Medienschau

scobel: „Die Weltrevolution“ und die „Theorie U“

Eher zufällig blieb ich gestern Abend auf 3sat bei „scobel“ hängen. Dort ging es um Komplexität. Genauer gesagt darum, dass die drängenden Probleme auf der Welt nicht jedes für sich gelöst werden können, sondern nur im Zusammenhang, dass aber dies aus verschiedensten Gründen sehr schwierig ist. Die Sendung ist insgesamt recht sehenswert und ich verlinke hier mal den Beitrag in der 3sat-Mediathek.

Einer der Gäste der Sendung war Otto Scharmer, der mit der „Theorie U“ ein Management-Konzept entwickelt hat, das dem Organisationswandel dienen soll. Ich kannte das bis gestern nicht, aber ich hatte in dem erklärenden Beitrag in der Sendung das Gefühl, dass mir da was verkauft werden soll.

Bei der sogleich angestoßenen Google-Suche nach Kritik zu dem Modell stieß ich auf einen Text des Soziologen Stefan Kühl, der Scharmers „Theorie U“ als nur eine neue Management-Mode wie andere zuvor einstuft. Außerdem hebst Kühl die esoterisch-spirituellen Hintergründe der „Theorie U“ (u.a. Antroposophismus) hervor.

Kühls Text findet sich als PDF hier.

Eine weitere Kritik, diesmal von Svenja Hofert, ist ebenfalls interessant. Die Autorin bezieht sich teils auf Kühl, geht aber noch mehr auf die generellen Gefahren ein, wenn man Management-Theorien nicht nur als Anregung nimmt, sondern als absolute, allein selig machende Lösung zu sehen beginnt.

Aus der Kommunikationsforschung kenne ich Ähnliches, wenn man etwa im Studium das 4-Ohren-Modell Schulz von Thuns lernt und glaubt, damit Kommunikation verstanden zu haben, oder wenn sich Luhmanns Systemtheorie selbst gegen Kritik immun macht.

Dabei sind solche Modelle und „Theorien“ (wissenschaftstheoretisch ein Begriff, der streng genommen gar nicht immer passt) alles nur Anregungen, Perspektiven, die je nach Kontext mehr oder weniger brauchbar sein können. Sowas wird wohl auch für Scharmers „Theorie U“ gelten. Da ist bestimmt viel Nützliches dabei, aber in der „scobel“-Sendung wurde sie mir zu sehr als wohl der zukunftsfähige Vorschlag präsentiert, wogegen die beiden anderen Gäste, Stefan Brunnhuber und Patrizia Nanz, eher blass wirkten — obwohl gerade Nanz‘ Betonung der Schwierigkeiten, Komplexität zu bearbeiten, ehrlicher ist als mal eben ein Modell als Lösung hervorzukramen.

Da ich Scharmers Arbeit nicht kenne, kann ich das alles noch nicht einordnen, aber wenn mir etwas als Allheilmittel angepriesen wird, werde ich sofort skeptisch. Scheinbar bin ich nicht der einzige.

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