Stadt

Breiter Weg III — „Out of the Void“

Die vielen Baumaßnahmen Magdeburgs, über die ich neulich am Beispiel des Breiten Wegs berichtet habe, kann man positiv als Zeichen von Entwicklung und Aufbruch sehen. In der Stadt passiert noch viel, es entsteht Neues, das ist durchaus spannend. Als 2015 Zugezogener hatte ich jedenfalls von Anfang an nicht das Gefühl, dass die Stadt von Leere und Stillstand geprägt wäre — es geht ja nicht nur um leerstehenden Gewerberaum. Kulturell beispielsweise gibt es immer wieder Momente, an denen es tatsächlich schwer ist, sich zu entscheiden, zu welcher Veranstaltung man hingehen will — die Auswahl ist oft ziemlich groß, die Qualität gut.

Aber die Außenperspektive ist oft anders als die Innensicht, und offenbar sind Leere und Stillstand doch das, was viele Magdeburger*innen umtreibt — so sehr, dass sie im Zentrum des gestern vorgestellten 1. Bewerbungsbuches zur „Kulturhaupstadt 2025“ steht (hier die offizielle Broschüre). Titel der Bewerbung ist „Out of the Void“ oder „Raus aus der Leere“, und damit ist trotz Bezug auf den Lokalhelden Otto von Guericke nicht nur dessen Halbkugelexperiment zum Vakuum gemeint. Ich habe mal die entsprechenden Stellen der Broschüre angestrichen:

Ausschnitt aus der Broschüre zur Bewerbung Magdeburgs als Kulturhauptstadt 2025

Der Wettbewerb kürt diesmal je eine deutsche und eine slowenische Stadt. Magdeburg tritt in der ersten Antragsphase gegen die Mitbewerber Nürnberg, Hannover und Dresden, Hildesheim, Chemnitz, Zittau und Gera an. Am 11. Dezember stellt eine Kommission das Projekt in Berlin vor einer Jury vor, am 12. Dezember wird bekanntgegeben, welche Bewerberstädte in die zweite Runde kommen und bis Mitte 2020 ein zweites Bewerbungsbuch abgeben dürfen.

Es wird immer wieder betont, dass bei dem Wettbewerb nicht die Stadt gewinnt, die am meisten hat (z.B. historische Bauten), sondern die, die das überzeugendste Zukunftskonzept vorstellt. Der Titel „Kulturhauptstadt“ ist also ganz pragmatisch eine Fördermöglichkeit, um vorhandenes Potenzial besser auszuschöpfen, und der Prozess ist ein normales zweistufiges Antragsverfahren, wie es auch bei weniger öffentlichkeitswirksamen Anträgen auf Fördermittel üblich ist. Doch genau an der Stelle, dem Fokus auf die Zukunft, macht sich ein skeptisches Gefühl breit.

Zumindest in seinen großen kulturellen Projekten betont Magdeburg eine Vergangenheit, in der es bedeutender und urbaner war, als es heute scheint, und an die es scheinbar wehmütig zurückdenkt:

  • der deutsche Kaiser Otto I. der Große, dem im 2018 eröffneten Dommuseum „Ottonianum“ eine hübsche Ausstellung gewidmet ist, die aber dessen Bindung an Magdeburg für meinen Geschmack etwas übertreibt (er hat ein Erzbistum gegründet und wurde im Dom beigesetzt, aber war dann doch viel woanders unterwegs; in der offiziellen Stadtchronik, die 2005 erschien und eine umfangreiche Sammlung geschichtswissenschaftlicher Aufsätze ist, gibt es einen kritischen Beitrag, nach dem Magdeburg mitnichten Ottos „Lieblingspfalz“ gewesen sei)
  • das „Magdeburger Recht“, über das kürzlich eine Sonderausstellung im Kulturhistorischen Museum eröffnet wurde, mit Schirmherrschaft des Bundespräsidententen recht hoch angesiedelt; das war ein Stadtrecht, das vor allem für Osteuropa wichtig wurde
  • der Physiker Otto von Guericke mit seinen Leistungen zur Vakuumtechnik
  • der Komponist Georg Philipp Telemann, der für die Musik des Barock bedeutsam war, zu seiner Zeit erfolgreich war, aber später von der sich wandelnden Kritik verachtet wurde und erst im 20. Jahrhundert „rehabilitiert“ wurde
  • die mehrfachen, fast vollständigen Zerstörungen Magdeburgs im Dreißigjährigen Krieg und im Zweiten Weltkrieg, wodurch Magdeburg so gut wie keine wirklich historische Innenstadt besitzt — nostalgisch erinnern Ausstellungstafeln und Bilder an verschiedenen Stellen an den einst prunkvollen Breiten Weg
  • einige Bezüge zur Bauhaus-Kultur und zum „Neuen Bauen“, das in den 1920er Jahren von Bruno Taut umgesetzt wurde, insbesondere die Idee der bunten Stadt

Das sind so die Fixpunkte, an die Magdeburgs Identität als Stadt heute versucht, anzuknüpfen. Zumindest die, die deutlich sichtbar sind.

Die Bewerbung stellt offenbar fest, dass das für den Wettbewerb nicht reicht und betont die Leerstellen, die sich nach der einst großen, aber halt verlorenen Vergangenheit auftun. Die Bewerbung zeigt, dass man weiß, dass man sich nicht auf der Vergangenheit ausruhen kann, dass man irgrendwas tun muss / irgendwo hin will, aber mir wird nicht ganz klar, was das sein soll. Irgendwie kommen mir auch die vielen kleineren kulturellen Projekte zu kurz, die es bereits jetzt gibt. Die Broschüre erweckt den Eindruck, als gäbe es außer Leere nichts von Bedeutung. Das ist mir nicht selbstbewusst genug. Aber gut, das ist der eingangs erwähnte Kontrast von Außen- und Selbstwahrnehmung …

Die Punkte, die in der Broschüre genannt werden, finde ich alle gut und unterstützenswert, aber die könnten so auch von jeder anderen Stadt aufgeführt werden: „Sport, Urban Gardening, Virtuelle Realität oder Esskultur“ (S. 4), „soziale Vielfalt und Zusammenhalt stärken“ (S. 5), „Stadtteile aufwerten“ (S. 5f.), Leerstellen mit kreativen Projekten füllen (S. 6), Umweltschutz (S. 6), unter Einbeziehung digitaler Medien den Kulturbegriff erweitern (S. 6) u.a. Diese Punkte sind natürlich an konkrete Magdeburger Kontexte angebunden (z.B. Stadtrecht, Elbe, Telemann, das zerteilte Stadtbild usw.), aber sind das nicht alles Selbstverständlichkeiten, die für jede moderne Stadt gelten sollten?

Ich bin gespannt, wie die Magdeburger Präsentation am 11.12. ankommen wird. Ich würde mich auch sehr über einen Erfolg freuen, denn davon würden hoffentlich viele kulturelle Projekte profitieren, die es zumindest vor der Entscheidung, sich auf den Titel zu bewerben, nicht immer leicht hatten.

4 Kommentare zu “Breiter Weg III — „Out of the Void“

  1. Ich bin Magdeburger und habe bisher kaum etwas über die Bewerbung mitbekommen. Um so mehr sage ich zu diesem Beitrag danke. Die Frage ist, welche Stellschrauben es jetzt noch für die Bewerbung gibt. Haben Sie/ Hast du da Einblick? Danke und Grüße.

    Liken

  2. Pingback: „Und, was machst du so?“ Erfahrungen mit beruflicher Identität als Projekt – Über/Strom

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: