Musik

Lazarus lebt. David Bowies Musical am Schauspiel Leipzig

David Bowies Musical „Lazarus“ (zu dessen Premiere am 07.12.2015 in New York Bowie seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte) wird seit geraumer Zeit in unterschiedlichen Versionen auch in Deutschland aufgeführt. Am 15.06.2019 hatte Lazarus am Schauspiel Leipzig Premiere; ich habe mir die Aufführung am 04.07. angeschaut, nachdem ich schon vorher Ausschnitte der New Yorker Fassung im Internet gesehen, das Skript gelesen und die CD rauf und runter gehört hatte.

Lazarus vereint 16 Songs Bowies, von denen er vier extra für das Musical geschrieben hatte (darunter den Titeltrack, der auch auf dem gleichnamigen Album veröffentlicht wurde). Darunter sind Klassiker wie „Life on Mars?“, „Absolute Beginners“ und „Heroes“. Verbunden werden die Songs durch eine Geschichte, die Walter Tevis Roman „Der Mann, der vom Himmel fiel“ (1976 mit Bowie verfilmt) fortführt.

Der Protagonist, der vom Planeten Anthea stammende Thomas Jerome Newton, hat das Leben auf der Erde satt und betäubt sich mit Alkohol und Fernsehen. Sein Wunsch ist es, eine Rakete zu bauen und nach Hause zurückzukehren. Da erscheint ein geheimnisvolles Mädchen und verspricht, ihm zu helfen. Die Handlung ist eher lose erzählt. Gezeigt werden einzelne Momente, die — wenn Newton im Mittelpunkt steht — immer mit einer gewissen Verzweiflung einhergehen. Nebenstränge drehen sich um Newtons Assistentin Elly, deren Leben in einer beruflichen und privaten Sackgasse steckt, und die sich in Newton verliebt, sowie um ein junges Liebespaar. Der bedrohlich-verführerische Valentine verbindet alle Stränge miteinander.

Die Leipziger Aufführung wird von Darsteller*innen und einer Band getragen, die Bowies Songs und seinem Musical sowohl musikalisch als auch schauspielerisch gerecht werden. Da Lazarus glücklicherweise kein Musical über David Bowie ist (wenngleich über autobiographische Einflüsse gern spekuliert werden darf), kann Newton-Darsteller Christopher Nell relativ unbelastet vom großen Vorbild agieren. Mit großer Dramatik, aber angemessen gefühlvoll spielt er den immer wahnhafter wirkenden Newton.

Fast schon overacted der sehr präsente Valentine-Darsteller Dirk Lange, der dem Gesamtwerk dadurch einen ironischen Spiegel vorhält. Ob es unbedingt nötig war, den letztlich gewalttätigen Valentine als Klischee des Leatherman (d.h. des in Lederkleidung gehüllten homosexuellen Mannes) zu zeigen, will ich nicht abschließend beurteilen. Möglicherweise ist dies, ähnlich wie alle anderen Kostüme, einfach ein weiterer Bezug zu popkulturellen Darstellungen der USA der 1970er Jahre.

Newtons weibliche Gegenparts sind gleichfalls gut besetzt. Luise Schubert singt und spielt Newtons Assistentin Elly (im Original von der u.a. aus How I Met Your Mother bekannten Cristin Milioti gespielt); Anna Keil das geheimnisvolle Mädchen. Letzteres wurde im Original von Sophia Anne Caruso dargestellt; Anna Keil verleiht der Rolle und Songs wie „Life on Mars?“ ein etwas angemesseneres Volumen.

Musikalisch hält sich die Leipziger Fassung ansonsten recht eng ans Original. Visuell und schauspielerisch setzt sie einige ansprechende Akzente. Videoeinspielungen kommen im heutigen Theater zwar recht oft vor, passen hier aber zur Handlung und fügen eine teils tragikomische Ebene hinzu. Ständige Bewegungen — der Bühne um sich selbst, aber auch von Menschen auf den verschiedenen Ebenen des durch ein Stahlgerüst symbolisierten New Yorker Wohnhauses — halten das Auge gefangen. Interessant ist im deutschsprachigen Theater zudem immer der Kontrast zwischen den deutschen Sprechrollen (Deutsch von Peter Torberg), deren Darbietung recht „theaterhaft“ wirkt, und den bei aller Tragik doch lässiger wirkenden englischsprachigen Liedern.

Insgesamt ist „Lazarus“ ein fast zweistündiger, surrealer, aber ans Herz gehender Trip durch Newtons Erinnerungen und Hoffnungen, sowie durch Bowies eigene Popgeschichte. Man gewöhnt sich schnell an die ambivalent gezeichneten Figuren und am Ende ist es schade, wie schnell das Musical vorbei ist. Dies ist nicht nur der Verdienst der zeitlosen Songs selbst, sondern besonders auch das der Leipziger Schauspieler*innen und der stets sichtbaren Band. Entsprechend begeistert zeigte sich am Ende auch das Publikum.

„Lazarus“, David Bowie und Enda Walsh, nach dem Roman „The Man Who Fell To Earth“ von Walter Tevis. Schauspiel Leipzig.

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