Musik

Lubomyr Melnyk: Continuous Music und die digitale Unendlichkeit

Kürzlich besuchte ich auf dem Hamburger Reeperbahnfestival ein Konzert des herausragenden ukrainisch-kanadischen Pianisten Lubomyr Melnyk, das in der St. Pauli Kirche stattfand. Schon die erste Begegnung mit dem 70jährigen Künstler war fast surreal. Vor Beginn des Konzerts verkaufte er selbst seine Schallplatten und CDs, deren Cover er teilweise selbst gestaltet hat, wie er stolz berichtete. Man konnte mit ihm völlig unkompliziert und nahbar ins Gespräch kommen und merkte ihm an, dass er erst im fortgeschrittenen Alter Ruhm und Anerkennung erlangte – so gelassen und unaufgeregt wirkte er.

Im jugendlichen Alter von 64 Jahren erhielt er seinen ersten Plattenvertrag. Solange blieb sein Talent zumindest einem breiteren Publikum verborgen. Er gilt als der Erfinder der so genannten continuous music und nachweislich als der schnellste Pianist der Welt, da er 19,5 Noten pro Sekunde spielen kann und gehört der so genannten Neo-Klassik-Ambient-Szene an, wozu auch so bekannte Namen wie Philip Glas und die jungen Musiker Nils Frahm und Ólafur Arnalds zählen.

Melnyks Musik ist wunderschön, sanft, beruhigend und zeitlos. Sie fließt und strömt immer weiter und weiter. In seinen Werken gibt es jeweils ein melodisches Leitmotiv, das er immer wieder verändert. Was sein Spiel von anderen Pianisten und Komponisten unterscheidet, ist das Phänomen, dass er seine Musik wie in einem schnellen Strom unglaublich beschleunigen kann, so dass sie sich manchmal gewaltig aufbäumt, um dann wieder ganz zart in sich zusammen zu fallen.

Unwillkürlich weckt Melnyks Musik eine Assoziation zur digitalen Welt, in der man auch unendlich und immer weiter versinken und sich verlieren kann – es ist einfach kein Ende in Sicht. Durch die Schnelligkeit seines Spiels überlagern sich die einzelnen Töne und fließen ineinander, so dass Klangflächen erzeugt werden, wie es sonst nur mehrere Instrumente gleichzeitig zu erzeugen vermögen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass Künstler wie Frahm, Arnalds und Melnyk gerade in diesen Zeiten enorm an Popularität gewinnen. Ihre Musik entspricht insofern dem gegenwärtigen digitalen Zeitgeist, als dass sie einerseits mit ihrem Minimalismus und ihrer kontemplativen Ruhe einen Gegenentwurf zur beschleunigten und chaotischen digitalen Welt wagen und auf der anderen Seite ihr wiederum aber genau entsprechen, indem ihre Musik die sich unaufhörlich beschleunigende Welt widerspiegelt.

Interessanterweise kam Lubomyr Melnyk dann bei seinen Kommentaren zwischen den einzelnen Stücken, die er auf dem Konzert spielte, auch auf das Digitale zu sprechen und kritisierte die digitale Aufnahmetechnik dahingehend, dass sie kaum in der Lage sei, sein schnelles Spiel adäquat wiederzugeben. Zumindest Lubomyr Melnyk geht also als Sieger aus dem Wettstreit mit der Maschine hervor. Eine beruhigende Erkenntnis am Ende dieses besonderen Abends in anderen Sphären…

Anspieltipp:

Windmills: https://www.youtube.com/watch?v=2LychIfAtRM

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