Medienschau

7 aus dem Strom: Juli ’19

Nach längerer Pause — Urlaub, Erkältung, Urlaub — habe ich aus dem reißenden Strom des Internet mal wieder sieben Artikel zu Gesellschaft und Wissenschaft ausge“siebt“, die ich in den letzten Wochen für besonders lesenswert hielt.

In ihrem Blog/Magazin Ant1heldin schreibt Sabine Friedrich über feministische Popkultur. Unter anderem nimmt sie Filme und Serien unter die Lupe und berichtet über Bücher. Zuletzt hat sie Virginie Despentes Buch „King Kong Theorie“ vorgestellt, das 2018 neu übersetzt wurde. Das Buch, das sieben Essays enthält, sei „ein einziger wütender Rundumschlag gegen alle gesellschaftlichen Zerrbilder von Geschlechtsidentität und Sexualität — und ein Lobgesang auf das Unangepasstsein“. Friedrich bespricht die einzelnen Essays, hebt deren lohnenswerte Gedanken vor, wenngleich sie manche Thesen als „sehr plakativ und vereinfachend“ empfindet und „ein bisschen Differenziertheit“ vermisst. Virginies Buch ist 2018 bei KiWi erschienen.


Bei ZEIT online wurde ein Artikel des Historikers Bodo Mrozek veröffentlicht, in dem Mrozek sich ausführlich mit dem von Rechten öfter getätigten Vorwurf auseinandersetzt, dass sich als urban und global verstehende Menschen keine Heimat mehr hätten. Unter anderem wiederholt der AfD-Politiker Alexander Gauland häufiger diesen Gedanken. Um diesen Vorwurf zu entkräften — vielleicht auch zu entlarven –, geht Mrozek weit zurück in die Medien- und Kulturgeschichte. Ein sehr langer, ziemlich dicht geschriebener, aber sehr lesenswerter Text.


In einem Beitrag im Missy Magazine (der schon im März online ging) denkt Ina Holev darüber nach, wie der Begriff des „digitalen Kolonialismus“ besser zu fassen ist. Damit ist gemeint, dass Internet-Technologien durch eine männliche, weiße, ‚westliche‘ Sicht dominiert werden. Länder, die man auch als „globaler Norden“ bezeichnet, exportieren Hard- und Software in andere, wirtschaftlich ärmere Regionen, während die für die Herstellung von Hardware nötigen Rohstoffe aus diesen Regionen stammen. Und mit dem Export von Hard- und Software werden auch Inhalte exportiert. Daher fragt Ina Holev, wie „ein Internet als digitales Archiv und Kommunikationsplattform funktionieren [kann], in denen das Wissen von Frauen und queeren Menschen, People of Color und anderen marginalisierten Gruppen ohne Einschränkungen zur Verfügung steht?“ Dass das keine theoretische Frage ferner Länder ist, sondern auch ein deutsches Problem, zeigen z.B. die Vorgänge um die Liste weiblicher Science-Fiction-Autor*innen in der deutschsprachigen, männlich dominierten Wikipedia (siehe unser Interview mit Theresa Hannig).


Wer sich noch mehr mit Fragen von Digitalisierung, Gerechtigkeit und Umweltschutz befassen möchte, sollte sich einmal den Tagungsband der Konferenz „Bits & Bäume“ anschauen. Die Tagung fand im November 2018 statt und Anfang Juli erschien dazu das Buch „Was Bits und Bäume verbindet“. Herausgeberinnen sind Vivian Frick und Anja Höfner von der Technischen Universität Berlin. Der Band lässt sich kostenlos herunterladen oder für 20,00 EUR beim oekom-Verlag kaufen. Zahlreiche Autor*innen präsentieren darin wissenschaftlich und theoretisch fundierte, aber praxisnahe Ideen zu einer gerechteren und nachhaltigeren digitalen Gesellschaft. Die auch optisch sehr gut gestalteten Beiträge sind in fünf Kategorien unterteilt. Der Teil „Wie schwer wiegt ein Bit?“ etwa fragt nach den „soziale[n] und ökologische[n] Auswirkungen“ der heute üblichen Digitalisierung. Der Abschnitt „Alternativ wirtschaften“ präsentiert dann Ansätze, wie eine „andere Digitalisierung“ gelingen kann. Mehr zu dem Buch und ein Interview mit den Herausgeberinnen in Kürze auf ueberstrom.net.


Ein Aspekt der digitalen Gesellschaft ist Künstliche Intelligenz. Die ist keine Science Fiction mehr, sondern Alltag. Neben Datenschutz-Bedenken rückt zunehmend auch ihr Energieverbrauch in den Fokus. Der spektrum.de-Autor Adrian Lobe gibt hierzu einen umfassenden Überblick.


Abseits größerer gesellschaftlich-politischer Zusammenhänge kann Computertechnik auch auf basalster physikalischer Ebene problematische Folgen für die von ihr abhängenden Menschen und Gesellschaften haben. Ganz weit entfernt von großen Themen wie Datenschutz und Nachhaltigkeit ist etwa die Zuverlässigkeit digitalen Rechnens als solche immer wieder ein Problem. Im Alltag merken wir selten etwas davon, aber digitale Computerchips sind grundsätzlich fehleranfällig. Ein häufiger Fehler sind sogenannte Bit Flips. Ein Bit ist die kleinste Einheit in einem Computer, heute meist als winzigkleine Schaltung auf einem Chip umgesetzt, die Strom durchlässt oder nicht. Bei einem Bit Flip kehrt sich der Wert eines Bits plötzlich um: Was 0 ist, wird 1 oder umgekehrt. Der Schalter springt einfach um. Das ist ein natürlicher Vorgang, der sich nicht ganz vermeiden lässt. Ein Bit Flip kann etwa durch den Einfluss kosmischer Strahlung geschehen, wie im Jahr 2003, als in Belgien das erste Mal Wahlautomaten eingesetzt wurden. Durch einen Bit Flip wurde das Ergebnis falsch berechnet (siehe dazu folgende Animation, die vom WNYC Radiolab erstellt wurde, wo es auch einen längeren Podcast zu dem Thema gibt).

Animation zu Bit Flips bei der Wahl 2003 in Belgien (WNYC Studios Radiolab)

Man versucht die Folgen von Bit Flips zu begrenzen, indem man ein Mehrheitsprinzip benutzt. Dann wird der Wert eines logischen Bits z.B. durch drei physische Bits dargestellt: Ist das logische Bit 1, dann liegen idealerweise auch drei physische Bits (111) vor. Aber auch, wenn nur zwei der drei physischen Bits 1 sind (110, 101 oder 011), ist das darauf aufbauende logische Bit 1, denn die Mehrheit der physischen Bits ist 1 — das physische Bit, das 0 ist, muss das fehlerhafte sein. Wegen des Auftretens von Bit Flips würde man gerne wissen, wie empfindlich eine logische Schaltung für Bit Flips ist. Wie viele Bits der Eingabe dürfen ‚umkippen‘, bis sich die Ausgabe der Funktion verändert? Das war für Jahrzehnte ein ungelöstes mathematisches Problem, das als „sensitivity conjecture“ bekannt ist. Der Mathematiker Hao Huang hat dieses Problem nun gelöst, wie Erica Klarreich in ihrem umfangreichen Artikel im Quanta Magazine berichtet. Der ist auch für Nicht-Mathematiker verständlich (das Paper von Hao Huang gibt es als PDF hier).


Raumfahrt ist faszinierend, aber immer mit dem Risiko von Umweltschäden behaftet. Es werden starke Raketen mit chemischen Antrieben benötigt, um den Bereich der Erdanziehung zu verlassen. Im All angekommen, bewegt man sich ebenfalls mit Hydrazintriebwerken fort oder hat einen Radioisotopengenerator an Bord. Wenn beim Start auf der Erde etwas schiefgeht, besteht die Gefahr, dass das hochgiftige Hydrazin oder radioaktives Material in die Umwelt gelangen (mal abgesehen von den Emissionen der Raketen beim erfolgreichen Start). Um wenigstens den Teil des gefährlichen Treibstoffs einzusparen, der im All selbst genutzt wird, werden alternative Antriebe entwickelt, z.B. Ionenantriebe. Eine weitere Alternative können Sonnensegel sein. Um das zu testen, hat die Organisation „The Planetary Society“ den Satelliten LightSail 2 in den Weltraum geschossen und Ende Juli dessen Segel entfaltet. Darüber berichtete die New York Times. Ein Sonnensegel soll die von der Sonne ausgehenden Photonen nutzen, um ein Raumfahrzeug zu beschleunigen. Zumindest theoretisch wäre damit ein treibstoffloses Reisen möglich.

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