Essay Stadt

Die Orthaftigkeit medialer Räume, Beispiel New York

Viele geographische und soziale Räume kennen wir nur aus den Medien. Trotzdem fühlen sie sich an, als würde man sie kennen. Man verbindet etwas mit ihnen. Vielleicht hat man sogar das Gefühl, nach Hause zu kommen, wenn man sich ihnen medial aussetzt. Sie werden zum Medien-Ort. Besonders prägnant in dieser Hinsicht ist die US-amerikanische Großstadt New York.

Vorhin habe ich mir das Angebot einer Pizza-Lieferkette durchgelesen. Kurz hängen blieb ich bei einem Pastagericht, das den schönen Namen „Central Park“ trägt. Neben Nudeln besteht das Gericht aus Pesto-Sauce, Pilzen und Bacon-Chips. Ich habe keine Ahnung, was das mit New Yorks bekanntem Park zu tun hat, aber der Klang des Namens mit all seinen Assoziationen wirkt trotzdem. Er macht mehr aus dem Convenience-Essen als dahinter steckt. Der Central Park — den kennen wir doch alle, selbst wenn wir noch niemals dort waren, und wenn es aus Zitaten berühmter Personen ist.

Öfter sind es aber Film und Fernsehen: In der Comedyserie Friends (1994-2004, sie wird am 22. September 25 Jahre alt) spielte der Name des Cafés „Central Perk“ auf den Park an. In Sex and the City (1998-2004) spielten einige wichtige Szenen mit „Mr. Big“ an Orten im Central Park, nämlich am Central Park Lake und im Plaza Hotel südlich des Parks. Im selben Hotel spielte auch eine Szene in Mad Men (2007-2015). In How I Met Your Mother (2005-2014) wird Marshall angeblich von einem Äffchen beklaut und gräbt Robin nach einem verlorenen Medaillon. Der erste Teil der Filmreihe Fantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind (2016) im Harry-Potter-Franchise hat eine ausgedehnte Szene im Central Park. Viele weitere Filme wurden dort gedreht, u.a. Breakfast at Tiffany’s (1961) und Ghostbusters (1984). Die Website des Central Park gibt an, dass er mit über 350 Filmen der häufigste Drehort der Welt sei.

Interessant am 1859-1873 eingerichteten Central Park ist, dass er eine Konstante in der sich stets verändernden „city that never sleeps“ (die aber wohl doch mal schläft) ist: Während sich die Stadt um den Park herum laufend veränderte, blieb die Anlage im Wesentlichen erhalten. Auch für Außenstehende ist er sofort zu erkennen, in Luftaufnahmen Manhattans oder beim Blick auf eine Landkarte (zum Beispiel den Streckennetzplan der New York Subway … ich habe ja eine Vorliebe für Streckennetzpläne und die Geschichten, die ihre Ortsnamen erzählen, auch ohne, dass ich jemals dort war). Der Park ist ein Orientierungspunkt auch für jene, die nur in filmischem, literarischem oder spielerischem Fernweh schwelgen. Er ist Orientierungspunkt für einen Ort, an dem man nie war.


Craig Armstrong feat. Evan Dando – Wake up in New York (2002) / inoffizielles Video von Olesya Barkovskaya (2011)

Medien-Orte

Ein Ort ist ein Raum, den wir erlebend mit Bedeutung aufladen. Im Englischen spricht man von space, der zum place werden kann. Wenn Räume, die in Medien gezeigt werden, für uns Ortscharakter oder Orthaftigkeit gewinnen, obwohl wir ihn nur medial vermittelt wahrnehmen, möchte ich sie als Medien-Orte bezeichnen. Ein Medien-Ort entsteht, wenn Räume in Medien dargestellt werden, oder Medien anderweitig auf Räume Bezug nehmen, und wir bei der Rezeption der Medien oder im (z.B. spielerischen) Umgang mit Medien Bedeutung generieren, die nicht nur das jeweilige „Thema“ fokussieren, sondern auch den Ort selbst eine Hauptrolle zuweisen.

New-York-Filme gibt es wie Sand am Meer: Martin Scorseses New York, New York (1977), Woody Allans Manhattan (1979) oder der Episodenfilm New York, I Love You (2008). Für Fernsehserien gilt fast dasselbe — zu den oben genannten Comedyserien gesellen sich z.B. noch das erfreulich diverse Brooklyn 99 (seit 2013), King of Queens (1998-2007) und Seinfeld (1989-1998). Zu nennen sind natürlich auch die Krimiserie CSI: New York (2004-2013) und ggf. Die Sopranos (1999-2007, wenn man New Jersey mal großzügig dazu zählt). Auch in Büchern ist die Stadt oft Bühne und quasi Charakter; zuletzt in Erinnerung geblieben ist mir Teju Coles flaneurhaftes Open City (2014, siehe die Rezension bei schiefgelesen.net) sowie Garth Risk Hallbergs monumentales City on Fire (2015). Aber auch die Jerry Cotton-Heftromane oder die Hörbuchreihe Manhattan 2058 (beide stammen aus Deutschland) tragen ihren Teil zum literarischen New York bei. In Computerspielen wurde New York ein begehbares Denkmal gesetzt als „Liberty City“ in der Grand Theft Auto-Serie (Teil III in 2001 und Teil IV in 2008). Musikalisch muss man natürlich an Frank Sinatra denken, meine persönliche „mediales New York“-Hymne ist aber Craig Armstrongs Wake Up in New York (2002, siehe das Video weiter oben).

Der fiktionale Rahmen, der durch diese Medienvielfalt gespannt wird, lässt sich anreichern durch Reiseführer, Dokumentationen oder Zeitungen, die zumindest einen Ausschnitt des „echten New York“ versprechen — wie etwa die New York Times (in deren App ich mir äußerst gerne Immobilien anschaue, die ich mir nie werde leisten können, die aber offenbar für die Zielgruppe dieser Zeitung genauso relevant sind wie die permanente Cartier- und Louis Vuitton-Werbung in ihrer gedruckten Ausgabe oder in ihrem Magazin).

Die New-York-Bilder der verschiedenen Medien ergänzen sich. Unterschiede verwischen, Fiktion vermischt sich mit Realität, und die Grenze ist für Außenstehende nicht erkennbar. Man weiß um die Fiktionalität, man rechnet mit Klischees, man hat gehört, dass gerade die Comedy-Serien der 1990er bis 2000er ein unrealistisch weißes Bild von New York präsentieren, und doch geht man als Tourist in die Friends-Ausstellung zum Serienjubiläum oder sucht nach „MacLarens Bar“ (die es, wenn Geld oder Klimagewissen eine Reise nach New York nicht hergeben, als Nachbildung auch in Berlin gibt).

Nimmt man all das zusammen, hat man einen Medien-Ort „New York“, von dem man kaum annehmen kann, dass er mit dem Vorbild viel zu tun hat, der aber gleichwohl sehr reichhaltig gestaltet ist. Man erlebt diesen Ort gemeinsam mit Freunden: echten Freunden, z.B. beim gemeinsamen Fernsehen oder darüber-reden, und fiktionalen Freunden, nämlich den Protagonisten der Medien, z.B. den ewigen Endzwanzigern der genannten Comedyserien, den Verbrechern, die man in GTA spielt, oder den Polizisten, die in CSI: NY Verbrecher jagen. Durch wiederholte Rezeption kann man immer wieder an den Ort zurückkehren kann, ohne je dort gewesen zu sein, und immer neue Medien lassen den Ort nie langweilig werden, er verändert sich mit uns.


Der Hintergrund ist entscheidend

Damit ein Medien-Ort seine anziehendes Potenzial entfalten kann, muss er — wie jede Kommunikation — sich vor einem Hintergrund abheben, nämlich vor dem, was man aus eigener Erfahrung kennt und das im Vergleich zum Medien-Ort in irgendeiner Weise defizitär erscheint.

Medien-Orte zeigen etwas, das wir aktuell nicht haben, und das uns, wenn schon nicht attraktiv im engeren Sinne erscheint, doch zumindest so fasziniert, dass wir uns immer wieder damit beschäftigen. Das kann neben Kunst und Kultur, und womöglich unendlich vielen inspirierenden Eindrücken auch einfach die schiere Größe sein, die Lautstärke, das Verkehrssystem, die Diskrepanz aus Hoffnung und Scheitern.

Das mediale „New York“ gäbe es nicht, wenn nicht auch das echte New York fast mythisch aufgeladen wäre (was wir in der Regel natürlich auch nur aus Medien wissen). Jahrelang war New York verheißungsvolle erste Anlaufstation für europäische Aus- bzw. Einwanderer, die hofften, in Amerika ein neues, vielleicht glücklicheres Leben beginnen zu können. Und noch immer wird am New-York-Mythos gearbeitet. 2017 hat die Süddeutsche Zeitung eine Serie dazu veröffentlicht, in der im Stil von Reiseführern über Klischees und Wirklichkeit berichtet wird. Sogar die Reise der Klimaaktivistin Greta Thunberg baut den Mythos aus — Ziel ihrer Reise mit dem Segelboot musste natürlich New York sein. (Dort ist immerhin der Hauptsitz der Vereinten Nationen, theoretisch das staatenübergreifende Zentrum der Welt, praktisch leider ziemlich machtlos.)


Medien-Orte, Urlaubsorte

Ein häufiges Phänomen: Man zieht weg aus einer Stadt, die für andere Leute als erstrebenswert gilt und wird dafür von den Bewohner*innen am neuen Wohnort überrascht, fast vorwurfsvoll angesehen:

„Wie kannst du nur, da hast du doch Strand, und die schöne hansestädtische Architektur, und ich fahr da zum Urlaub hin!“

(Ja, eben — zum Urlaub, darum wird der gewöhnliche Alltag, der dort genauso ist wie anderswo übersehen.)

„Ja, aber an den Strand geh ich vielleicht zwei, drei Mal im Jahr.

„Ach so? Also ich würde da jeden Tag hinfahren. Oder jedes Wochenende.“

„Nein, würdest du nicht.“ (Aber das spreche ich nicht aus).

[Besonders wirkungsvoll wird der Vorwurf übrigens, wenn man den Sehnsuchtsort Anderer verlässt in Richtung einer Stadt, die gemeinhin als unattraktiv gilt. 2015 sind wir von Rostock nach Magdeburg gezogen, und genau da mussten wir solche Dialoge führen. Rostock und Umgebung sind oft Urlaubsort für Magdeburg*innen.]

Der Blick auf Medien-Orte ähnelt diesem verklärten Blick auf Urlaubsorte. Im Gegensatz zu echten Orten sind Medien-Orte und Urlaubsorte kuratierte Orte. Sie zeigen in Auswahl nur das, was man sehen soll oder sehen möchte, und so ist es einfacher, Diskrepanzen auszublenden. Der normale Alltag findet nicht statt oder wird selbst medial ins Positive übertrieben. Daraus gewinnen Medien-Orte und Urlaubsorte ihre Anziehung.

3 Kommentare zu “Die Orthaftigkeit medialer Räume, Beispiel New York

  1. Uta Buttkewitz

    Ich schaue mir unheimlich gern solche Reise- oder Länder-Reportagen wie „Mare TV“ an. Dabei habe ich ein absolutes Wohlgefühl, mich medial an Orte versetzen zu lassen, an denen ich noch nicht war oder auch schon mal war oder vielleicht nie hinkommen werde. Es spielt eigentlich keine Rolle. Die Dokumentationen schaffen es, dass man sich 45 oder 90 Minuten wie in einem entspannten Kurzurlaub befindet. Das Besondere an dem Format „Mare TV“ ist es, dass mit einem humoristischen und liebevollen Blick auf die Menschen des jeweiligen Ortes ein erstaunliches Gefühl von Nähe und Authentizität bei den Zuschauer*innen erzeugt wird.

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  2. Pingback: Buchmessen-Wochenende #1, Ankunft – Über/Strom

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