Tagebuch

Technik, raunt es heideggernd

Meine im Vergleich zu ‚richtigen‘ Germanisten, Historikern, Kulturwissenschaftlern, Philosophen usw. doch eher eingeschränkte geisteswissenschaftliche Allgemeinbildung (ich kenne vor allem das, was ich brauche oder mal gebraucht habe) führt manchmal zu für mich überraschenden Situationen. Meine Frau und ich sind ja gerade im Schwarzwald, wo wir im kleinen Örtchen Saig Urlaub in einer Ferienwohnung machen. Bei brütender Hitze sind wir gestern tapfer den Hochfirst hochgewandert und haben dort lecker Eiskaffee getrunken. Am Abend saßen wir dann auf der Wiese im Garten und lasen uns gegenseitig Sarah Bakewells „Das Café der Existenzialisten“ (2016) vor. Bakewells Buch ist eine locker-flockige philosophiehistorische Darstellung über den französischen Existenzialismus Jean-Paul Sartres und Simone de Beauvoirs, sowie zu deren Inspirationsquellen Edmund Husserl und Martin Heidegger.

Da sitzt er in seinem Schwarzwald, der Heidegger, in Sarah Bakewells Buch „Das Café der Existenzialisten“, S. 71. (Bildnachweis: eigenes Fotos)

Wie seltsam surreal erschien es uns, als Bakewell auf Heidegger zu sprechen kam. Dass Heidegger viele seiner Werke offenbar nur wenige Kilometer von unserem Aufenthaltsort entfernt in einer Hütte bei Todtnauberg verfasst hatte, war uns bisher nicht bekannt. Dass Heidegger allerdings für die Technikphilosophie ziemlich wichtig war, schon.

Trotzdem habe ich ihn in meinen publizistischen Arbeiten zum Verhältnis von Mensch und Technik bisher ausgeklammert. Einerseits geschah dies aus pragmatischen Gründen, denn ich bin kein Philosoph und meine Herangehensweise ist vorwiegend an der Kommunikationspraxis orientiert, versetzt mit techniksoziologischen Hintergründen. Andererseits nehme ich dann doch immer wieder mal Bezug auf phänomenologische Beschreibungsformen oder zitiere den einen oder anderen Technikphilosophen, und irgendwo steckt Heidegger in ganz vielen anderen Theorien und Methodiken, auch ohne dass das immer explizit gemacht würde. Eigentlich wäre es daher mal angebracht, zumindest seine wichtigsten Werke zu lesen und sich mehr als nur oberflächlich mit Technik als Gestell zu beschäftigen.

Aber eigentlich habe ich keine Lust dazu, denn ich komme nicht so richtig damit klar, dass ein überzeugter Nazi und Antisemit wie Heidegger (was schon seit Jahrzehnten bekannt ist) so eine große Bedeutung für die Philosophie im Allgemeinen und die Technikphilosophie im Besonderen hat. Das ist insbesondere seit der Veröffentlichung der „Schwarzen Hefte“ im Jahr 2014 und des Briefwechsels mit seinem Bruder Fritz Heidegger 2016 nochmal deutlich geworden. Darin: Hitler-Bewunderung, Juden-Hass und Opfer-Mythos. In Aufsätzen und Artikeln wird dieser Problematik manchmal in Form kurzer Disclaimer gedacht, um dann aber doch die Wichtigkeit von Heideggers Werk zu betonen. Ohne Heidegger scheint es nicht zu gehen, ohne ihn würde offenbar ein großer Stein im Gebäude der europäischen Philosophie des 20. Jahrhunderts fehlen. In der Tat war sein Denken von Bedeutung für so unterschiedliche Philosophen wie Jean-Paul Sartre und Maurice Merleau-Ponty, Michel Foucault und Jacques Derrida.

Das finde ich problematisch. Auch wenn ich nur relativ wenig aus und über Heideggers Werk kenne bzw. weiß, so zumindest doch, dass man einzelne Aspekte nicht einfach herauslösen kann. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Ansichten, die Heidegger in seinen „Schwarzen Heften“ und den Briefen an seinen Bruder vertritt, auch im Kern seines philosophischen Werks vertreten sind — darin zwar in heideggernd-raunender Sprache, aber deswegen nicht weniger bedeutsam — und dass man, wenn man Heidegger als ’normale‘ Referenz in einem anderen Text ‚benutzt‘, dies permanent (nicht nur am Anfang oder Ende oder in Fußnoten) mitreflektieren müsste: Dass man, wenn man mit Heidegger argumentierte, sich selbst und den Leser*innen stets bewusst machen müsste, was das eigentlich politisch bedeutet.

Einstweilen hilfreich finde ich die Sammelrezension von Jan Eike Dunkhase, die 2017 bei h-soz-kult erschienen ist. Darin werden alle Fragen, die ich habe, viel besser gestellt als ich es jetzt könnte, und vielleicht ist das auch ein guter Einstieg, um mir eine differenziertere Meinung zu bilden.

Viele Grüße aus dem Schwarzwald.

0 Kommentare zu “Technik, raunt es heideggernd

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: