Bücher

Dirk Baecker über Spiele

Manchmal sind die — an sich lesenswerten, weil für Nicht-Systemtheoretiker oft ungewohnte Perspektiven einbringenden — Texte des Soziologen und Kulturwissenschaftlers Dirk Baecker etwas ärgerlich. Das liegt nicht unbedingt an den einzelnen Texten selbst, sondern an der Erwartung, die man an einen neuen Text Baeckers mittlerweile stellen möchte, wenn man denn schon einiges von ihm gelesen hat. Stets bilden Baeckers Rezeption der Luhmann’schen Systemtheorie und der Spencer-Brown’schen Laws of Form den Rahmen, vor dem sich Baeckers Beschäftigung mit gesellschaftlichen und kulturellen Fragestellungen abspielt.

Dagegen ist auch nichts zu sagen, man kann mit Baeckers Perspektive gut arbeiten, wenn man Luhmanns Systemtheorie für eine grundsätzlich geeignete Grundlage hält, unsere zunehmend diverse Gesellschaft zu beobachten. Ärgerlich finde ich es, wenn ich beim Lesen an Stellen gerate, an denen Baecker selbst darauf hinweist, dass nun eigentlich empirische Belege nötig wären, dass er die aber nicht bringen kann. Aktuell habe ich dieses Empfinden bei Baeckers kleiner Textesammlung „Intelligenz, künstlich und komplex“ (Merve Verlag, 2019), insbesondere bei einem Aufsatz zum Thema „Games und Gamification“ (S. 68-80).

In dem Aufsatz erkennt Baecker Spiele-Entwickler*innen, Manager-/Berater*innen und Künstler*innen als die drei relevanten Beobachter-Instanzen der Spielebranche. Ihre Aktivitäten sind als eine bestimmte Form von Wette beschreibbar: „Jede konkrete App“, so Baecker, „ist sowohl eine Wette […] als auch ein Wetteinsatz, der gewonnen und verloren werden kann“ (S. 78f.) Gewettet wird auf „kognitive Hegemonie“ (ebd.), also um Aufmerksamkeit und Vorherrschaft der App bei den Nutzer*innen, wo Gehirn, Bewusstsein, Kommunikation und App „Versuch[e] sind, den eigenen Modus als ‚Wirt‘ unter Kontrolle zu halten und als ‚Gast‘ hinreichend souverän zu machen“ (ebd., 79). Gelingt dies, kann das Spiel weitergehen, aber kann keine Kontrolle aufrechterhalten werden, dann komme es, so Baecker, zu Phänomenen wie Sucht, Erschöpfung, Isolation und Langeweile (ebd., 80).

Baecker gelingt es hier, mit knappen systemtheoretischen Konzepten ein ganzes Problemfeld plausibel zu umreißen, doch das ist bereits das Ende des Textes. Da, wo es es spannend wird, hört es auf. Baecker schreibt: „An dieser Stelle der Argumentation müsste die Beobachtung konkreter Games und konkreter Verfahren der Gamification eingebaut werden.“ (S. 78). Ja, genau!, möchte man ihm zurufen. Jetzt wurde alles so schön systemtheoretisch eingeleitet, anschlussfähig an alles, was Sie und Luhmann und die großen Vorbilder von Foerster und Maturana, erarbeitet haben, und nun kommen Sie bitte zum Hauptteil, bringen Sie Beispiele, diskutieren Sie Kommunikationsverläufe, zeigen Sie konkrete Apps. Doch ach: „Das kann ich hier nicht leisten.“ (ebd.) Wie schade. Denn in Baeckers Beobachtung liegt ein großes Potenzial. Wann Spieler*innen als Spieler*innen zu beobachten sind, und wann in einem anderen Modus, habe ich ansatzweise in meiner Dissertation empirisch untersucht, indem ich konkrete Nutzungssituationen ausgewertet habe. Man kann mit Systemtheorie und Laws of Form empirisch arbeiten und die vielversprechenden Thesen unterfüttern.

Meine Enttäuschung über den Spiele-Aufsatz ähnelt einer anderen Enttäuschung, die ich das erste Mal vor gut zehn Jahren hatte, als ich Baeckers „Form und Formen der Kommunikation“ (Suhrkamp, 2007) las. Das ist noch heute ein wichtiger Grundlagenband, wenn man sich aus kommunikationssoziologischer Sicht mit Kommunikation befasst, denn Baecker geht darin auf kommunikative Prozesse zahlreicher Teilsysteme der Gesellschaft ein und macht seine systemtheoretische Sichtweise anschlussfähig an andere wissenschaftliche Perspektiven.

