Bücher

Traurigkeit im digitalen Zeitalter – Geert Lovink: Digitaler Nihilismus. Thesen zur dunklen Seite der Plattformen

Der niederländische Medientheoretiker und Netzkritiker Geert Lovink hat mit dem sechsten Band seiner Internetchroniken, „Digitaler Nihilismus“, ein Buch vorgelegt, das die Traurigkeit, die die Kommunikation durch soziale Medien auslöst, in den Mittelpunkt stellt. Lovink, Professor für Medientheorie an der European Graduate School, gehört zu den wenigen zeitgenössischen Geisteswissenschaftlern, die versuchen, das Forschungsfeld „Digitalisierung“ nicht den Ökonomen und Ingenieuren zu überlassen.

Lovink umkreist in seinem Text immer wieder das Motiv der Traurigkeit und der Melancholie, die durch das Internet erzeugt werden. Es ist gar nicht so einfach für mich, einen Kommentar zu seinem neuen Buch zu schreiben, weil ich mit den meisten seiner Thesen übereinstimme.  Auch für ihn gilt die „Entzauberung des Internets“ als beschlossene Sache: „Die fantastische Aura, die unsere geliebten Apps, Blogs und Sozialen Medien einst umgab, ist verblasst. Swipen, Sharen und Liken fühlen sich an wie seelenlose Routinen, leere Gesten.“

Geert Lovink nutzt auch den Begriff „Simulakrum“, der von Jean Baudrillard geprägt wurde, um zu verdeutlichen, dass unsere Welt keine Illusion ist, sondern die primäre Wirklichkeit zum „Simulakrum“ wurde. Während das Internet in seinen Anfängen die Möglichkeit bot, die reale Welt für einen Moment zu vergessen bzw. ihr zu entfliehen, sehnen wir uns nun immer häufiger nach der realen Welt zurück, um nach dem erschöpfenden „sozialen Netzwerken“ im Online-Status wieder Energie zu tanken. Lovink beschreibt, wie schwierig es ist, digital enthaltsam zu leben: „Die Tatsache, dass es weder einen Ausgang noch eine Fluchtmöglichkeit gibt, führt zu Angstzuständen, Burnout und Depressionen.“ Immer wieder schauen wir auf das Display unseres Smartphones – gedankenverloren, gelangweilt, um die Zeit totzuschlagen oder einfach als automatisierter Reflex. Und wenn wir das Smartphone ausgeschaltet haben, fühlen wir uns genauso trostlos wie vorher – enttäuscht von der Bedeutungsleere der Informationen und Textnachrichten.

Den sozialen Medien mangelt es laut Lovink an Geheimnissen und Überraschungen: „Es ist ihre kleingeistige, schäbige und hinterhältige Mentalität, die attackiert werden muss.“  Er fragt sich, warum wir uns freiwillig dem zeitlichen Rhythmus der Algorithmen unterwerfen, um in bestimmten Abständen „Neuigkeiten“ zu posten und auf der anderen Seite auch regelmäßig unser Smartphone auf neue Benachrichtigungen zu prüfen.

Wie oft kommt es vor, dass wir wirklich von einer Nachricht positiv überrascht und begeistert sind? Die „technologische Traurigkeit“, wie Lovink es nennt, entsteht dadurch, dass wir ständig von Systemen umgeben sind, die die „Zeitlosigkeit der Melancholie unterbrechen“ und selbst als vereinzelte, zerstreute und einsame Subjekte sind wir immer „(online) von anderen umgeben, die weiterplappern und nach unserer Aufmerksamkeit verlangen“. Die natürliche und „naive“ Kommunikation gebe es nicht mehr. Im Gegensatz zu Thomas E. Schmidt sieht Geert Lovink momentan kaum positive Seiten und Entwicklungen der sozialen Medien, sondern plädiert für einen nihilistischen Umgang mit ihnen. Dazu passend hat die legendäre Band Tocotronic in ihrem Lied „Sag alles ab“ aus dem Jahr 2007 die folgenden Zeilen formuliert:

Sag alles ab

Geh einfach weg

Halt die Maschine an

Frag nicht nach dem Zweck

0 Kommentare zu “Traurigkeit im digitalen Zeitalter – Geert Lovink: Digitaler Nihilismus. Thesen zur dunklen Seite der Plattformen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: