Tagebuch

Über Schreiborte

Über/Strom ist, wie öfter erwähnt, vor allem eine Buchreihe. Während sich Band 1 zum Thema zwischenmenschliche Kommunikation im Internet gerade in der Herstellung durch den Verlag befindet, habe ich nun mit Band 2 begonnen: Über die Frage, was wir eigentlich aus Spielen über das Leben lernen können, und zwar nicht in Hinblick auf irgendwelche — in letzter Instanz ökonomisch — verwertbaren Kompetenzen oder irgendwelches Faktenwissen, sondern bezogen auf so ‚weiche‘ Themen wie unsere Wahrnehmung, Kreativität, unser Verhältnis zur Umwelt, und auch unsere Erwartungen und Vorurteile.

Meine bisherigen Bücher und längeren Essays (wie etwa die sechsteilige Head Canon-Reihe oder das Buch über Virtual Reality, beide sind hier verlinkt) habe ich an den unterschiedlichsten Orten verfasst. In meinem persönlichen Blog hatte ich vor zwei Jahren auch schon mal etwas dazu gesagt. Das Folgende ist ein Update des damaligen Artikels.

Der eigene Schreibtisch

Ich finde es immer sehr schön, wenn in Feuilletons und Magazin-Beilagen zu großen Tageszeitungen die Schreibtische bekannter Schriftsteller, Wissenschaftler, Architekten, Künstler usw. gezeigt werden. Vorhin habe ich sowas mal wieder in einem (sehr lesens- und sehenswerten) Artikel im T Magazine über den japanischen Architekten Kengo Kuma gesehen. Sowas erhebt Anspruch auf Authentizität, wird aber eher eine Inszenierung sein. Mein Schreibtisch steht im Arbeitszimmer, das ich mir mit meiner Frau teile — in einer Ecke des Raumes steht ihrer, in der diagonal gegenüberliegenden Ecke meiner. Wenn ich aber jetzt darüber nachdenke, dann merke ich, dass dort nur Texte entstehen, die mit Flugsimulation zu tun haben: technische Handbücher, Workshops und Rezensionen für das FS MAGAZIN (das ist eine Fachzeitschrift für Flugsimulation), usw. Liegt sicherlich daran, dass dort auch der Computer steht, auf dem die Simulationen laufen und teilweise entwickelt werden.

Der Couchtisch

Viele Texte entstehen in unserem Wohnbereich, auf dem Sofa, an einem vollkommen unergonomischen Couchtisch, auf mehr oder weniger alten Laptops. Ein gebrauchtes ThinkPad ist da mein liebstes Schreibgerät. Meist liegen dann irgendwelche Stapel von Fachliteratur verstreut auf dem Fußboden und auf dem Sofa. Im Fernsehen laufen Columbo, Bares für Rares, u.ä., oder (wenn ich mich vor mir selbst als intellektuell inszenieren will/muss), im Radio der Deutschlandfunk Kultur. Was gar nicht funktioniert: bewusstes Musik hören von CDs oder MP3s. Erstens taktet sich dadurch die Zeit (da ich ja weiß, wie lang einzelne Lieder oder ganze Alben sind), wodurch das Versinken im Schreibprozess erschwert wird, und zweitens wende ich mich quasi automatisch dem aktiven Zuhören zu anstatt es nur Hintergrundberieselung ist.

Im „Retreat“ anderswo

Manchmal habe ich den Luxus, woanders zu sein, komplett losgelöst von der normalen Umgebung. Oft saß ich schon an einem Tresen in der, hm, Wohnküche meiner Über/Strom-Co-Herausgeberin und Autorin Uta und schaute dabei auf die leicht hügelige Landschaft südlich von Rostock. Die klare Inneneinrichtung dieses Raumes und der ländliche Eindruck draußen haben sich schon mehrfach als sehr hilfreich beim Exzerpieren, Denken und Schreiben erwiesen. Zentrale Kapitel meines Buchs zu virtueller Realität sind hier entstanden, und der eine oder andere Vortrag.

