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Eine andere Digitalisierung: Tagungsband zu „Bits & Bäume“

Im November 2018 trafen sich über 2.000 Menschen an der Technischen Universität Berlin, um sich über soziale und ökologische Probleme der heute üblichen Digitalisierung auszutauschen, und um über Möglichkeiten für eine andere, nachhaltigere Digitalisierung nachzudenken. Im Juli 2019 ist der Tagungsband erschienen, herausgegeben von Anja Höfner und Vivian Frick.

Proceedings zu Tagungen und Konferenzen sind meist eine eher trockene Angelegenheit, die vor allem die Teilnehmer*innen der Tagung selbst und vielleicht ein paar Fachkolleg*innen interessieren. „Was Bits & Bäume verbindet. Digitalisierung nachhaltig gestalten“ fällt glücklicherweise nicht in diese Kategorie. Der auch typografisch und grafisch attraktiv gestaltete Band enthält eine Vielzahl gut lesbarer und oft illustrierter Beiträge zu fünf Themenfeldern nachhaltiger Digitalisierung. Es werden sowohl die derzeitigen Probleme benannt und analysiert, als auch Handlungsmöglichkeiten für eine Verbesserung der Lage diskutiert.

Breites Themenspektrum

Im ersten Abschnitt sind Beiträge versammelt, in denen verschiedene soziale und ökologische Folgen der Digitalisierung benannt werden. „Wie schwer wiegt ein Bit?“ fragt die Kapitelüberschrift. Die Beiträge geben unter anderem Einblick in die Folgen, die Digitalisierung für Länder des sogenannte Globalen Südens (im Gegensatz zu ‚unserem‘ Globalen Norden) hat (Sabine Langkau & Sven Hilbig); diskutieren die Klimaauswirkungen des heute so beliebten Videostreamings (Felix Sühlmann-Faul); fragen, was Recycling heute bedeutet (Verena Bax & Volker Handke) und wie eine nachhaltige Rohstoffversorgung aussehen könnte (Merle Groneweg & Michael Reckardt).

Der zweite Abschnitt vereint die Themen Datenschutz und Umweltschutz. Das Kapitel beginnt mit einer Kritik des Konzepts der „Smart Citys“ als „vor allem autogerechte Städte“, für die „neue Extreme sozialer Ungleichheit“ zu befürchten seien (Sybille Bauriedl). Anschließend wird überlegt, wie man öffentliche Daten im Sinne des Umweltschutzes verwenden könnte und woran es bei „Open Data“ zurzeit hakt (Juliane Krüger & Michael Peters). Dass es dabei auch zu Konflikten zwischen Datenschutz einerseits und Umweltschutz andererseits kommen kann, wird ebenfalls diskutiert (Vlad C. Coroama & Friedemann Mattern). Schließlich wird gefragt, welchen Beitrag künstliche Intelligenz zum Thema leisten könnte (Kerstin Fritzsche, Silke Niehoff & Andreas Krug).

Der dritte Abschnitt betrachtet „Macht, Märkte, Monopole“ und fragt: „Wem dienen digitale Technologien?“ Hier geht es vorwiegend um wirtschaftliche Zusammenhänge der Digitalisierung. Zunächst wird mit der Hoffnung aufgeräumt, dass eine digitalere Welt mit weniger Material- und Energieverbrauch einherginge; stattdessen würde Software heute zu noch mehr Konsum anregen (Lorenz M. Hilty). Dies auch, weil digitale Technologien (trotz theoretisch vorhandenen Potenzials) bisher „nicht als Vehikel zur grundlegenden Veränderung des Kapitalismus […] gesehen“, sondern „in das bestehende System integriert“ würden (Timo Daum & Steffen Lange). Entsprechend sind eher negative Folgen zu spüren, etwa im Bereich der Landwirtschaft, bei denen „jene Konzerne die größte Macht [haben], die über die meisten Informationen verfügen“ (Lena Michelsen). Dass Machtfragen der Digitalisierung auch mit Geschlechterverhältnissen zu tun haben, wird am Ende des Abschnitts diskutiert (Judith C. Enders & Amanda Groschke).

Der vierte Abschnitt trägt den hoffnungsvollen Titel: „Eine andere Digitalisierung ist möglich!“ Den Beiträgen dieses Abschnitts liegt das Ziel einer Postwachstumsgesellschaft zugrunde. Zunächst wird in das Konzept der „konvivialen Technik“ eingeführt, die der „Entfaltung jedes einzelnen Menschen in lebendigen Beziehungen miteinander“ dienen soll — ohne, dass ein Teil der Menschheit die Ressourcen eines anderen Teils ausbeutet, um Technik zu erschaffen. Hierzu werden konkrete Anforderungen definiert und diskutiert (Andrea Vetter & Nicolas Guenot). Ein weiterer Beitrag schlägt Schritte vor, um Online-Handel nachhaltiger zu gestalten (Maike Gossen & Nele Kampffmeyer). Und auch die Prinzipien „Techniksuffizienz“ und „digitale Suffizienz“ werden besprochen: möglichst wenige, lange haltbare Geräte und „so viel Digitalisierung wie nötig, so wenig wie möglich“ (Steffen Lange, Tilman Santarius & Angelika Zahrnt).

Der fünfte Abschnitt ist als Zusammenfassung und Ausblick zu verstehen. Er ruft auf: „Organisiert euch!“ Hervorzuheben ist da vor allem die „Agenda für eine nachhaltige Digitalisierung“ (Juliane Krüger & Nina Treu), in der elf konkrete Forderungen an Wirtschaft, Industrie und Politik gestellt und durch weitere Akteur*innen kommentiert werden. Dieser Beitrag lässt sich durchaus als Abschlussdokument der Konferenz verstehen.

Neben den hier namentlich genannten Autor*innen gibt es noch viele weitere Beiträge, teilweise auch in Form von Infografiken und Kurzportraits. Sie verbinden die Themen der einzelnen Beiträge oder stellen zusätzliche Perspektiven bereit.

Einladung zum Perspektivwechsel

Eine Einladung zum Perspektivwechsel ist auch der Band insgesamt. Nur selten denkt man im Alltag über die darin diskutierten Themen nach. Im Zuge von Fridays for Future etwa wurde sich medial vor allem auf Flugreisen fokussiert, die aber nur Teil eines Problems sind, das viel tiefer liegt und zu dem wir alle beitragen: Eine Lebensweise, die sich an Wachstum orientiert und darauf angewiesen ist, Menschen und Ressourcen mitunter regelrecht auszubeuten.

Trotz anderer Hoffnungen — man denke nur an das „papierlose Büro“ für ein ganz einfaches Beispiel — hat Digitalisierung daran bisher wenig geändert — sie verlagert und versteckt das Problem eher. Den dicken SUV auf der Straße kann man sehen, Fluglärm kann man hören, erneut ausgetrockneten Flüsse kann man besorgt ‚auf den Grund gehen‘ — aber was alles hinter dem schicken neuen Smartphone, dem 4K-Videostream, dem Online-Computerspiel, den Social Networks u.v.a. steckt, das wird selten breit diskutiert.

Der Sammelband „Was Bits und Bäume verbindet“ kommt zur richtigen Zeit. Aufgrund der Aufmachung und der Kürze der Beiträge eignet er sich gut, um sich einen ersten Überblick über die behandelten Themen zu verschaffen und ins Nachdenken zu kommen.

„Was Bits und Bäume verbindet. Digitalisierung nachhaltig gestalten“ (Hrsg. Anja Höfner und Vivian Frick) lässt sich kostenlos herunterladen oder für 20,00 EUR beim oekom-Verlag kaufen

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