Tagebuch

Flugangst — Flugspaß — Flugscham

Spätestens seit den Fridays For Future-Protesten widmen sich wieder viele Medien dem negativen Einfluss, den das Fliegen auf das Klima ausübt. In manchen Artikeln geht es um Alternativen für den nächsten Urlaub, in anderen betonen die Autor*innen, weiter fliegen zu wollen. Manchmal wird der Ruf nach nicht-fliegender Vorbildwirkung laut, manchmal auch nach Verboten. Es wird über alternative Antriebe spekuliert, und es wird berichtet, dass Fluggesellschaften trotz allem keinen Rückgang bei den Passagierzahlen verzeichnen. Ich könnte diesen Diskurs mit Interesse zur Kenntnis nehmen und seine persönlichen Folgen für mich auf die Urlaubsfrage reduzieren. Allerdings ist es nicht ganz so einfach.

Eine ganze Weile hatte ich Flugangst.

Diese Angst hatte sich nach ersten beiden Flügen entwickelt. Während die noch so neu und aufregend waren, dass an Angst nicht zu denken war, kamen bei den weiteren Flügen lauter Fragen auf. Ganz viele Unklarheiten, auf die ich keine Antworten hatte und die mich zunehmend nervös machten. Obwohl ich paradoxerweise zeitgleich viel Flugsimulation am Computer betrieb, war das damals noch zu unsystematisch, als dass mir das bei diesem Problem geholfen hätte. Fast zehn Jahre später fing ich deshalb in einem Anflug von Größenwahn an, einen Ultraleicht-Flugschein (UL) zu machen. ULs sind kleine Motorflugzeuge (noch kleiner als die bekannten Cessnas); das Flugzeug, mit dem ich lerne, ist eine C42C der Firma Comco-Ikarus. Im Reiseflug fliegt man mit ca. 140 km/h und verbraucht dabei ca. 15 Liter pro Stunde MoGas (was im Prinzip wie Super-Plus-Benzin ist).

Ich habe mittlerweile ca. 30 Flugstunden, bin aber noch weit vom Abschluss entfernt, da ich aus zeitlichen und finanziellen Gründen oft monatelange Pausen einlegen muss — zuletzt bin ich Ende März UL geflogen. Trotz dieses zähen Vorankommens haben mir die Flugstunden geholfen, die Abläufe des Fliegens und die physikalischen Zusammenhänge zu verstehen. Auch nach längeren Pausen verfalle ich nicht mehr in Schreckstarre, wenn es losgeht. Turbulenzen stören mich nicht mehr. Dadurch kann ich jetzt endlich auch entspannt mit Passagierflugzeugen in den Urlaub fliegen und voller Faszination für die Schönheit der Erde aus dem Fenster blicken, wenn wir scheinbar friedlich über den Wolken schweben — und, polemisch gesagt, ausgerechnet jetzt soll ich damit aufhören? Nachdem der Weg von Flugangst zu Flugspaß ein so langer, nicht gerade billiger und psychisch nicht so einfacher war, und ich jetzt endlich wirklich Spaß am Fliegen habe? Wie gesagt, polemisch ausgedrückt.

Mediale Beiträge zum positiven Bild des Fliegens

Das ist aber nur der eine Teil. Der andere betrifft meine freiberuflichen Tätigkeiten als Autor von Sachtexten. Denn neben meinem 25-Stunden-Job als Angestellter bei einem Kommunikationsdienstleister (wichtig für Krankenkasse und Miete) verdiene ich einen guten Teil meines Geldes mit Texten, die das Fliegen in einem positiven Licht darstellen: Ich schreibe Rezensionen und Workshops für das FS MAGAZIN, in dem es um Flugsimulation geht, also die teils sehr komplexe und realistische Nachstellung vom Fliegen am Computer. Ich erstelle Handbücher für die Hersteller von Simulationen, in denen ich die Funktionsweise der simulierten Flugzeuge erläutere (inklusive teils schwärmerischer Ausschweifungen über das jeweilige Flugzeug). Und ich habe auch schon mal für das Air Facts Journal und das fliegermagazin über echtes Fliegen geschrieben.

Aus Rückmeldungen und Gesprächen bekomme ich immer wieder positives Feedback zu meinen fliegerischen und über-das-Fliegen-schreibenden Aktivitäten — manchmal sogar so etwas wie ein paar Sekunden Bewunderung. Allerdings drückt genau das ein Problem aus: Indem ich positive Texte über das Fliegen schreibe, darüber spreche oder Fotos von eigenen Flugstunden poste (was allerdings, seit ich Facebook abgeschafft habe, sehr nachgelassen hat), stelle ich das Fliegen als etwas Erstrebenswertes, als etwas Schönes dar. Auch die Flugzeuge, über die ich schreibe, erscheinen in einem positiven Licht (denn ich schreibe nur über solche, die ich ganz naiv-emotional mag).

Meine Arbeit entspricht also schon fast dem Punkt 10 des Positionspapiers des Netzwerks Stay Grounded, nämlich „Werbung für Flugreisen und andere Marketing-Instrumente der Reise-, Luftfahrt- und Flugzeugherstellerindustrie“, die laut Stay Grounded „beendet“ werden müsse. Stay Grounded setzt sich dafür ein, umweltfreundliche Alternativen zum Fliegen zu schaffen (der oben verlinkte ZEIT-Artikel „Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“, stammt u.a. von einer Autorin, die zu Stay Grounded gehört).

