Medienschau

Hanau verstehen: Zeit, taz und FAZ

Drei Artikel von drei Zeitungen, die versuchen, das Geschehen von Hanau gesellschaftlich und politisch einzuordnen und zu verstehen:

  • Bei ZEIT online bringt Georg Seeßlen in seinem Artikel „Das Making-of eines Rechtsterroristen“ mögliche psychische Störungen des konkreten Täters in Verbindung mit einer womöglich ebenso gestörten Gesellschaft und rechtsextremen politischen Einflüssen, die er metaphorisch als Droge bezeichnet. Das Vorgehen Seeßlens (Freud, Psychose, Drogenmetapher) finde ich ein bisschen zu schwammig und küchentischpsychologisch, aber Seeßlens „Hanauer Dreieck“ (wie er es selbst nennt) bringt die Problematik trotzdem gut auf den Punkt.
  • Bei der taz erinnert der Wiener Journalist und Autor Robert Misik in seinem Artikel „Mörder, die sich nur wehren“ daran, dass schon AfD-Politiker Björn Höcke einst von einer „wohltemperierten Grausamkeit“ schrieb, die angeblich nötig wäre, wenn die Rechten erst an der Macht wären, und dass selten die politischen Vordenker die konkreten Täter sind, aber sie das Klima schaffen, in denen sich Täter als Opfer sehen, die glauben, sie würden gegen ein Unrecht vorgehen.
  • In einem verwandten Zusammenhang bezeichnet FAZ-Herausgeber Berthold Kohler (der nicht gerade als links bekannt ist) die AfD-Reaktionen auf die Tat als „Gipfel des Zynismus“ und betont, dass niemand mehr verleugnen kann, dass bei der AfD „Aufwiegelung zum Geschäftsmodell“ geworden ist. Kohler schreibt: „Die AfD wird weiter behaupten, sie habe nichts mit Verrohung und Radikalisierung zu tun. Und Wähler können sich sagen, sie stimmten für die AfD nicht wegen Höcke, sondern wegen Merkel. Doch weder Täuschung noch Selbsttäuschung ändern etwas an den Folgen: Wer AfD wählt, stärkt radikalen, völkischen Wahn in den Parlamenten und auf den Straßen. Er sollte auch nicht überrascht sein, wenn leicht verführbare Menschen – nützliche Idioten in einem neuen Sinn – das exekutieren, was Volksverhetzer wie Höcke mehr oder minder deutlich vordenken.“

Und die „Gegenseite“? Ich lese keine dezidiert rechtsextremen Zeitungen, das tue ich mir nicht an, aber zumindest auf die Website der — in deutschen rechten Kreisen mittlerweile recht beliebten — Neue Zürcher Zeitung (NZZ) kann man ja mal gucken; politische Artikel in der NZZ reichen oft schon für einen Einblick in die sehr rechte Sicht auf die Welt. Und da wird auch schon meine — zugegeben negative — Erwartungshaltung erfüllt, denn die NZZ bringt einen Kommentar ihres Deutschland-Korrespondenten Hansjörg Müller, der Verbindungen der Hanau-Tat mit dem politischen Klima, zu dem die AfD beiträgt, nicht nachvollziehen kann. Müller schreibt: „Dass sich rechtsextreme Straftäter von der AfD ermutigt fühlen, ist möglich. Nur gibt es im konkreten Fall keinen Hinweis, der dafür spricht. Soweit bekannt, hat sich der Täter auf keinen Politiker berufen.“ Aha. So einfach ist das also. Dass in der Gesellschaft eine immer dichtere Atmosphäre von Hass und Gewalt entsteht und dass dies von einer Normalisierung von Ausgrenzung und Rassismus begleitet wird, die unter anderem von der AfD politisch vorangetrieben wird, spielt also keine Rolle? Insbesondere diesem Autoren seien die drei anderen Artikel sehr ans Herz gelegt.

 

4 Kommentare zu “Hanau verstehen: Zeit, taz und FAZ

  1. Da sage ich immer: “ Verbreitet Liebe und keinen Hass“
    Ich glaube es wird immer solche Taten geben, es ist nur in unserer Macht es so hinzukriegen so wenige wie möglich zu haben. LG Ida

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  2. Vielen Dank für den Blick über den Tellerrand hinaus. Es ist immer wieder wichtig nicht nur einer Quelle zu vertrauen 😉
    Denn die Frage die ich mir immer wieder stellle: Wem nutzt die Information ( und in genau in dieser Art)? 😉
    Da helfen oft die drei Siebe des Sokrates.

    Gefällt 1 Person

  3. Mehrer Ansichten und Berichte vergleichen und sich eine eigene Meinung bilden.
    Sehr wichtig
    Besten Dank

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  4. Hallo, solche Greueltaten kann man nicht verstehen, Hass ist grausam, wir müssen wieder mehr zueinanderfinden, um mehr Liebe zu geben. Die digitale Welt ist nicht alles, die Jugend muss wieder mehr ins reale Leben finden.
    LG Marie

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