Bücher

Geisteswissenschaften im Aufbruch – Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie.

Wenn man das Buch von Philipp Felsch „Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960 – 1990.“ liest, dann wünschte man sich fast die 1960er und 1970er Jahre zurück, als sich die Intellektuellen und Studierenden noch in Lesezirkeln trafen und sich stundenlang abends über soziologische und philosophische Theorien austauschten sowie aus rein idealistischen Motiven Zeitschriften, Buchreihen und kleine Verlage gründeten. Wahrscheinlich ist das eine Verklärung der damaligen Situation, da ich 1976 geboren wurde und diese Zeit nicht (bewusst) miterlebt habe. Und wahrscheinlich hat mich gerade deshalb die Lektüre des Buches so in ihren Bann gezogen. Außerdem spielt mein Doktorvater auch eine Rolle in dem Buch, da er aktiver Teil dieses langen Sommers der Theorie war. Durch seine Seminare, die ich begeistert besucht habe, bin ich während meines Studiums mit Texten der Theoretiker und Philosophen Michel Foucault, Jean Baudrillard, Jean Starobinski, Paul de Man, Roland Barthes u.v.a. „aufgewachsen“ und durch sie wesentlich geprägt worden, ohne den Kontext ihrer Entstehungszeit zu kennen. Diese Lücke hat das Buch nun gefüllt. Die poststrukturalistischen Denker haben mich fasziniert, da sie mir eine ganz neue Art des Denkens und neue Perspektiven auf Kultur, Literatur und Gesellschaft eröffneten.

Philipp Felsch zeichnet in seinem Buch die Entwicklung des Merve-Verlags nach, der sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Texte der genannten Theoretiker nach Berlin zu „bringen“ und damit dem gesellschaftspolitischen und kulturtheoretischen Diskurs eine neue Richtung zu geben. Peter Gente, der mit Texten von Adorno seine Liebe zu theoretischen Texten entdeckte, gründete 1970 den Merve-Verlag. Die Berliner Student*innen stürzten sich begeistert auf die Texte und diskutierten sie ausgiebig.

Der Verlag hat sich bis heute gehalten und bringt bis heute hoch komplexe, theoretische Texte heraus, die teilweise darauf angelegt sind, dass sie sich einem nicht vollständig erschließen. Sie stellen hohe Ansprüche an die Leser*innen und sind gerade deshalb so wertvoll, weil sie eine nicht zu unterschätzende Beobachtungsfunktion in der heutigen Gesellschaft innehaben. Die zweite Ehefrau von Peter Gente und Co-Verlegerin, Heidi Paris, hat in den 1980er Jahren sogar die geringen Stückzahlen ihrer Bücher positiv hervorgehoben, da es dadurch gelang, sie – „frei nach Walter Benjamin – in der Schwebe zwischen Aura und Reproduzierbarkeit zu halten“ (Felsch, S. 180).

Bildnachweis: S. Fischer Verlage

Die Lektüre des Buches ist deshalb so lohnenswert und erfrischend, weil nicht die Personen im Vordergrund stehen, sondern die theoretischen Texte und ihre Einbettung in den Kontext der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Merve-Verlags und der linkspolitisch ausgerichteten Studierendenschaft in West-Berlin im Zuge der Ereignisse rund um das Jahr 1968. Philipp Felsch hat es geschafft, die Temperatur und Stimmung der 1970er und 1980er Jahre im akademischen Umfeld äußerst lebendig und mit sehr interessanten Details zu beschreiben. Es ist gerade für die heutige Zeit ein wichtiges Buch – eine Zeit, in der die Geisteswissenschaften weiterhin nach Orientierung suchen.

Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960-1990. S. Fischer Verlage, 2016.

0 Kommentare zu “Geisteswissenschaften im Aufbruch – Philipp Felsch: Der lange Sommer der Theorie.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: