Musik

Toss a Coin to Your Witcher: Fantasy-Popsong und Freelancer-Hymne

Fantasyfilme und -serien, die etwas auf sich halten, brauchen offenbar eingängige Lieder, die idealerweise in ihre Handlung eingebaut sind. Für Produzent*innen kann so etwas nur gut sein, denn das generiert zusätzliche Aufmerksamkeit und hält das jeweilige Produkt länger im Gedächtnis. Man kann sich heute fast sicher sein, dass nur Stunden nach Veröffentlichung die ersten Coverversionen auf YouTube auftauchen. Oft sind es aufstrebende Musiker*innen, die ihre Karriere auf YouTube aufbauen und durch Cover hohe Aufrufzahlen ihrer Videos und idealerweise den einen oder anderen mp3-Verkauf erzeugen können. Natürlich finden sich auch einfach Fans der Filme/Serien, die Spaß am Singen der Lieder haben.

In Peter Jacksons Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs (2003) wurde eine traurige Szene mit einigen gesungenen Versen aus Tolkiens Gedicht „A Walking Song“ untermalt, gesungen von Pippin-Darsteller Billy Boyd. Derselbe Schauspieler sang auch den Popsong The Last Goodbye im Abspann von Jacksons Der Hobbit: Die Schlacht der Fünf Heere (2014). Für seine Herr der Ringe-Abspänne hatte Jackson zuvor schon Enya („May it Be“), Emilíana Torrini („Gollum’s Song“) und Annie Lennox („Into the West“) verpflichtet; für den Hobbit Neil Finn („Song of the Lonely Mountain“) und Ed Sheeran („I see Fire“).

Einige Jahre später trat derselbe Ed Sheeran mit einem kurzen Stück in der Serie Game of Thrones auf. Er spielte einen Soldaten, der seinen Kameraden am Lagerfeuer ein paar Verse vorsang. Dann kam Arya Stark (Maisie Williams), eine der Hauptrollen der Serie, dazu, man unterhielt sich über einige Alltagssorgen (den Vater, der allein auf seinem Boot ist; die Frau, die gerade ein Kind geboren hat). Sheerans Auftritt wurde angeblich eingebaut, weil die Produzenten der Serie Maisie Williams eine Freude machen wollten, die Szene wurde allerdings stark kritisiert („schmerzhaft unsubtil“). Als der Sänger kurz nach Veröffentlichung der Episode seinen Twitter-Account deaktivierte, wurde spekuliert, dass er dies wegen der Kritik getan hätte (was Sheeran jedoch leugnete).

Offenbar in Anlehnung an die Game of Thrones-Kritik scherzte der polnische Fantasy-Autor Andrzej Sapkowski schon 2018, dass er einen Auftritt Sheerans in der Netflix-Umsetzung von Sapkowskis Witcher-Reihe nicht zulassen würde. Dennoch wartet Netflix‘ Serie mit einer ganzen Reihe eingängiger Songs auf. Den größten Ohrwurm-Charakter hat das von Sonya Belousova und Giona Ostinelli geschriebene und von Schauspieler Joey Batey gesungene „Toss a Coin to Your Witcher“ (Original-Version auf Soundcloud) — im Wesentlichen eine Aufforderung an die Menschen, den Hexer Geralt, der sich für sie um unliebsame Monster und andere Widrigkeiten kümmert, anständig zu bezahlen.

In der Serie spielt Batey den Barden Rittersporn, der Geralt zeitweise auf seinen Reisen begleitet und dieses Lied quasi im Sinne einer PR-Kampagne einsetzt, um das schlechte Image des Hexers aufzubessern. An ihr eigenes Freiberufler-Dasein erinnert, bezeichnen manche Autor*innen den Witcher daher schon als „Helden der Gig-Ökonomie“ (so Melanie McFarland in einem Artikel bei salon und Scott Meslow in einem Kommentar bei Vulture).

