Tagebuch

Corona-Müdigkeit

Vor knapp einer Woche ist die Corona-Krise in Deutschland richtig ernst geworden und ein Ende ist nicht in Sicht. Am schlimmsten finde ich persönlich gar nicht die Sorge vor einer eigenen Ansteckung, sondern den medialen Lärm, der sich in Berichten und Leser*innen-Kommentaren unter Berichten ausbreitet. Leiblich, im phänomenologischen Sinne, fühlt sich das für mich an wie ein dumpfer (metaphorischer) Subwoofer, der am Rande der Wahrnehmungsschwelle vor sich hin wummert, ab und zu unterbrochen von … einem ebenso metaphorischen Fiepen, wenn es besonders panisch wird. Sehr unangenehm also.

Während ich daher in den ersten Tagen stundenlang jeden nur verfügbaren Artikel in Zeit, Spiegel, Süddeutsche, taz und FAZ zum Thema gelesen und den Fehler gemacht habe, auch die Kommentare darunter zu lesen, hat mein Interesse daran merklich nachgelassen. Letzten Endes gibt es nur eine wichtige Sache: Hände waschen, Abstand halten, informieren ob es schon die Ausgangssperre ™ gibt.

Überhaupt, die Ausgangssperre. „Sie wird spätestens Montag kommen“, wurde schon letztes Wochenende von manchen Kommentar-Schreiber*innen prophezeit — oder herbeigesehnt. Dieses Wochenende entscheidet sich wohl, ob es wirklich zu so einer Maßnahme kommt, die ich früher nur aus den Nachrichten oder dystopischen Science-Fiction-Szenarien kannte. Ich hatte zwar in den letzten Jahren zunehmend Befürchtungen, dass ein zunehmender Erfolg politisch rechtsextremer Parteien auch irgendwann zu sowas führen wird, aber dass das durch ein Virus nun wohl viel schneller geschieht, hat mich doch etwas überrascht.

Noch ist es ja nicht entschieden. Es kommt darauf an, wie sich die Leute am Wochenende verhalten. Ob sie aufhören, sich in großen Gruppen zu treffen als hätten sie Ferien oder Urlaub. Dennoch habe ich heute in meinem 9-to-14-Halbtagsjob eine offizielle Bescheinigung erhalten, die ich im Fall der Ausgangssperre bei mir tragen darf, damit ich unbehelligt ins Großraumbüro und zurück darf. Yeah.

Der bekannte Spruch „Freiheit stirbt mit Sicherheit“ steht an den Pfeilern einer Elbbrücke hier in der Nähe. Das ganz reale Wechselspiel beider Seiten in den nächsten Monaten bis Jahren zu beobachten, dürfte interessant werden. Auf jeden Fall habe ich davor etwas Angst.

Klar, ich habe auch Angst, dass Freund*innen und Familienmitglieder von COVID19 betroffen sein werden, und auch ich selbst fürchte mich davor. Soweit ich weiß, habe ich keine Vorerkrankungen und ich bin erst 38, aber dennoch heißt das ja nicht, dass es nicht trotzdem unschön wird. Also, ich hätte schon gerne, dass der Kelch an mir und uns vorübergeht oder wir nur ein, zwei Tropfen daraus trinken müssen. Von daher kann ich Rufe nach mehr Sicherheit verstehen. Ich hatte sogar schon selbst den Gedanken: „Mensch, die Deutschen sind doch angeblich so obrigkeitshörig. Dann bleibt doch endlich mal zu Hause, wenn alle möglichen Medien, Politiker, Wissenschaftler usw. dazu aufrufen“. Aber wie lange kann das gutgehen? Wie lange muss so ein Zustand aufrecht erhalten werden? Wie gehen die Menschen damit um, wenn es zu lange ist und an der Psyche nagt?

Es ist ein deprimierendes Erlebnis, auf dem Feierabend-Heimweg durch eine fast leere, abgeschlossene Stadt zu gehen. Kein Café, kein Museum, kein Kino. Kein Zoo, keine Ämter, keine Kirchen. Alles unzugänglich. Das Leben besteht damit zurzeit aus Arbeit und zu Hause. Sehr ungewöhnlich. Sehr irritierend.

Lichtblick: Bessere Luft in China und Norditalien, bessere Wasserqualität in Venedig.

Und im Nordpark vor unserem Haus blühen dieses Jahr endlich wieder viele blaue Blumen.

(Titelbild: Pixabay / Alexas_Fotos)

2 Kommentare zu “Corona-Müdigkeit

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