Ein ähnlich wirkungsvoller Rückzugsort ist das Ferienhaus „Haus Rehblick“ im Schwarzwald, das eigentlich zum FS MAGAZIN gehört, in dem ich aber ebenfalls kommunikations- und medientheoretische Sachen geschrieben habe.

Und ein letzter Ort sei wehmütig erwähnt: Vor, ich glaube, sechs oder sieben Jahren war ich auf einer Tagung im Zentrum für Interdisziplinäre Forschung in Bielefeld, wozu auch eigene Unterkünfte gehörten. Ich weiß nicht, ob das heute immer noch so ist, aber damals waren das kleine, fast monastisch anmutende „Zellen“ mit Bett und großem Schreibtisch. Entscheidende Teile meiner Dissertation sind dort an nur zwei Tagen entstanden (was ganz passend war, wegen Bielefeld — Luhmann — usw.)

In Bahn und Café

Mit dem Zug unterwegs zu sein oder im Café zu sitzen, ist jeweils ein zweischneidiges Schwert. Entweder befördert es den Schreibvorgang mit jedem gefahrenen Kilometer oder jeder getrunkenen Tasse (in der früheren Version dieses Artikels noch koffeinfreien, aber darüber bin ich hinweg… ) Kaffees — oder es lullt mich ein in eine zuerst nachdenkliche, später gedankenlose Passivität. Beides kann hilfreich sein. Im ersten Fall entstehen meist ganz brauchbare Entwürfe für die eigentlichen Texte. Im zweiten Fall wird der Kopf frei und Ideen können sich unbewusst weiterentwickeln (oder ich bilde mir das ein).

Im Co-Working-Space

Bis auf den „Retreat“ haben alle bis hierher genannten Orte den Nachteil, dass sie entweder sehr viel Ablenkung bieten oder gar nicht immer verfügbar sind. Darum ist seit diesem Jahr ein weiterer Schreibort dazu gekommen: Ein Co-Working-Space im Magdeburger Stadtteil Stadtfeld, in einem schönen Altbau gelegen, mit hellen Räumen und hohen Decken. Dort habe ich jetzt tageweise einen Schreibtisch gemietet. Die Büros gehören zu einer Eventagentur und bieten zumindest derzeit noch viel Ruhe und Platz — und mir einen Grund, auch mal diesen generell sehr hübschen Teil Magdeburgs aufzusuchen, der mir sonst wegen einer gefühlt unendlichen Tunnelbaustelle sonst wie abgeschnitten vorkommt von meinem normalen Umfeld.

So sitze ich also gerade an diesem herrlich großen und fast leeren Schreibtisch, vor mir ein großes Fenster mit schönem Rundbogen, aus dem ich auf die Dächer Stadtfelds blicken kann. Bis auf ein paar Bilder und einige, hm, zugegeben etwas klischeehafte Motivationssprüche an den Wänden gibt es hier nichts, das vom Arbeiten ablenkt. Und wenn einem doch mal der Sinn nach anderen Menschen geht, finden sich immer mal wieder andere fleißige Leute hier. Insgesamt eine Atmosphäre, die mich an frühere Uni-Zeiten erinnert und mir gerade deshalb gerade sehr gefällt.

Das Manuskript für das eingangs erwähnte Buch muss ich Ende März abgeben. Bis dahin werde ich noch viel zwischen einigen der genannten Schreiborte hin und her wechseln. Ich bin mal gespannt, wer dieses Frühjahr mein Favorit wird.

1 Kommentar zu “Über Schreiborte

  1. Uta Buttkewitz

    Sehr schöner Text, in dem ich mich gut wieder finden kann 😉 Nur eine kleine Differenz habe ich gefunden: Gute Musik zu hören fördert mein Denken und Schreiben ungeheim. Ohne meine jeweilige Lieblingsmusik wäre ich auf etliche gute Gedanken nie gekommen. Manchmal kann mich gerade Musik so positiv beeinflussen, dass ich zumindest für eine kurze Zeit sehr euphorisch begeistert über meine eigenen Gedanken bin ;-)))

    Gefällt 1 Person

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