Als ich „Form und Formen der Kommunikation“ damals las, war ich gerade mit meiner Dissertation beschäftigt. Zeitweise haben wir, d.h meine damaligen Mit-Promovend*innen und ich, dieses Buch ständig mit uns herumgetragen, denn sein Aufbau hatte etwas Tröstliches: Auf jedes kommunikationswissenschaftlich relevante Problem fand man darin eine Anregung, eine Reflexion oder eben eine form, mit der man weiterdenken konnte, auch wenn uns oft nicht ganz klar war, ob wir das jetzt richtig verstanden hatten — was auch daran liegt, dass Baecker sich eben für die Laws of Form als Darstellungsmittel entschieden hatte, was ästhetisch ansprechend und intuitiv ’schon irgendwo sinnvoll‘ war, aber eigentlich erstmal das Studium Luhmanns und Spencer-Browns verlangte, um zu verstehen, was Baecker da eigentlich machte. (Und das Studium kritischer Texte, die verschiedentlich darauf hinwiesen, dass die Laws of Form eigentlich für Mathematik gedacht waren, und dass Luhmann et al. sie doch eher metaphorisch verwenden würden oder vielleicht komplett missverstanden hätten …)

Der ärgerliche Moment in „Form und Formen der Kommunikation“ kam jedenfalls in dem Kapitel, wo Baecker kurz in die Laws of Form einführte. Spencer-Brown nennt zwei zentrale Gesetze: Das law of calling und das law of crossing. Baecker erklärt sie, damit man den Rest seines Buches verstehen kann. Das Calling (Nennen) tritt als Konfirmierung (Wiederholung) und Kondensierung auf. Das Crossing (Kreuzen) gibt es als Aufhebung und Kompensation. Wenn man etwas nennt, wiederholt, aufhebt oder kompensiert, trifft man eine Unterscheidung (man unterscheidet ein Element vor einem anderen; die Elemente kann man als A, B usw. bezeichnen). Bei der Konfirmierung wird ein vorher eingeführtes Element A nochmal wiederholt, ohne dass etwas Neues dazu kommt. Bei der Kondensierung fallen zwei Elemente A und B auf etwas Neues zusammen (das ist sozusagen der ‚Sinn‘, der sich für mich hinter der Beschäftigung mit einem A und B ‚verbirgt‘). Bei der Aufhebung wird ein vorher eingeführtes Element A zurückgewiesen. Eine Kompensation ermöglicht das Treffen neuer Unterscheidungen. (Soweit in etwa meine Sicht auf diese Gesetze, wie ich sie seit meiner Dissertation bei der Analyse von Transkripten menschlicher Kommunikation verwende.)

Zu Konfirmierung, Kondensierung und Aufhebung nun brachte Baecker kurze, aber anschauliche Beispiele aus dem Alltag (nämlich zur Kommunikation von Freunden über Konzert- und Kinobesuche, S. 101-103). Mit diesen Beispielen hatte ich damals das Gefühl, halbwegs zu verstehen, warum diese seltsamen Laws of Form nützlich für die Kommunikationsforschung sein könnten. Aber was war mit der Kompensation? Die sah Baecker etwa in der Kompensation von Leere gegeben (S. 103). Okay? Und was heißt das? Um dies zu beobachten, würde man „Anlässe und Anhaltspunkte brauchen“ (ebd.) — Aha. — „Aber wer suchet, der findet.“ (ebd.) — Oh je. — „Man denke nur an die Romane Gustave Flauberts […], in denen eine Gesellschaft vorgeführt wird, die nichts anderes bewegt, als die Kompensation der eigenen Leere.“ (ebd.) — Hmmm. — Diesen Verweis auf fiktionale Literatur empfand ich damals als sehr frustrierend, da ich mich mit ‚echter‘ Kommunikation in ‚realen‘ Situationen beschäftigen wollte und nicht mit literarischen Beobachtungsformen.

Ich hatte damals den Eindruck, als rutsche der Text auf einer schillernden Ölspur aus und der Autor sei vielleicht selbst froh, dass er die kritische Stelle hinter sich gelassen hatte. Mittlerweile vermute ich, dass diese Schwammigkeit einfach mit der metaphernhaften Verwendung der Laws of Form selbst zu tun hat. Die waren, wie erwähnt, eigentlich zum Rechnen in einem engeren mathematischen Sinne gedacht. Leute wie von Foerster, Luhmann und Baecker nutzen sie hingegen als Darstellungsmittel, weil man damit systemtheoretische Konzepte wie Autopoiesis, Selbstreferenzialität und System-Umwelt-Verhältnisse anschaulich aufschreiben kann. (Was ich, anders als manche Mathematiker- und Philosoph*innen, nicht schlimm finde.)

Als ich heute nun den Spiele-Aufsatz las, kamen mir jedenfalls die damaligen Eindrücke wieder in den Sinn. Da, wo es im Text noch anschaulicher werden müsste, um den empirischen Wert von Baeckers Ansätzen zu zeigen, da hört es auf. Schade. Allerdings muss man Baecker zugute halten, dass es sich bei dem Text um eine Verschriftlichung eines Vortrags beim Spiele-Festival „Next Level“ (2018, Düsseldorf) handelt. Das war vielleicht nicht der Ort, um in die Details der empirischen Forschung zu gehen. Aber gerade zum Thema von Spielen und Gamification würde ich mir doch ein Buch wünschen, zu dem der kurze Aufsatz dann die Einleitung sein könnte.

Die Aufsatzsammlung „Intelligenz, künstlich und komplex“ von Dirk Baecker (135 S.) ist im Herbst 2019 im Merve Verlag erschienen.

1 Kommentar zu “Dirk Baecker über Spiele

  1. Pingback: Laws of Form als Formular – Lesetipp: „Formular komplexer Form“ (Dirk Baecker) – Über/Strom

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: