Musik

Wie genießen wir Musik in der digitalen Welt? –Beobachtungen

Musik ist für mich ein absolutes Lebenselixier. Nur Musik schafft es, mich in negativen, melancholischen Phasen zu beruhigen oder positive Gedanken und eine gute Stimmung noch zu verstärken. Es gibt auch Phasen, in denen mich sogar Musik anstrengt – aber die sind glücklicherweise recht selten. Auch während ich diesen Blog-Beitrag verfasse, höre ich Musik – und zwar das immer herausragende Album von Bloc Party: „A weekend in the city“.

Ich höre Musik am liebsten zu Hause, weil meine 17 Jahre alte Musikanlage einfach einen tollen Sound hat. Obwohl ich ein großer Musikfan bin, höre ich Musik so gut wie nie unterwegs, weil ich Musik in Gegenwart anderer, mir unbekannter Menschen (so wie beim Lesen übrigens auch), nicht genießen kann. Außerdem nerven mich diese kleinen Ohrstöpsel und der Sound ist mir nicht gut genug.

Aber in meinem Auto (in dem sich übrigens noch ein Kassettendeck befindet) höre ich durchaus auch ab und zu Musik, denn darin sitze ich ja allein. Es ist manchmal sehr lustig, die Menschen außerhalb des Autos zu beobachten, wie sie die Straße überqueren oder an der Ampel oder Bushaltestelle stehen – ihre Bewegungen passen manchmal hervorragend zu der Musik, die man gerade hört, und dann fühlt man sich wie in einem Videoclip. Sicherlich kennen dieses Gefühl auch diejenigen, die mit Kopfhörern durch die Straßen laufen.

Meine Gäste zu Hause dürfen natürlich auch Musik hören 😉

Aber ansonsten sind das Musikhören und das Lesen für mich sehr intime Vorgänge. Ich möchte mich darauf völlig konzentrieren oder darin verlieren können. Ich glaube, die meisten Menschen empfinden das nicht so stark, aber bei mir ist das so.

Dadurch, dass ich eine eher konservative Musikhörerin bin, stellt mich das neue digitale Hören vor einige Probleme. Ich höre am liebsten zu Hause weiterhin CDs und diese werden leider immer teurer, und von unbekannteren Bands und Musiker*innen erscheinen sogar häufig gar keine CDs mehr. Allerdings gibt es auch den gegenläufigen Trend, dass die Vinylschallplatten und auch Kassetten wieder ein Comeback durch den allgemeinen Retrotrend bei Konsumgütern erleben – aber zu einem recht stolzen Preis. Meine Hoffnungen, dass das Streamen von Musik nur ein kurzlebiger Trend sein könnte, hat sich leider bisher nicht bestätigt, obwohl die CDs entgegen früherer Prognosen extrem lange haltbar sind. Meine ältesten CDs laufen immer noch in der gleichen Qualität wie am Anfang.

Bis jetzt konnte ich mich noch nicht entschließen, mich bei einem Streaming-Dienst anzumelden und eine monatliche Gebühr zu entrichten, weil für mich dadurch Musik bzw. das Musikhören insgesamt entwertet wird. Was nützt mir der Zugang zu Millionen von Musiktiteln, wenn ich doch nicht mehr als 24 Stunden am Tag zur Verfügung habe – die Argumentation, dass man für wenig Geld aus einer Vielzahl aus Musiktiteln auswählen kann, leuchtet mir immer noch nicht ein. Das ist natürlich meine subjektive Sicht – die meisten Leute sehen es ja scheinbar anders 😉

Man kann mittlerweile Musik, die man online hört, natürlich auch über gute Boxen hören – das ist mir bewusst. Aber der Charme des Musikgenusses geht für mich dadurch verloren. Mal sehen, wie lange meine Verweigerungshaltung noch anhält. Ich liebe weiterhin meine CDs, die ich anfassen kann, und die sich darin befindlichen Booklets mit Texten und Fotos sind für mich immer noch aufregend. Und die CDs sehe ich jeden Tag vor mir und kann aus meiner Sammlung die passende Musik heraussuchen und auch ältere Platten wieder hören. Das ist selbstverständlich auch über Streaming-Dienste möglich, aber man wird dadurch doch schneller verleitet, Songs oder Alben nicht zu Ende zu hören bzw. einzelne Titel zu überspringen.

Ich sehe jedoch auch die positiven Seiten. Es ist auf jeden Fall leichter möglich, sich via YouTube kostenfrei Konzerte aus vergangenen Jahrzehnten anzuschauen und sich zum Beispiel der Musik aus den 70er Jahren anzunähern, auch wenn man eigentlich mit der Musik der 80er und 90er aufgewachsen ist, ohne dass ich mir dafür ganz viele Platten kaufen muss. Und man kann mit Freund*innen neue musikalische Neuentdeckungen teilen. Das ist toll, und dadurch habe ich in den letzten Jahren sehr viel neue Musik kennengelernt. Das Zeitproblem bleibt aber trotzdem bestehen. Man hört dann eben aufgrund des ungeheuer großen Angebots oft doch nur in ein Konzert oder in ein Album rein – dann in das nächste, und dann wieder in das nächste – so dass man sich schließlich darin verliert und kaum noch weiß, was man alles gehört hat. Hat das noch etwas mit Musikgenuss zu tun? Aus meiner Sicht nicht mehr viel.

Damit die Musiker*innen weiterhin von ihrer Kunst leben können, geben sie wieder mehr Konzerte; das ist auch ein positiver Nebeneffekt. Denn dadurch merken wir Musikliebhaber*innen, wie besonders und unverwechselbar Live-Konzerte sind. Vor einer Woche war ich das erste Mal in der Elbphilharmonie und habe dort ein Konzert des bereits hier erwähnten Lubomyr Melnyk gehört, dem Meister der continous music. Die Elbphilharmonie ist ein toller Ort – man erlebt dort keine akustischen Wunder, aber man hört Musik so klar, dass einem bewusst wird, dass das Internet dagegen noch keine Chance hat. Ich würde mich sehr freuen, wenn die vielfältigen Varianten des Musikhörens noch lange erhalten blieben.

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