Medienschau

7 aus dem Strom: 09/2019

Seit dem letzten (heraus)sieben von sieben relevanten Neuigkeiten aus dem ständigen Medienstrom ist schon wieder ein Monat vergangen. Ist auch gar nicht so einfach, schnell auf dem Laufenden zu bleiben, wenn das nur noch zu Hause am PC oder Laptop geht und nicht mehr unterwegs mit einem Smartphone. Aber nun ist es mal wieder Zeit dafür, ein paar interessante Berichte zu teilen.

Ende September ging durch die Medien, dass im Rahmen eines Google-Projekts das erste Mal die Quantenüberlegenheit belegt wäre, das heißt, die Überlegenheit von Quantencomputern gegenüber herkömmlichen Rechnern (beispielsweise berichteten die Süddeutsche Zeitung und Deutschlandfunk Kultur). Quantencomputer sind ein spannendes Thema — einerseits, weil sie sehr große Rechenleistungen versprechen, mit denen bis dato unberechenbare Probleme handhabbar werden; andererseits, weil der Grund für diese Leistungen faszinierend ist.

Mal zusammengefasst und teil-zitiert nach Kapitel 8 meines Buches „Die Unschuld der Maschinen„: In einem Quantencomputer werden Daten mit Hilfe von Quantenobjekten (z.B. Photonen) als sogenannte Qubits (Quanten-Bits) dargestellt. Wie bei gewöhnlichen Computern gibt es die Zustände 0 und 1 – daneben aber einen Zustand, der als Überlagerung bezeichnet wird. In der Überlagerung können mehrere Zustände gleichzeitig vorliegen, also 0 und 1 gleichzeitig. Die Teilchen können außerdem miteinander verschränkt sein. Miteinander verschränkte Teilchen lassen sich im Labor erzeugen und dann trennen – trotz der Trennung verändern sich die Eigenschaften beider Teilchen, wenn man nur eines davon manipuliert, und das sogar, wenn nach der Trennung viele Kilometer zwischen den Teilchen liegen.

Dank der Überlagerung können sehr hohe Datenmengen gespeichert werden; dank Überlagerung und Verschränkung sind sehr hohe Rechengeschwindigkeiten möglich. Das Problem dabei: Quantenzustände sind sehr instabil, sie neigen dazu, schnell zu zerfallen (Dekohärenz) und geeignete Fehlerkorrektur-Verfahren lassen die Menge benötiger Quantenbits stark steigen. Quantencomputer müssen bis nah an den absoluten Nullpunkt gekühlt werden, damit die Quantenzustände so lange wie möglich kohärent bleiben.

Darum ist das Ziel der Quantenüberlegenheit so bedeutsam — damit wird nämlich nicht nur gezeigt, dass Quantencomputer funktionieren (das ist schon lange bekannt), sondern auch, dass sie echte Vorteile gegenüber gewöhnlichen Computern haben, was letztlich eine aus praktischer Sicht nötige Rechtfertigung für den ganzen Aufwand darstellt. Ganz erreicht ist das Ziel mit Googles Projekt wohl noch nicht; eine gute Analyse findet sich bei golem.de sowie (tiefgründiger) hier.


Wenn Quantencomputer einmal Alltag werden, könnte es einige Probleme hinsichtlich der Datensicherheit geben — heute genutzte Verfahren etwa zur Verschlüsselung ließen sich mit Quantencomputern ziemlich leicht aushebeln. Passend dazu brachte das Quanta Magazine ein lesenswertes Interview mit der Physikerin und Informatikerin Stephanie Wehner, die an der Universität Delft (Niederlande) an einem „Quanten-Internet“ arbeitet, für das die schon erwähnte Verschränkung von Quanten genutzt werden soll. Dies soll nicht das bisherige Internet ersetzen, aber um für das Quantenzeitalter geeignete Sicherheitsmaßnahmen ergänzen sowie neue Formen verteilten Rechnens erlauben.


Ebenfalls im Quanta Magazine erschien ein Artikel über die Filterung von Informationen durch das Gehirn. Der Text beschreibt die Arbeit des Neurowissenschaftlers Michael Halassa (MIT), der nachweisen will, dass der Thalamus im Gehirn Reize nicht nur weiterleitet, sondern im Gegenteil Reize auch nicht weiterleitet, wenn diese für die derzeitige Aufgabe nicht relevant sind. Das wurde zuerst 1984 von dem Physiker und Biologen Francis Crick vorgeschlagen, konnte aber empirisch nicht belegt werden — offenbar bis jetzt.


Und nochmal das Quanta Magazine, nochmal ein Interview. Diesmal stellt der u.a. am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin) tätige Anthropologe Iyad Rahwan sein Forschungsgebiet des Maschinenverhaltens (Machine Behavior) vor. An dem Interview gefällt mir besonders Rahwans Antwort auf die Frage, ob nicht die Ingenieure und Entwickler diejenigen seien, die das Verhalten von Maschinen bestimmen würden. Rahwan unterscheidet in seiner Antwort kurz- von langfristigem Verhalten. Ingenieure würden das kurzfristige Verhalten bestimmen, aber über langfristige Prozesse wäre damit noch nichts gesagt:

„There are behaviors that manifest themselves across different timescales. So [when you’re building it] maybe you focus on short timescales, but you can only know that long-timescale behavior once you deploy these machines.“ (Iyad Rahwan)

Diese Sicht finde ich erfreulich anschlussfähig an Standpunkte der Technikanthropologie (z.B. Lucy Suchman) und der kommunikationswissenschaftlichen Technikforschung (z.B. ich), die ja auch das technische Artefakt im Kontext der späteren konkreten Nutzungssituation betrachten.


Die amerikanischen KI-Forscher Gary Marcus und Ernest Davis haben kürzlich ihr Buch „Rebooting AI“ veröffentlicht, in dem sie diskutieren, wie man KI-Systeme entwickeln kann, denen wir vertrauen können. Machine Learning sei dafür nicht genug; stattdessen müsste Künstliche Intelligenz die Aufgaben und die Welt um sie herum verstehen. Sonst könnten gefährliche Situationen entstehen. Bei Technology Review gibt es ein Interview mit einem der Autoren.


Anders als unser Gehirn vergisst das Internet nicht so schnell. Darum wird immer wieder ein Recht auf Vergessenwerden diskutiert bzw. gefordert. Vor fünf Jahren hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass man bei Google die Löschung von personenbezogenen Ergebnissen verlangen kann. Nun hat das Gericht klargestellt, dass das nur innerhalb der Europäischen Union gilt, was das Ganze angesichts der globalen Natur des Internet etwas widersinnig erscheinen lässt, aber offenbar verhindert, dass autoritäre Regime das Gesetz als Vorwand nutzen, um missliebige Informationen entfernen zu lassen. Und tatsächlich ist das Recht auf Vergessenwerden bei näherem Nachdenken durchaus zwiespältig, wie einige Beispiele zeigen, die in der guten Zusammenfassung von netzpolitik.org genannt werden.


Abschließend: Bei ZEIT Online gibt es ein Interview mit dem Digitalisierungskritiker James Bridle, Autor des Buches „New Dark Age“.

0 Kommentare zu “7 aus dem Strom: 09/2019

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: