit möglich, zum anderen werden aber schon eine Vielzahl der angstauslösenden Bedürfnisse befriedigt. Zu jeder Sorge, die sich uns in unserem Verhalten oder unseren Gedanken dann zeigt, dürfen wir uns fragen, ob sie wirklich begründet ist: Ist das wirklich wahr? (eine sehr effektive Fragenmethode von Byron Katie, 2002). Es ist für unser Nervensystem sehr hilfreich, die verneinenden Antworten zu verschriftlichen. Vielleicht spüren Sie auch den Impuls, ihre positiven Antworten an den Kühlschrank oder den Badezimmerspiegel zu kleben und sich immer wieder ins Gedächtnis zu holen. Das wäre wunderbar und ist sehr effektiv, um Ängste zu lösen.

Es ist wichtig, mit den vorhandenen Ängsten konstruktiv zu arbeiten, gut zu sich zu sein, die Ängste entweder als unbegründet zu entlarven oder Wege zu finden, die Bedürfnisse auf hilfreiche, adäquate Weise zu befriedigen.
Die Tabelle in Abb. 2 kann dazu Impulse geben. Wir Menschen sind aber sehr komplexe wundervolle ‚Zauberwesen‘, deren Verhalten, Denken und Fühlen sich durch eine Tabelle nur unzureichend verallgemeinern lässt. Schauen Sie für sich selbst, was sich für Ihre individuelle Krise oder die individuellen Krisen in Ihrem Umfeld richtig anfühlt, passen Sie für sich an, wo sie anpassen wollen und lassen Sie weg, was für Sie nicht wichtig scheint.

Für die Betrachtung unserer individuellen Krisen sind alle Ebenen der Bedürfnispyramide interessant. Ein toller Motivator ist, dass uns die erfolgreiche Bearbeitung unserer Ängste und Sorgen auf den ‚unteren‘ Ebenen der Selbstverwirklichung näher bringt. Das meint es, wenn es heißt ‚die Krise ist eine Entwicklungschance‘! Viele Ängste und Sorgen auf der physiologischen und biologischen Ebene sind für die meisten Menschen in Deutschland tatsächlich unbegründet (es gibt Luft zum Atmen, genug zu Essen und zu Trinken, …). Wir dürfen uns darauf besinnen, dass wir in einem reichen Land leben, in dem (materielle) Grundbedürfnisse auch in Krisenzeiten gut abgesichert sind; einem Land, in dem wir nicht verhungern und verdursten werden und auch immer ein Dach über dem Kopf haben werden.

Schauen Sie selbst in die Tabelle zur Bedürfnispyramide und nehmen Sie wahr, welche Bedürfnisse tatsächlich allein durch staatliche Maßnahmen abgedeckt werden. Besonnene Zuversicht und Positivität sind wichtige Impulse für unser Nervensystem und helfen, das Stresssystem zu entlasten. Besinnen wir uns auch auf unsere Größe, auf all das, was wir im Leben schon geschafft haben, beruflich und privat und darauf, dass unsere Kompetenzen und Expertise mit der Krise nicht verloren gehen und spätestens nach der Krise, mit voller Kraft voraus! auch wieder gebraucht werden.

Die zweite Ebene der Pyramide scheint aktuell noch besonders relevant: das Bedürfnis / der Wunsch nach Sicherheit in dieser Zeit der Veränderung. Der Wunsch nach Gesundheit für sich selbst und die Lieben, die Sorge, sich selbst und die Familie nicht versorgen zu können (dazu hier eine kleine Rechnung) oder gar das eigene zu Hause zu verlieren. Auf dem Weg der individuellen Krisenbewältigung arbeiten wir uns alle unbewusst die Bedürfnispyramide nach oben. Großartig!

Die dritte (Soziale Bedürfnisse) und vierte (Individualbedürfnisse) Ebene werden, denke ich, im Verlauf der nächsten Wochen an Bedeutung zunehmen. Bewegungsmangel und eine, für die meisten ungewohnt niedrige Anzahl sozialer Kontakte werden sich ungewohnt bis unangenehm anfühlen. Für Personen, welche sich schon vor der Pandemie in schwierigen Situationen befanden, Personen mit psychischen Erkrankungen, Betroffene von häuslicher Gewalt, Menschen, die unter Einsamkeit leiden, ist die aktuelle Situation noch schwieriger. Melden Sie sich bitte regelmäßig bei betroffenen Personen in Ihrem Umfeld, laden Sie an Ostern zum Eier färben über Skype ein, oder machen Sie per Skype oder Telefon gemeinsam Mittagspause. Wenn Sie betroffen sind, zögern Sie bitte nicht, Hilfetelefone in Anspruch zu nehmen. Ich habe unten einige aufgelistet.

Die aktuellen Belastungen, Sorgen und Ängste sind für jeden von uns sehr real, nicht trivial und sehr verständlich. Es ist in Ordnung, besorgt zu sein und darüber zu sprechen. Nach der Annahme der Sorge/Angst gilt es, Lösungen zu generieren. Wir müssen flexibel kreative Lösungen für uns und andere finden, für die Zeit in der Krise, aber auch für danach. Uns gegenseitig zu unterstützen, wird auch unsere eigenen individuellen sozialen Bedürfnisse und das Bedürfnis nach Wertschätzung und Anerkennung befriedigen (Abb. 2) und uns näher zusammenbringen.

Es gibt bereits großartige Unterstützungs- und Solidaritätsangebote, z.B. von Nachbarn, die für Personen in Quarantäne oder Personen der Risikogruppen zur Verfügung stehen und helfen. Es gibt viele Berater*innen (z.B. karrierekunst.de, Benita Königbauer, Anwaltskanzleien wie haerting.de , u.v.m.), die ihre Expertise gerade kostenfrei zur Verfügung stellen. Darüber hinaus gibt es z.B. die Industrie- und Handelskammer und zahlreiche staatliche Informationsplattformen, welche auf verschiedenen Ebenen unterstützen.

Ganz wichtig! Wenn Sie betroffen sind, zögern Sie nicht, Hilfetelefone in Anspruch zu nehmen. Das sind z.B.:

Literatur & Verweise

  • Kast, V. Der schöpferische Sprung: Vom therapeutischen Umgang mit Krisen. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1989
  • Katie, B. Lieben was ist – Wie vier Fragen Ihr Leben verändern können. Goldmann Verlag, München 2002
  • Maslow, A. A Theory of Human Motivation. Psychological Review, 1943, 50;4

2 Kommentare zu “Die individuelle Krise in der Corona-Krise, die Angst und die Bedürfnisse dahinter

  1. Danke für diesen ausführlichen und gut strukturierten Artikel! Insbesondere die dreispaltige Tabelle finde ich sehr gelungen!

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  2. Pingback: Atmend durch die Corona-Krise – Über/Strom

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