Zumindest im Internet unserer Welt haben Rittersporn bzw. die Produzent*innen zumindest großen Erfolg. Musik trägt in der Serie generell dazu bei, sie über Durchschnitt hinauszuheben, aber insbesondere „Toss a Coin to Your Witcher“ sorgt dafür, dass The Witcher auch nach Ende der ersten Staffel (sie hatte nur 8 Folgen und sie waren alle gleichzeitig verfügbar) noch länger präsent bleibt. Die Anzahl der Versionen ist mittlerweile immens. Zum einen hat Netflix selbst dafür gesorgt, indem Lied und Szene in mehreren Sprachen produziert wurden (im Deutschen heißt es etwa „Reichet Gold eurem Hexer“). Zum anderen wurde der Song von YouTubern in diversen Coverversionen von Klassik bis Metal nachgespielt.

Und so findet sich eine Version eines Chors aus der russischen Stadt Omsk:

… gleich neben einer Hip-Hop-Variante:

… und einer Synthie-Pop-Version::

Der freiberufliche Monsterjäger — dem vom freiberuflichen Barden ein PR-Song erdichtet wird — den manche fantasyaffinen Freiberufler*innen in unserer Welt als inoffizielle Hymne bezeichnen — und die von YouTuber*innen weltweit gecovert wird — wodurch das Produkt The Witcher, nebst der Romanvorlage und den drei schon lange erhältlichen Computerspielen (2007-2015) kommerziell so erfolgreich ist wie lange nicht mehr — da gewinnen doch alle — oder?

Wäre ich Kulturkritiker, würde ich jetzt damit beginnen, die Songtexte der bis hierher benannten so erfolgreichen Lieder auseinanderzunehmen. Auf ihre doch teils „harte“, „männliche“ Sicht der Welt hinzuweisen, etwa im „Lonely Mountain“-Song aus dem Hobbit, der betont: „Some folk we never forgive“, oder im „Song of the White Wolf“ aus dem Witcher, der die grundsätzliche Einsamkeit des männlichen Helden hervorhebt, eine Einsamkeit, die erst durch Frau (Yennefer) und Ziehtochter (Ciri) gedämpft wird. Auch das Problem, dass manch eineR im Internet die absurde Sicht hat, dass die Serie The Witcher viel zu divers besetzt sei und zu viele starke Frauenrollen besitze (eine Kritik, die vor ein paar Jahren auch schon Star Trek: Discovery vorgeworfen wurde, weil sie eine starke weibliche, nicht-weiße Hauptfigur besitzt), müsste eigentlich ausführlich diskutiert werden.

Beim Witcher wird die Hauptrolle Geralt fast uninteressant dargestellt. Er ist halt der Held, der Monster erlegt. Er ist allein, will allein sein, wird aber zunehmend dazu gedrängt, sich um andere Menschen zu kümmern, und eigentlich sieht man ihm trotz aller ‚Coolness‘ auch an, dass er Mitleid mit den Menschen hat. Eben „ein Freund aller Menschen“, wie Rittersporn es besingt. Trotz dieser Entwicklung viel interessanter ist die Geschichte der Magierin (und späteren Witcher-Freundin) Yennefer, deren Herkunft aus armen und unterdrückten Verhältnissen zwar in einer starken Episode gezeigt wird, deren Entwicklungsprozess aber viel mehr Zeit verdient hätte.

Eine Diskussion dieser Themen würde mehr Zeit benötigen, als ich sie gerade habe. Abschließend daher nur ein Lesetipp: Bekannt wurde der Hexer Geralt von Riva ja vor allem durch die Computerspiele, nicht durch die Bücher, die lange vorher erschienen. Vor drei Jahren hat Carolyn Petit bei Feminist Frequency den Text „Contained in Our Moments“ veröffentlicht. Darin beschreibt die Autorin ihre Begeisterung für das Spiel Witcher 3, analysiert aber gleichzeitig die Probleme, die es aus feministischer Sicht hat. Obwohl sich die Autorin auf das Spiel bezieht, ist vieles davon auch für die Serie brauchbar.

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