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Der Kokon platzt auf. E. M. Forster: „Die Maschine steht still“

Eines Tages werden die Menschen in kleinen wabenartigen Zellen unter der Erde leben, umsorgt von automatischen Systemen, die sie als Gott verehren und deren Handbuch für die Menschen die Rolle eines religiösen Textes einnimmt. Eingelullt durch sanfte Klänge, denken die Menschen sich fortwährend „Ideen“ über theoretische Fragestellungen aus, teilen sie per Streaming mit anderen Menschen oder tauschen sich darüber per Videokonferenz aus. Physischer Kontakt zwischen Menschen ist ein Tabu und findet, ebenso wie die Reise an die Oberfläche, nur im äußersten Notfall statt.

Dieses Szenario entstammt keiner „Black Mirror“-Folge und ist kein dystopisches Weiterdenken derzeitiger Corona-Isolation, sondern wurde 1909 in einer Kurzgeschichte des britischen Schriftstellers E. M. Forster (1879-1970) beschrieben. Vor ein paar Jahren erschien sie als hübsches kleines Büchlein bei Hoffmann und Campe. Der Klappentext zitiert den Virtual-Reality-Pionier Jaron Lanier, der die Geschichte als „früheste und treffendste Beschreibung des Internets“ bezeichnete. In der Tat ist es erstaunlich, wie sehr die Eingangsszene heutigen Leser*innen vertraut vorkommt.

Eine Frau sitzt in ihrem Sessel und hört Musik, nachdenkend. Plötzlich wird sie durch eine Klingel unterbrochen, ein Videoanruf. „Sie hatte Abertausende Bekannte“, schreibt Forster (S. 6), aber dieser Anruf stammt von ihrem Sohn. Richtiggehend belästigt fühlt die Frau sich von der unangekündigten Störung, ist irritiert, warum der Sohn nicht das schnellere Kommunikationsmedium der Rohrpost verwendet, nimmt sich aber dennoch einige Minuten Zeit. Aber ihre Hoffnung, dass es schnell vorbeigehen möge, wird nicht erfüllt. Denn ihr Sohn verlangt etwas Ungeheuerliches: Er will sich persönlich mit seiner Mutter treffen.

Man spürt förmlich die Erleichterung der Frau, als das Gespräch nach kurzer Zeit endet und sie sich wieder in ihr soziales Netzwerk versenken kann. Zwar ist sie auch davon genervt, beantwortet alle Anfragen in der „gewissen Gereiztheit, ein Wesenszug, der in jenem beschleunigten Zeitalter um sich griff“ (S. 12), aber es ist nur der gewöhnliche Alltagsstress, vor dem sie das Dasein in ihrer Wabe nicht schützt. Dann endlich ist es „an der Zeit für ihren Vortrag über Australische Musik“, der, wie wir erfahren, lediglich zehn Minuten dauert, aber „positiv aufgenommen“ wird.

Man kann Jaron Lanier verstehen, wenn ihn das alles an das Internet erinnert. Die technischen und sozialen Kommunikationsformen, die E. M. Forster in einer Zeit ersann, als gerade einmal das Telefon verbreitet war (ein Medium, das laut eines Spiegel Online-Berichts gerade wiederentdeckt wird), erinnern deutlich an die schnellen, oft inhaltsleeren Kontakte (wie es Uta Buttkewitz in ihrem neuen Buch kritisch beschreibt) unserer Zeit. E. M. Forster geht es aber nicht um die Technik. Der Titel des Buches deutet es schon an: Der fast im Wortsinn zu verstehende Kokon, in dem sich die Menschen in Forsters Erzählung befinden, hält nicht ewig.

„Die Probleme nahmen schleichend ihren Anfang“, schreibt Forster. Nach und nach kommt es zu ungewöhnlichem Fehlverhalten der alles steuernden Maschine. Bald zeigt sich, dass die streng nach Handbuch vorgenommenen Eingaben der Menschen an das „Gremium des Korrekturapparats“ (heute würde man von Support-Tickets reden) zu keinen Verbesserungen führen. Sie müssen der Wirklichkeit ins Auge sehen: Der Kokon bricht auf.

Es ist kein positives Ende, das E. M. Forster seinen Figuren spendiert. Dennoch verbleibt ein Hoffnungsschimmer, für die Menschheit als Ganzes, denn die „Heimatlosen“ — Menschen, die außerhalb des trügerischen Luxus des unterirdischen Wabenlebens stehen — warten schon …

„Die Maschine steht still“ ist kein ausufernder Science-Fiction-Roman, sondern eine kurze Allegorie auf eine zunehmend technisierte Welt. Das Thema der Isolation hat etwa Isaac Asimov in seinem Roman „Die nackte Sonne“ (1957) als recht spannenden Science-Fiction-Kriminalroman bearbeitet. Anders als Asimov (der seinen Roman in seine Robotergeschichten einbettet und in der Reisen durch den Weltraum Alltag sind), wirken die wenigen konkret benannten Techniken in Forsters Erzählung ihrer Form nach anachronistisch, in ihrer Funktion aber sehr vertraut.

Und gerade weil „Die Maschine steht still“ auf das Wesentliche beschränkt ist, wirkt die Erzählung immer noch wie ein mahnend-düsteres Spiegelbild.

E. M. Forster, „Die Maschine steht still“, Hoffmann und Campe, 2016, 78 Seiten.


(Titelbild des Blogeintrags: Pete Linforth / Pixabay.com)

1 Kommentar zu “Der Kokon platzt auf. E. M. Forster: „Die Maschine steht still“

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