Tagebuch

Betrachtungen aus dem Home Office

Tja, nun befinde ich mich also auch im Home Office, da die Universität, an der ich arbeite, erst einmal bis Mitte April geschlossen wurde. So ein bisschen bedauere ich es, dass mein Buch „Smiley – Herzchen – Hashtag. Zwischenmenschliche Kommunikation im Zeitalter von Facebook, WhatsApp, Instagram @ Co.“ schon fertig ist. Wie viele tolle Beispiele hätte ich noch diskutieren können – jetzt, wo gerade Online-Meetings und WhatsApp-Gruppen Hochkonjunktur haben. Die Server glühen. Die Sehnsucht der Menschen nach Kommunikation ist unersättlich – das wird gerade in diesen Zeiten sichtbar, und ich merke es bei mir selbst. Allein im Home Office hat eine WhatsApp-Nachricht eine ganz andere Bedeutung und wird zu einem kleinen Highlight. Und als Trost sind da immer noch die Anderen, denen es genauso geht.

Wir werden uns zwar in den nächsten Wochen damit arrangieren können und Online-Meetings werden nach und nach besser funktionieren. Aber es ist jetzt schon zu merken, dass digitale Medien den persönlichen zwischenmenschlichen Austausch bei weitem nicht ersetzen können. Im Büro können wir unsere Kolleg*innen gleichzeitig wahrnehmen, können die Atmosphäre spüren und auch erkennen, in welcher Stimmung sie sich gerade befinden. Das können wir in gewissem Maß auch via Skype, GoToMeeting oder Zoom, aber nicht so, wie es unter normalen Umständen möglich wäre. Es gibt natürlich auch humoristische Momente, wenn zum Beispiel zehn Personen versuchen, ein Online-Meeting abzuhalten und sich darüber in der WhatsApp-Gruppe austauschen. Im Sekundentakt werden Nachrichten verschickt, die da lauten: „Ich bin noch nicht drin“, „Ich kann Euch sehen, aber nicht hören“, „Ich kann Euch sehen und hören, aber ihr mich nicht“, „Ich bin wieder rausgeflogen“, „Versuchs nochmal“, „Du musst das Mikro anmachen“, „Ich hänge gerade“ – das ist schon sehr lustig. Das Positive daran ist, dass jetzt auf einmal ganze viele Leute das Medium der Videotelefonie kennen lernen, d. h. eine neue Fähigkeit dazugewinnen.

Man könnte die derzeitige Corona-Krise auch als ein sozialwissenschaftliches und gesellschaftliches Experiment bzw. eine Übung verstehen, die auslotet, wie sich eine Gesellschaft in Krisenzeiten verhält und welche Dinge als Essenz übrigbleiben, die eine Gemeinschaft zusammenhält.

Auf mich wirkt die Situation im Moment noch etwas surreal oder „hyperreal“, wie es Jean Baudrillard formulieren würde. Ich weiß, dass die Krise real stattfindet. Gleichzeitig wird sie jedoch so sehr medial begleitet mit stündlichen Aktualisierungen von Grafiken und Zahlen (wie es Mario Donick in seinem Blogeintrag schon beschrieb), wie es bisher bei keiner Krankheit gemacht wurde, so dass die Menschen, die sich noch nicht intensiv mit Infektionskrankheiten auseinandergesetzt haben, keine Vergleichsgrundlage haben. Das heißt, die Krise findet real statt, wird aber sofort in den medialen Kreislauf eingebracht, so dass es uns als Beobachter*innen nur möglich ist, uns mit der medialen Version der Krise auseinanderzusetzen. Es gibt Corona-News, Corona-Newsletter, Corona Kompakt, Corona Spezial, Corona-Podcast usw.

Eine Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und der Hyperrealität ist nicht mehr möglich. Und da wir alle zu Hause bleiben müssen, sind wir auf die Medien angewiesen, von denen wir unsere Informationen bekommen. Wir lechzen nach den neuesten Einschätzungen der Virologen, der wichtigsten Berufsgruppe im Moment. Und die Redewendung „die Kurve kriegen“ hat in diesen Tagen auch eine neue Bedeutungsvariante dazubekommen.

Ich möchte mich gar nicht in die Diskussion einbringen, ob sich die Gesellschaft nach der Krise zum Positiven verändern wird, andere Prioritäten von der Politik gesetzt werden und die Menschen geläutert zum Alltag zurückkehren. Höchstwahrscheinlich wird es nicht dazu kommen oder nur in einigen Bereichen, wie zum Beispiel im Gesundheitswesen. Aber ich würde mich freuen, wenn das Runterfahren des gesamtgesellschaftlichen Betriebs die Menschen nicht lähmt, sondern sie zu mehr Kreativität, zum intensiven Nachdenken und zu einer Lust, neue Dingen und Projekte auszuprobieren, anstiftet.

(Titelbild: Free-Photos auf Pixabay)

1 Kommentar zu “Betrachtungen aus dem Home Office

  1. Schön! Ja, diese Experiment-Assoziation hatte ich auch bereits…
    Selbstverständlich gibt es eine ganze Reihe an wirklich katastrophalen Auswirkungen dieses Zustandes (existenzielle Bedrohung für viele Menschen auf gesundheitlicher oder finanzieller Ebene, Gewalt in Familien, …) und gleichzeitig erlebe ich in meinem eigenen kleinen Leben tatsächlich auch die Lust, endlich auch mal größere Projekte anzugehen, die lange brach lagen. Oder die Kleinen, die sich in den letzten Tagen zu einem neuen Hobby ausgeformt haben, dem ich hoffentlich auch noch nach der jetzigen Situation frönen werde.

    Auf das Buch bin ich gespannt! Bin tatsächlich eine off-Bildschirm-Leserin und warte daher auf die Printausgabe…

    Gefällt 1 Person

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