Obwohl ich zwar nicht direkt für die von Stay Grounded genannten Industriezweige schreibe, so trage ich doch zu einer medialen Atmosphäre bei, die das Fliegen insgesamt befördert und positiv darstellt. Und das tue ich in vollem Bewusstsein darüber, dass eine positive Einstellung zum Fliegen mir dabei hilft, Geld zu verdienen — ich will ja, dass Leute die Zeitschriften kaufen, für die ich Artikel geschrieben habe, oder die Simulationen erwerben, denen meine Handbücher beiliegen, denn das verschafft mir nicht nur Tantiemen, sondern auch Hoffnung auf künftige Aufträge. Das ist sozusagen eine neben-/freiberufliche ökonomische Nische, in der ich mich seit einigen Jahren gemütlich eingerichtet habe. Damit werde ich zwar — im Sinne des sogenannten Äquivalenzeinkommens — nicht reich, aber liege ziemlich im Median. Diese bequeme Nische zu verlassen, mit der ich Spaß und Arbeit verbinde, kann ich mir derzeit nicht vorstellen.

Zurzeit Ratlosigkeit.

Man sieht also, zu diesem Thema habe ich noch eine Menge kognitive Dissonanzen zu bearbeiten — aber eine schnelle Antwort wird es darauf wohl nicht geben. Zumal das Fliegen nur einer der Vorzüge ist, die meiner privilegierten Position entstammen (in Westeuropa sozialisiert, weiß, männlich) und es noch viele weitere Punkte gibt, die aus dieser Position herrühren und die „man“ eigentlich ändern müsste (Stichwort: Imperiale Lebensweise bzw. Post-Wachstumsökonomie bzw. Degrowth). Vielleicht haben am Ende daher doch diejenigen unter den oben verlinkten Autor*innen recht, die mehr Scham und Verbote fordern. Weil sich von selbst zu wenig ändert.

5 Kommentare zu “Flugangst — Flugspaß — Flugscham

  1. Bert Groner

    Scham? Vor was? Sicher nicht. Vor billigen Flugtickets? In unserer neoliberalen Gesellschaft, in der sich die Wirtscahft jegliche Regulationen verbietet (und dort agressiv einfordert, wo es den Sharholder Value maximiert). Sollte man drüber nachdenken, denn wenn zwei Flüge und Aufenthalte im weit entfernten Ausland billiger ist als eine Woche Urlaub im eigenen Land, läuft etwas gehörig schief… Verbote? Solche, über die die Bunderegierung gerade (teuer beraten von „Weisen“) diskutiert und in deren Folge Benzin und Heizöl noch teurer werden sollen? Sicher, denn die (!) müssen es ja wissen, die (!), die sich in Berlin gut isoliert von den Sorgen ihrer Bürger meist mit sich selbst beschäftigen… Die, die in ländlichen Gegenden keine Alternative zu Autos haben, werden sich über solche Verbote aka Verteuerungen riesig freuen. Und die, die ihre Heizkosten sowieso schon kaum noch zahlen können, werden sich auch freuen. Denn wer will, wer muss schon heizen? Wir haben doch dier Klimaerwärmung… Auch die Protagonistin der Freitagsdemos ist gerade heute wieder per Flugzeug eingeschwebt. Vorbild? Sicher nicht! Gibt es keine Videowände mehr? Wir benötigen eine Gedankenwende und keinen „Emissionshandel“. Qui bono? Der Bürger sicher nicht, der „darf“ nur zahlen. Wir benötigen eine echte Energiewende und keine zusätzlichen Gas- oder Kohlekraftwerke, die für uns nach dem Wegfall der Atomenergie den „guten“ Strom für die ach so umweltfreundlichen E-Autos herstellen müssen. Übrigens herzlichen Glückwunsch, wer heute noch an umweltfreundliche E-Autos glaubt… Wir brauchen in der Tat Regeln und Gesetze, die die Industrie (und Fluggesellschaften) regulieren – und keine „Freiwilligkeiten“ seitens unserer MinisterINNen.

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    • Hallo Bert,

      natürlich sind auch funktionierende und finanzierbare Alternativen nötig, wenn man von Benzin, Gas, Kohle usw. weiter weg will (wenn man in einer ländlichen Region wohnt, wo vielleicht zwei Mal am Tag ein Bus vorbeikommt, ist es schwierig …). Auch die Frage nach E-Mobilität (wo der Strom herkommt) ist m.E. noch nicht wirklich geklärt — nicht in dem Umfang, wie es nötig wäre. Ob der Atomausstieg insgesamt nicht eher kontraproduktiv war, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich hoffe allerdings immer noch auf Kernfusion 😉

      Aber eine Sache: also, wenn du Greta Thunberg meinst, die ist selbstverständlich nicht mit dem Flugzeug nach Berlin gereist, sondern wie sonst auch mit dem Zug. Und nutzt sonst auch ganz fleißig Videokonferenzen (z.B. neulich bei dem Austausch mit Alexandria Ocasio-Cortez, der im Guardian bzw. auf deutsch im Freitag nachzulesen war).

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      • Bert Groner

        In einem Qualitätsmedium hieß es am Freitag, sie sei geflogen. Wenn dem nicht so ist, behaupte ich das Gegenteil. Wo wir wieder bei der Frage nach dem „sauberen“ Strom (diesmal) für die Züge sind. In Skandinavien mag es den geben – hier habe ich so meine Zweifel…

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