Aus dem Gleichgewicht — Theresa Hannig: Die Unvollkommenen

Am mecklenburgischen Ostseestrand, nahe der Hansestadt Rostock, gibt es ein Seebad, das für gewöhnliche Bürger*innen nicht zugänglich ist. Nein, die Rede ist nicht von Heiligendamm, das seit dem Verkauf des historischen Ortskerns an den Projektentwickler Anno August Jagdfeld im Jahr 1996 auch an normalen Tagen fast so abgeschottet ist wie während des G8-Gipfels 2007. Nein, hier geht es um das nur wenige Kilometer entfernte Ostseebad Kühlungsborn — allerdings das des Jahres 2058, wie es in Theresa Hannigs neuem Roman „Die Unvollkommenen“ geschildert wird.

Die folgende Rezension enthält leichte Spoiler.

2058 wird Kühlungsborn durch eine riesige weiße Mauer vom Rest der Küste abgegrenzt sein. Die 1910-12 im Ortsteil Arendsee errichtete „Villa Baltic“ wird 2058 zum sanften Gefängnis ausgebaut sein — zum „Internat“, wie es in der euphemistischen Sprache der Bundesrepublik Europa (BEU) heißen wird. In das Internat kommen keine Kinder reicher Eltern, sondern aufmüpfige Bürger*innen, die sich nicht mit der durch Social Scoring und KI-gestützte Überwachung geprägten Optimalwohlökonomie der BEU abfinden möchten. In Kühlungsborn verbringen diese bedauernswerten Gestalten ihr Leben in einem goldenen Käfig zwischen Völlerei und Unterhaltungsmedien, ruhig gestellt und bewacht von Robotern, und jeden Freitag versorgt mit religiös verbrämter politischer Propaganda. Wer Glück hat, muss nur einige Zeit in diesem Albtraum verbringen. Andere aber sollen bis zum Lebensende bleiben. Eine dieser Unglücklichen ist Paula Richter, auch bekannt als Lila.

BEU, Optimalwohlökonomie, Roboter und Lila — wem das bekannt vorkommt, hat wahrscheinlich Theresa Hannigs Roman „Die Optimierer“ (2017) gelesen (Rezension). Im Juni 2019 nun hat Hannig die Fortsetzung „Die Unvollkommenen“ veröffentlicht. Endlich erfahren wir, wie es weitergeht mit den Themen und Personen, die die Autorin damals eingeführt hat. Es sind einige Jahre vergangen und der Protagonist des ersten Bandes, Samson Freitag, ist nach seiner Wiedergeburt als Roboter nicht nur zum Alleinherrscher aufgestiegen, sondern wird mittlerweile als Gottheit verehrt. Lila lag einige Weile im juristisch verordneten künstlichen Koma, darf aber auf Bewährung aufwachen und im Internat Kühlungsborn in einem goldenen Käfig leben. Jeden Freitag finden dort Andachten zu Ehren Samsons statt.

Etwa das erste Drittel des Buches spielt in Kühlungsborn und an der Küste. Später geht es zurück nach München, an den Schauplatz des Vorgängerbuches. Auch dort wird deutlich, was sich im Internat schon andeutete: dass die ganze BEU sich von einer zumindest formal noch demokratischen Staatsform zu einer Theokratie entwickelt hat. Zu hunderten rennen die Menschen in München in die nunmehr Samson gewidmeten Kirchen, um an einer Art Gottesdienst teilzunehmen und dort öffentlich ihre Sünden zuzugeben und zu bereuen. Anders als bei früheren Religionen ist das religiöse Versprechen aber eingelöst: Wenn die Menschen innerlich von Gott berührt werden, dann ist das nicht nur ein Gefühl oder eine Metapher, sondern Folge der „Integration“ — der Implantation bestimmter Computerchips ins Gehirn, was fast alle Menschen mit dem Internet und mit Samson verbindet, und mit denen die Menschen und Samson auch die Hormonproduktion der Körper steuern können: Glück und Ekstase auf Knopfdruck.

Während dies für manche Menschen eine nützliche Hilfe im Alltag und ersehntes religiöses Einssein mit Samson bedeutet, ist es für Freigeister wie Lila nicht so einfach. Sie ist hin und her gerissen zwischen ihren eigenen Überzeugungen, ihren früheren politischen Ambitionen, ihrer Sympathie zum früheren Menschen Samson, und ihrer erst Ab- und zunehmend Zuneigung zum Roboter-Gott Samson, der sie für eine besondere Aufgabe auserkoren hat. Durch die Haft und die gesellschaftlichen Veränderungen (z.B. gibt es eine neue Art Roboter, die sich von ihren Vorgängern, die noch unreine Mensch-Roboter-Hybriden waren, abgrenzt) hat Lila ihr Gleichgewicht verloren. Hannig macht diese inneren Konflikte insgesamt nachvollziehbar, ich hätte dem Buch aber etwas mehr Seiten gewünscht, damit Lila auch im Einzelnen weniger sprunghaft, nachvollziehbarer wirkt.

Etwas mehr Ruhe hätte ich auch manchen Dialogen gegönnt, da sie nämlich wichtige Themen verhandeln, die nicht erst 2058 relevant sein werden. Wir reden etwa ständig von KI, aber ist die eigentliche Herausforderung nicht eher die menschliche Seele? Welche Rechte können künstliche Menschen (Roboter) für sich beanspruchen? Was ist von einer Trennung künstlicher Menschen und (unvollkommener?) biologischer Menschen zu halten? Ist Abschottung wirklich die beste Antwort auf die teils gewalttätigen Folgen einer vom Klimawandel gequälten Welt? Welche Rolle spielt Religion, wenn die Verheißung eines „Reinen Landes“ nach dem Tod mit technischen Mitteln wirklich realisierbar ist? Ist so ein künstliches Paradies nur ein schwacher Ersatz, oder die Erfüllung allen Glaubens? Darf man Menschen zwingen, sich technisch in eine vollvernetzte Welt und deren Roboter-Gott zu integrieren? Das ganze Buch ist durchzogen von diesen wichtigen Fragen.

Während „Die Optimierer“ noch unsere Welt und nähere Zukunft widerspiegelt, sind „Die Unvollkommenen“ innerhalb weniger Jahre an einem Punkt angelangt, der an die von Ray Kurtzweil vorhergesagte technologische Singularität erinnert. Die Grenze zwischen Utopie und Dystopie ist in der BEU hauchdünn — wie Lila selbst ist man als Leser*in hin und her gerissen — will Samson nicht letztlich doch nur das Gute für alle Menschen? Eine allzu einfache Antwort gibt das Buch nicht — wenngleich zumindest Lila am Ende eine Entscheidung fällt.

Bildnachweis: Bastei Lübbe (Shop)

Theresa Hannigs Roman „Die Unvollkommenen“ ist im Juni 2019 bei Bastei Lübbe erschienen.

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